Zeilen aus Minsk

Poesie Vor einem Jahr gingen die Menschen in Belarus auf die Straße. Nun erscheint der Band „Stimmen der Hoffnung“ mit Texten aus jenen Tagen
Zeilen aus Minsk

Foto: Rafal Milach/Magnum Photos/Agentur Focus

Lesen wir Gedichte

Volha Hapeyeva, aus dem Belarussischen von Thomas Weiler

poesie

erinnert uns daran

was das heißt

menschsein

sie macht uns offen

und damit stark

das wort

kann niemand uns entziehen

unsere poesie

kann niemand uns nehmen

Poesie als Akt und als Raum der Freiheit feiert das Gedicht der Schriftstellerin und Linguistin Volha Hapeyeva. Es kommt mit wenigen Worten aus, verweigert sich jeglicher Prätention, zielt direkt auf die existenzielle Notwendigkeit der Kunst- und Redefreiheit, auch unter einer von Willkür und Terror geprägten Regierung. Volya Hapeyeva, geboren 1982 in Minsk, die in ihren autobiografischen Aufzeichnungen Camel Travel vom Aufwachsen in einem Land erzählt, in dem zwei Sprachen gesprochen werden, hat ein Plädoyer für die Poesie verfasst, das alle ansprechen will: Fünfmal wird das Reflexivpronomen „uns“ eingesetzt, das entschieden an das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Adressaten appelliert.

Stadtführer für Minsk

Sasha Filipenko, aus dem Russischen von Ruth Altenhofer

Es gibt eine U-Bahn, sie fährt aber nur fünf Tage die Woche. Dasselbe gilt für das mobile Internet. Covid gibt es nicht, aber immer öfter doch. Die Straßen sind voller Mist – wegen der vielen Bullen. Die besten Restaurants sind zu, die Galerien auch. Wenn Sie beim Morgenkaffee gern aktuelle unabhängige Zeitungen lesen – unterstützen Sie ihre Publikation und Verbreitung. Wenn Sie eine Theateraufführung sehen möchten – bringen Sie die Schauspieler selbst mit (die hiesigen wurden entlassen). Wenn Sie Journalist sind – werden Sie nicht ins Land gelassen. Wenn Sie studiert haben – auch nicht. Wenn Sie ein unbegabter Propagandist oder ein Streikbrecher sind – werden Sie mit offenen Armen empfangen, und weil wir ein in Staatengemeinschaften integrierter Staat sind, brauchen Sie auch kein Visum. Wenn Sie nicht wissen, welche Kleidung Sie einpacken sollen – entscheiden Sie sich für etwas Sportliches, und denken Sie an die Daunenjacke – kalt ist es bei uns nicht, aber auf den Pritschen schläft man damit weicher. Wenn Sie gern Fahrrad fahren – es gibt viele Radwege, aber Sie gelten dann als Faschist. Warum? Diese sinnlose Frage gibt es in Belarus längst nicht mehr. Wenn Sie einer Person mit einer Kamera oder einem leeren Blick begegnen – das sind Silowiki in Zivil. Die sind harmlos, sie fressen einem aus der Hand. Die mit der Zunge im Arsch sind die Fußballer der Nationalmannschaft. Oder, wenn sie etwas größer sind, berühmte Hockeyspieler. Mit rot-grünen Fahnen darf man spazieren gehen, mit weiß-rot-weißen nicht. Verwechseln Sie das nicht! In Jogginghosen und mit Gewehr herumlaufen darf man, in Kleidern und mit Blumen nicht. Graffiti malen ist verboten, Gedenkstätten zerstören nicht. Drogen gibt es in der Stadt keine – die hat alle die OMON gefressen. Wenn Sie ein Mann in aggressiver Stimmung anpöbelt – leisten Sie keinen Widerstand, das ist ein Polizist. Wenn neben Ihnen ein Kleinbus anhält – rennen Sie, aber nicht im Trab, sondern so schnell Sie können. Jedenfalls, willkommen in Minsk, haben Sie keine Angst und gehen Sie viel spazieren – vielleicht werden Sie gar nicht festgenommen – die Gefängnisse sind alle voll.

„Warum? Diese sinnlose Frage gibt es in Belarus längst nicht mehr.“ Das Vademecum für Minsk, das der 1984 dort geborene Sasha Filipenko, scharfer Kritiker der Regierung Alexander Lukaschenkos, dem Reisenden an die Hand gibt, macht keine Lust auf einen Aufenthalt in der weißrussischen Hauptstadt. Dort herrschen Mangel, Gewalt und Überwachung durch die OMON, eine für ihre Brutalität berüchtigte Spezialeinheit der Miliz und Teil von Lukaschenkos Machtapparat. Die Zustände, so der Text, dessen nüchterner Satzbau in strengem Kontrast zum beißenden Ton der Aussagen steht, sind bedrohlich, unhaltbar. Nur wer sich regierungskonform verhält, hat überhaupt eine Chance, unbehelligt zu bleiben.

