Zeit der Hoffnungen

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Also, folgendes. Auch in diesem Fall ist kein Wunder geschehen. Njuscha Krim ist ernstlich schwanger. Aber nicht wie normale Leute, sondern von einer Person arabischer Herkunft. Obwohl sie noch zur Schule geht. Und nicht mal in die Abschlussklasse. Eigentlich müsste sie lernen, lernen und nochmals lernen, aber sie - na ja, sie hat sich nicht im Rahmen von Sitte und Anstand gehalten. Hat sich benommen wie die letzte Frau aus dem Orient.

Mama Krim tut, als wäre nichts weiter passiert. Das heißt, als wäre überhaupt nichts passiert - so tut sie. Was soll sie auch sonst tun? Gott sei Dank hat sie außer Njuscha noch zwei Kinder in Reserve. Auf die kann sie ihre Hoffnungen richten, die Njuscha zunichte gemacht hat. Denn die sind noch nicht ganz ausgewachsen. Wann sollte man auf sie auch Hoffnungen richten, wenn nicht in diesem ihrem zarten Alter. Auch auf Njuscha hatte sie Hoffnungen gerichtet. Bis zu diesem Moment und diesem Zeitpunkt. Nun natürlich nicht mehr.

Und das nicht einmal, weil Njuscha ihre unwiederbringliche Jugend einem Araber im vorgerückten Alter hingegeben hat und sie demnächst zur Großmutter eines Ajatollah oder Ismail macht, nein. Aber die Zeit der Hoffnungen auf Njuscha ist offenbar vorbei. Die Zeit der Hoffnungen, die hat nämlich die Eigenschaft zu vergehen. Und Njuschas Araber ist, wenn man den Vorfall recht bedenkt, kein bisschen anders als ein Nichtaraber. Was ist denn schon dabei? Na schön, er ist Araber. Das kommt vor. Übrigens hat er Papa Krim zu einem guten Job verholfen, dieser unerwünschte Araber. Nun fährt Papa mit einem kleinen gelben Auto in der ganzen Stadt Pizza aus. Zusätzlich zu seinem Gehalt kriegt er noch jede Menge Pizzaböden, leicht beschädigte. Ziemlich viele. So dass sie faktisch kein Brot kaufen. Und das kleine Auto hat er den ganzen Tag zur Verfügung, er kann damit fahren, wohin er will, in seinen eigenen Angelegenheiten. Wenn er welche hat natürlich. Nur das Benzin muss er selber zahlen. Der Benzinverbrauch wird nämlich von den Firmeninhabern dauernd kontrolliert. Abrechnung und Kontrolle sind hier das Höchste. Aber Papa Krim versteht die Inhaber. Benzin ist teuer. Allerdings ist hier alles teuer, im Vergleich zu Gomel. Trotzdem.

Was war das schon für ein Leben in Gomel? Das einzige, womit er sich rühmen konnte: Laut Volkszählung war er der einzige Karäer im Land, eine Rarität. Papa Krim nämlich. Ansonsten wars kein Leben in Gomel. Und es gab keine Hoffnung. Weder auf die Kinder noch insgesamt. Worauf auch hoffen, wenn Papa Krim ausgebildeter Pädagoge war und Mama überhaupt ohne bestimmten Platz im Leben. "Hausfau", wie Ljuscha sagte, ihre jüngste Tochter.

So hätten sie, wären sie nicht aus Belarus ausgereist, ihr Lebtag bis zum Grab dahinvegetiert. Zusammen mit dem ganzen bjelorussischen Volk. Wäre nicht ein glücklicher Zufall dazwischengekommen: Papa wurde auf dem Markt als Judenfresse beschimpft. In Mamas Beisein. Von einer Frau, die eigentlich nett aussah. Sie kam von hinten ran und sagte nicht mal unfreundlich: "Drängle nicht so, du Judenfresse!"

Erst einmal überschüttete Mama Krim die Frau von Kopf bis Fuß mit übelsten Ausdrücken, dann nahm sie sich Papa Krim vor und fragte ihn ganz förmlich: "Was bist du eigentlich?", fragte sie. "Bist du nun Karäer oder nicht?"

"Ich bin Karäer", sagte Papa Krim.

"Und wieso schimpft sie dich Judenfresse?"

"Weil sie ein gemeines Aas ist und Antisemitin", sagte Papa Krim.

Mama Krim unterbrach ihn mit gebieterischer Geste.

"Moment mal", sagte sie, "erklär mir bitte mal den Zusammenhang. Zwischen der erwähnten Fresse und der von einem Karäer."

Da musste Papa Krim Mama erklären, dass die Karäer faktisch Juden sind. Nur eben von der Krim. Daher auch sein geographischer Familienname. Na, da war Mama Krim natürlich begeistert - weil Papa nicht nur Pädagoge war, sondern obendrein Karäer, mit allen sich daraus ergebenden Folgen.

Tja, hätte sie gewusst, dass sich Njuscha hier in Deutschland mit der arabischen Welt verbandeln würde, dann hätte sie Papas exotische Nationalität vielleicht nicht so zielgerichtet benutzt, aber was solls. Jetzt ist Njuscha ein abgetrennter Teil. Das heißt, sie hat ihre Familie verlassen und lebt mit ihrem Araber zusammen, dem Zugriff ihrer Familie entzogen. Der Araber sagte, nachdem er Papa den Job verschafft hatte: "Ich hab dir", sagte er, "doch einen Gefallen getan, nicht? Hab ich. Jetzt tu du mir einen."

Papa Krim darauf: "Klar, gern. Was denn?"

