Ludwig Watzal
07.11.2003 | 00:00

Zeit der Durchhalteparolen

Kommentar Rumsfeld spricht wieder von Krieg

Der Schlamassel im Irak wird für die sogenannte "Koalition der Willigen" unter Führung der USA immer größer. Und für Präsident Bush wird es erkennbar schwieriger, die hohen Verluste an Menschenleben zu rechtfertigen. Das offenbarten nicht zuletzt die recht hilflos wirkenden Erklärungsversuche und trotzigen Durchhalteparolen von US-Verteidigungsminister Rumsfeld, nachdem vergangenen Sonntag durch einen Hubschrauberabschuss 16 Soldaten getötet und 20 zum Teil schwer verletzt worden waren. Rumsfeld machte keine gute Figur, als er zu diesem Vorfall lapidar feststellte: "Im Krieg gibt es solche Tage. Es ist notwendig, dass wir das akzeptieren." Nur was sollen dazu die amerikanischen Familien sagen, die Tote zu beklagen haben? Als der Bush-Regierung die zynische Kaltschnäuzigkeit Rumsfelds bewusst wurde, musste der im Fernsehsender Fox nachbessern und sprach fortan von einem "tragischen Ereignis" und einer "nationalen Tragödie".

Der Anfang vom Ende der sowjetischen Besatzung Afghanistans wurde durch die Boden-Luft-Raketen vom Typ Stinger eingeläutet; der irakische Widerstand verfügt nach US-Angaben über 1.000 dieser tragbaren Waffen und den Vorteil, als kämpfende Formation für die Besatzungstruppen fast unsichtbar zu bleiben. Der Widerstand bestimmt das Gesetz des Handelns - folglich bleiben die Analysten der US-Regierung mit ihren Erklärungen diffus. Eine Koalition aus Anhängern des alten Regimes, Kriminellen und internationalen Terroristen bilde dieses Widerstandkonglomerat, heißt es. Nur darf nicht in Vergessenheit geraten, dass die USA durch ihren Überfall auf den Irak erst den internationalen Terrorismus dorthin gelockt haben, wenn es überhaupt zutrifft, dass al Qaida und andere an Operationen beteiligt sind.

Einen schnellen Ausweg aus der völlig verfahrenen Situation gibt es nicht. Ein Anfang wäre gemacht, wollte sich George Bush dazu entschließen, Rumsfeld und Wolfowitz ihrer Posten zu entheben. Nur würde er dabei selbst soviel politischen Schaden nehmen, dass er gleich mitgehen könnte. Das sinnlose Sterben von US-Soldaten wird daher kaum ein Ende haben. Wie hätte Bush reagiert, wenn Paul Wolfowitz nicht lebend aus dem Irak zurückgekehrt wäre?

Die Diskrepanz zwischen der Realität im Irak und der Scheinwelt der Ideologen in Washington wird immer größer. Von den 360 toten US-Soldaten starben 240, nachdem der Präsident persönlich Anfang Mai das "Ende der Kampfhandlungen" verkündet hatte. Warum spricht der Verteidigungsminister plötzlich wieder von Krieg? Weil die optimistischen Frontberichte nicht zu den Chaos-Bilder aus dem Land passen? Die Bush-Regierung gerät zusehends unter Legitimationsdruck - nicht nur im eigenen Land, auch im eigenen Lager, wenn man an das wachsende Unbehagen in der NATO denkt.