Wunder

Dmitri Strozew, aus dem Russischen von Andreas Weihe

sie sind aus dem haus gegangen

haben sich in die straßen ergossen

wie wasser

auf das wasser hat man eingeprügelt

mit wasser hat man sie begossen

das wasser ist gestiegen

ungebrochen

nicht sauber gewaschen

durch das nadelöhr gegossen

sind sie heimgekehrt

die

gestern wasser waren

sind heute wein

Der zeitweilig inhaftierte Minsker Dichter Dmitri Strozew (geb. 1963) legt dem Gedicht eine Erzählung aus dem Johannesevangelium zugrunde: Bei der Hochzeit zu Kana zeigt Jesus sich als Messias, als er Wasser in Wein verwandelt. Auch das „Nadelöhr“ nimmt Bezug auf die Bibel, auf Matthäus, Markus und Lukas: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Der Vergleich der Protestierenden mit Wasser schreibt die Kraft zur Verwandlung den Menschen zu, die „durchs Nadelöhr gegossen heimgekehrt“ sind. Zugleich sind die Weissagungen aus dem religiösen Kontext gelöst, da keine höhere Macht angesprochen ist. Das Gedicht fragt nach Gottes An- oder Abwesenheit.

Hanna Komar, aus vom Belarussischen von Ruben Biewal

die Nacht über automatische Wahlwiederholung

Wahlzeichen sind wie Schlagstöcke

Gummikugeln

alle auf einen

130, 131 – langer Ton

wie bis zum Morgen mit dem Gesicht auf den Beton

wie eine Bewusstlosigkeit, aus ihr herausgerissen

durch einen neuen Schlag

wie drei Tage ohne Essen

es gibt keine Antwort auf alle unsere

weißen Blumen

roten Herzen

der menschliche Körper und Geist

halten Traumata aus

unvereinbar mit dem Glauben an etwas Besseres

wechseln wir die Farben von

„Angst“, „Besorgnis“, „Beschwerde“ nach

„Widerstand“, „Warten“, „Hoffnung“

Wenn all das enden wird

helfe ich dir umzufärben

die nackten Wände

weiß

rot

weiß

Ein bedrohliches Szenario entfaltet die 1989 in Baranawitschy geborene Hanna Komar, die im Rahmen der Proteste 2020 ebenfalls zeitweilig inhaftiert war: Ein Anruf läuft ins Leere, das Geräusch der Wahlwiederholung wird zu dem eines Schlagstocks. Das Gedicht hält aber dagegen, mithilfe der Symbolik der Farben. Die weiß-rot-weiße Fahne, die Gegner des Lukaschenko-Regimes bei den landesweiten Protesten mit sich trugen, erscheint als Zeichen der Hoffnung. Das Gedicht lädt die Farben durch den Kontext zugleich so auf, dass das „Umfärben“ der nackten Wände als Wunsch gelesen werden kann, Spuren von Blut, das geflossen ist, zu beseitigen – kein Akt des Vergessens, sondern einer der Solidarität.

Ljubow, aus dem Russischen von Marina Unger

Dort, wo es weder nach Myrrhe noch nach Weihrauch duftet,

Dort, wo Türen vor Gewehren nicht schützen,

Dort, wo die Dämmerung den Himmel in Flammen setzt,

Dort standen wir, als unsere Freunde von uns gingen.

... alles wiederholt sich in diesem Teufelskreis:

Kampf und Verlust gehen Hand in Hand.

Und spürbar tief und glühend heiß

Dringt der Splitter des Hasses unter die Haut.

... eines Tages, vielleicht, verstehe ich sie auch,

Diese Zeit voller Blut und voller Rauch ...

Unter den von Alina Lisitzkaja herausgegebenen Stimmen der Hoffnung. Aufzeichnungen, Gedichte, Texte der Belarussischen Freiheitsbewegung (Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2021, 224 Seiten, 22 €) sind auch Menschen, zu denen das biografische Verzeichnis sagt: „Keine Information vorhanden“ – drei Worte, hinter denen ein Leben steckt. Ljubows Gedicht ist ein literarisches Komplement zur Unzugänglichkeit dieses Lebens: Ein Ort wird zum unwirtlichen, an dem „die Dämmerung den Himmel in Flammen setzt“. Man denkt an Mars, den Kriegsgott – und ist inmitten einer Gesellschaft, in der Unrecht, Kampf und Hass sich ausgebreitet haben. Der tiefe Hass, der vielleicht Rache zeitigt, ist so schwer zu ertragen, dass dem Ich des Gedichts lediglich die unbestimmte Hoffnung auf die Zukunft bleibt, darauf, „eines Tages zu verstehen“.

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06:00 26.08.2021
Geschrieben von

Ausgabe 37/2021

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