Zeit der Brüche

Literatur In ihrem Roman „Kairos“ erzählt Jenny Erpenbeck von einer Amour fou – und deren Bröckeln, überlagert vom Untergang der DDR
Zeit der Brüche
Die Liebe ist ungestüm, das Entlieben umso qualvoller

Foto: Martin Parr/Magnum Photos/Agentur Focus

Jede Liebesgeschichte ist eine andere, weil die Umstände, unter denen sie stattfindet, immer wieder andere sind. Jenny Erpenbeck erzählt in ihrem neuen Roman die Liebesgeschichte eines Paars, dessen Altersunterschied 34 Jahre beträgt. Er ist 1933 geboren, sie 1967. Was übrigens auch Jenny Erpenbecks Jahrgang ist. Die Autorin, geboren in Ost-Berlin, hat schon vor Jahren ihre Profession als Opernregisseurin aufgegeben und sich ganz der Literatur zugewendet. Mit großem, auch internatinalem Erfolg, ihre Romane Heimsuchung (2008) und Aller Tage Abend (2012) haben Leser:innen und Feuilleton begeistert, wurden in 20 Sprachen übersetzt. Gehen, ging, gegangen, 2015 erschienen, nicht ganz so.

Für Kairos, den neuen Roman, braucht sie den großen Altersunterschied der Liebenden, denn sie erzählt noch eine andere Geschichte: die vom Aufstieg und Fall der Hoffnungen, die sich einst mit der DDR verbanden. Der Roman setzt 1986 ein und bietet dem Leser in der privaten Geschichte eine aufschäumende Liebe, eine Amour fou, und in der Zeitgeschichte das Ende der DDR. Es war ein elfter Tag eines Monats, als Hans, der Schriftsteller, und Katharina, die angehende Setzerin, sich zufällig begegnen und den glücklichen Moment als ersten Augenblick einer Liebe erleben. Die Griechen haben einen glücklichen Moment Kairos genannt und ihn wegen seiner Bedeutung sogar als Gottheit personifiziert. Noch am ersten Abend schlafen sie miteinander.

Es ist das Jahr 1986, die DDR wird es noch etwa vier Jahre geben. Schon auf halber Strecke wächst für die beiden Liebenden die Frage: War der Augenblick, in dem sie sich trafen, wirklich ein glücklicher? Die Autorin eröffnet den Roman mit einem Prolog, in dem sie anzeigt, dass er nicht glücklich ausgehen wird. Hans hinterlässt Katharina, die inzwischen – 25 Jahre mögen vergangen sein – in einer anderen Familie lebt, nach seinem Tod zwei große Umzugskisten. Sie sind gefüllt mit Erinnerungsstücken an ihre Zeit: Briefe, Fotos, Negative von Fotos, Einkaufszettel, Notizen aller Art und vieles mehr. Sie bilden die Lebenslinie einer besonderen Liebe.

Hans kann nicht anders

In dem, was zwischen Hans und Katharina entsteht, spielt sexuelles Begehren eine genauso große Rolle wie die Feier des Glücks, sich gefunden zu haben. Ihr Glück findet nicht im Paradies statt, sondern ist in manchem sehr weltlich: Hans ist verheiratet und will sich nicht trennen. „Was ich bin, bin ich durch meine Ehe“, sagt er. Seine Geliebte ist keineswegs seine erste Nebenfrau und sexuell bevorzugt er SM-Praktiken. Trotzdem ist Katharinas Vertrauen unerschütterlich, seines allerdings nicht. Das liegt vielleicht in der Natur der Liebe eines Mannes, der 34 Jahre älter ist. Aus Hans’ Zweifel an ihrer Treue wächst ganz klassisch die sich selbst erfüllende Prophezeihung. Damit endet der Aufstieg einer großen Liebe und die Sichtung des ersten Kartons. Im zweiten liegen die Zeugnisse für das Ende, das mit dem Ende der DDR und den ersten Erfahrungen im vereinten Deutschland parallel läuft. 1992, nach der dritten Trennung, gehen sie auseinander.

War schon im ersten Romanteil die Amour fou in einer existenziellen Intensität vorgeführt, die diesen Roman so außergewöhnlich macht, so setzt sich das im zweiten Teil fort, wenn der Leser die Perfidie erlebt, mit der der Mann Katharina für ihren Fehltritt zu bestrafen versucht. Er zieht alle Register seiner Macht, verlangt „Aufarbeitung“, diktiert den Abschiedsbrief an den anderen Liebhaber und übergibt Katharina mehrfach besprochene Tonbandkassetten, die sie zu beantworten hat. Der Mann betreibt so etwas wie Gehirnwäsche. Man meint, dass die Leidensfähigkeit der Frau erschöpft ist, aber sie klammert sich weiter an ihre Liebe zu Hans. Irgendwann ist der Weg des Abstiegs begonnen und das Verschweigen nimmt zu. Katharina lässt sich mehrmals mit anderen Männern ein, wird schwanger und hat eine Fehlgeburt. Erst erlebt sie Hans fast nur noch in ihren Träumen, dann gar nicht mehr.