"Mach, dass ich weder dich noch deine Frau je wiedersehe. Und Njuscha vergesst."

Übrigens, die Schule hat Njuscha auch geschmissen. Verständlich. Sie kann ja schließlich nicht mit einem deutlich sichtbaren dicken Bauch hingehen. Eine Schule ist eine Einrichtung für Kinder, nicht für Mütter, auch nicht für werdende.

Andererseits, wenn man ehrlich zurückdenkt, war Njuscha schon in Gomel auf dem besten Wege, mit jedem x-Beliebigen zu schlafen. Hat sie vielleicht sogar. Ja, hat sie bestimmt. Mama Krim waren an ihr seit langem lauter so weibliche Sachen aufgefallen. Und in der Schule war Njuscha schon immer so lala, ohne jeden Fanatismus. Hier wie da. Also ist ja vielleicht alles zum Besten? Oder wenn nicht zum Besten, dann zumindest nicht zum Schlechtesten. Ihr Araber ist schließlich Gott sei Dank kein Terrorist, kein al-Qaida-Mann, er ist Flüchtling, geflohen vor seinen eigenen arabische Landsleuten. Und ein begnadeter Koch. Er arbeitet in zwei Feinkostläden, einem russischen und einem vietnamesischen. In beiden wird er unheimlich geschätzt. Njuscha isst auch gern, und wie. Kann aber nicht kochen. Weil, wo hätte sie die Kochkunst erlernen sollen? Mama Krim kann Tee aufbrühen, Brote schmieren und Borschtsch aufwärmen, aber das hat sie Njuscha nicht beigebracht. Sie hat auch ihren anderen Kindern nichts beigebracht. Weder Schlechtes noch Gutes. Sie haben sich alles irgendwie selbst angeeignet.

Mama Krim fragt Papa Krim manchmal: "Sag mal, woher haben sie das bloß? Von ihrem Umgang oder was?" Dann antwortet Papa Krim: "Das ist", sagt er, "dein schlechter Einfluss." Und verschließt sich.

Die Karäer sind ein verschlossenes Volk. Und Papa Krim ist, wie gesagt, Karäer. Darum verschließt er sich. Aus gutem Grund. Denn Njuscha - das ist gar nichts, halb so schlimm! Njuscha geht ja noch an. Aber Stjopka ... Eigentlich ein guter Junge. Nach Njuscha haben Papa und Mama Krim natürlich alle ihre Hoffnungen auf ihn gerichtet. Papa Krim sagte: "Stjopka ist was ganz anderes als Njuscha. Stjopka kriegt bestimmt kein Kind von einem alten Araber."

Aber er hat sich geirrt. Das heißt, natürlich hat Stjopka kein Kind gekriegt. Um Gottes willen. Nein, schlimmer - er ist krank. Seine Krankheit ist in Deutschland selten: Kleptomanie. Das ist unheilbar. Mit anderen Worten, er stiehlt und klaut wie besessen Fahrräder. Alle, die ihm in die Finger geraten. Er hatte schon Fahrräder in rauen Mengen, wusste nicht mehr wohin damit, aber er klaute immer weiter. Papa Krim verprügelte ihn sogar dafür, obwohl es unpädagogisch ist, ein Kind zu schlagen. Aber Stjopka ertrug die Schläge und sagte: "Die haben hier so viel von allem, das merkt gar keiner."

Aber sie habens doch gemerkt, die Hunde, ihn auf frischer Tat ertappt und die Fahrräder beschlagnahmt, zugunsten der ehemaligen Besitzer. Alle. Und Stjopka mit einem grünweißen Auto zur Polizei gebracht. Natürlich haben sie eine Akte über ihn angelegt und in der Zeitung über ihn geschrieben. Um indirekt alle so genannten russischen Immigranten zu blamieren. Hier ist es nämlich todlangweilig, sie wissen nicht, was sie in der Zeitung schreiben sollen, also haben sie über Stjopka geschrieben. Und sein Foto abgedruckt. Ihn berühmt gemacht.

Stjopka, das muss man ihm lassen, ertrug die Vorführung bei der Polizei und den Verlust seiner Fahrräder ganz gelassen, geradezu stoisch. Aber die Zeitung nicht. Besonders sein Bild darin. Darauf reagierte er sehr empfindlich.

Kurz, aus Scham oder wegen der Schande, jedenfalls aus Dummheit ist er ohne Fallschirm aus dem vierten Stock gesprungen. Sie wohnen in einem Altbau, da sind die Zimmer sehr hoch. Und unten vorm Haus ist Asphalt. Wie üblich.

Aber Stjopka ist trotzdem nicht gestorben von dem Sprung. Auch im Krankenhaus nicht. Er hats überlebt. Erst freuten sich Mama und Papa Krim über dieses Wunder, dann dachten sie sich manchmal: Wäre er doch lieber gestorben. Als das.

Gut, dass sie drei Kinder haben, nicht weniger. Sie haben noch jemanden, auf den sie ihre Hoffnungen richten können. Die Jüngste, Ljuscha - ein gutes Mädchen. Sie ist letztes Jahr in die Schule gekommen. Sie ist eine gute Schülerin, kriegt lauter Einsen. Sie spricht kaum noch Russisch. Aber sie versteht es. Allerdings immer schlechter.

Übersetzung aus dem Russischen: Ganna-Maria Braungardt

Alexander Churgin, 1952 in Moskau geboren, hat in der Ukraine gelebt und mehrere Romane und Erzählungsbände veröffentlicht. Seit 2003 lebt er in Deutschland.


00:00 27.01.2006
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