Diese außerordentliche Liebesgeschichte stellt Jenny Erpenbeck nicht ohne Absicht in die Jahre kurz vor und kurz nach dem Ende der DDR. Hans und Katharina sind keine Referenzfiguren, dafür haben sie ein viel zu starkes literarisches Eigenleben, aber es gibt reichlich Bezüge zwischen beiden Ebenen.

Hans hat als bekehrter Hitlerjunge in den Antifaschismus der DDR mit hohen Werten und Idealen hineingefunden. Inzwischen hat sich bei ihm der Glaube an die gute Sache abgeschwächt. Auch Katharina ist, was ihr Land betrifft, durchaus nicht hochgestimmt, aber bei einer Reise nach Köln – ihre Großmutter wird siebzig und sie darf für eine Woche in den Westen reisen – schockiert sie die Anbetung des Goldenen Kalbs genauso wie die Bettler im Straßenbild. Trotzdem treffen in den zwei Generationen zwei verschiedene Prägungen aufeinander. Hans ist bereit, den Verrat der „hohen Werte und Ideale“, den er seiner Geliebten vorwirft, mit Gewalt zu bestrafen. Er ist 1987 Mitarbeiter einer Inszenierung der Lohndrücker, worin Heiner Müller den Widerspruch von altem und neuem Bewusstsein auf die Bühne bringt. Die Frage wird gestellt: „Kannst du, was war, begraben?“

Die Antwort ist ein klares Nein. Daraus entwickelt der Roman ein zentrales Motiv für die männliche Hauptfigur. Hans beansprucht Macht über andere Menschen mit der Legitimation, es für die gute Sache tun zu müssen. Als Muster dafür bringt Hans erschreckenderweise das Lehrstück Die Maßnahme von Brecht ins Spiel, wo mit der „Tötung des jungen Genossen“ durch die eigenen Leute die Frage nach der Moral der Revolution aufgeworfen wird. Hans kann aus seiner Haut nicht heraus, die ihm aus seiner Biografie gewachsen ist. Er zerstört seine Liebe.

Ein Liebes-, ein Wenderoman

Die Autorin lässt sich nicht auf eine plumpe Gleichnisebene ein. Aber wenn sie für Katharina in einem Atemzug zwei Fragen stellt: „Wird sie in einem Jahr noch mit Hans zusammen sein? Wird ihr Land in einem Jahr noch ihr Land sein?“, dann zeigt sich auch in diesem Roman Jenny Erpenbecks Interesse an den Überlagerungen von Zeitgeschichte und Individualgeschichte, mit Vorliebe in Momenten, wo sich Brüche ereignen.

Während im Roman der Liebe mehr und mehr der Boden schwindet, kommt der Verlauf der Wiedervereinigung in den Blick. Aber weder die abgewirtschaftete DDR noch der hilflose Liebhaber können das Ende abwenden. Der Paternalismus von Hans erweist sich auf ganzer Linie als Herrschaftsanmaßung. Auf diese Weise sind viele der „hohen Werte und Ideale“ des Landes unter die Räder gekommen, ehe der Rest den Siegern ausgeliefert wurde. In der Betrachtung der deutschen Einheit ist der Roman kompromisslos und nennt die Wiedervereinigung einen Beitritt in Eile.

Einer Eile, von der es zumeist heißt, dass sie dem Druck der Straße geschuldet war. In Kairos wird noch ein Gedanke hinzugefügt: „Der Aufbruch, der kurz zuvor noch im Widerspruch zur bestehenden Ordnung des Ostens gestanden hat, wird nun bald in Widerspruch zur Ordnung des Westens stehen, die da kommen wird.“ Plötzlich lässt sich dieser Liebesroman auch als Wenderoman lesen und zeigt, dass dieses „deutsche Genre“ immer noch Platz für weiße Flecken besitzt.

Dass im Anfang bereits das Ende lag, erzählt die Autorin ohne eine Spur von Triumph, sondern mit der Anteilnahme einer Schriftstellerin, die den Schmerz mit ihren Figuren teilt. Kairos ist ein überzeugender Roman, der leider die Jury des Deutschen Buchpreises nicht überzeugt hat. Warum auch – es ist vermutlich nicht das Thema der Juroren und Jurorinnen. Denn niemand aus der Jury besitzt im 31. Jahr der deutschen Einheit eine Ost-Biografie.

Info

Kairos Jenny Erpenbeck Penguin Verlag 2021, 384 S., 22 €

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06:00 08.09.2021

Ausgabe 38/2021

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