Zeit für ’ne Bewegung

Ausbildung Lehrstellen bleiben unbesetzt, Azubis brechen ab: Das muss nicht so sein

Liest man dieser Tage den Wirtschaftsteil einer deutschen Tageszeitung, könnte man den Eindruck gewinnen, wir lebten in einem Paradies für Auszubildende. Zu lesen ist dort vom Fachkräftemangel in vielen Berufssparten, von unbesetzten Ausbildungsstellen im ganzen Land. Dass unter solchen Voraussetzungen attraktive Angebote mit würdigen Arbeitsbedingungen locken müssten, scheint auf der Hand zu liegen – ist jedoch ein Trugschluss. Nie war die Quote derer, die eine Berufsausbildung abbrechen, höher. Mehr als ein Viertel der Auszubildenden beenden ihr Arbeitsverhältnis ohne Abschluss. Dazu kommen die vielen ungenutzten Lehrlingsplätze, die offenlegen, wie wenig attraktiv vielen jungen Menschen eine Berufsausbildung scheint.

Unterbezahlte Vollzeitkraft

Mit Schuldzuweisungen für diese Situation sind viele schnell bei der Hand: Die Gewerkschaften werfen den Arbeitgebern vor, sie würden zu wenig zahlen. Letztere machen eine zu geringe praxisnahe Berufsorientierung an Schulen verantwortlich, weshalb Schülerinnen und Schülern falsche Bilder vom Arbeitsleben vermittelt würden. Doch wie sieht die Wirklichkeit der Berufsausbildung in Deutschland tatsächlich aus?

Für Sami* bedeutet sie vor allem eines: Ausbeutung. Seit seiner Flucht aus Syrien nach Deutschland vor vier Jahren hat er sich um eine Ausbildungsstelle in der Medienbranche bemüht, um seinen Traum, Dokumentarfilmer zu werden, verwirklichen zu können. Doch eine Ausbildung im ursprünglichen Sinne des Wortes erhält er – wie viele Lehrlinge – nicht. Für seinen Betrieb ist er im Wesentlichen eine untertariflich bezahlte Vollzeitarbeitskraft, deren Arbeitnehmerrechte in für Medienbetriebe gängiger Form konsequent missachtet werden.

Einen Normalarbeitstag gibt es für ihn nicht, zwölf statt acht Stunden Arbeitszeit sind keine Seltenheit, einen Ausgleich für die Überstunden erhält er nicht immer. An seinen längsten Arbeitstag kann er sich noch genau erinnern: „Bei einer Konzertübertragung musste ich einmal von 9 Uhr morgens bis 3 Uhr nachts arbeiten.“ Am Schlimmsten an diesen Schichten ist für ihn aber nicht die lange Arbeitszeit, sondern die Fahrt danach: „Erst werde ich gezwungen, lange zu arbeiten, und dann muss ich das Auto der Firma fahren – und die Sicherheit des Teams und des Equipments garantieren.“

Nicht selten kommt es vor, dass er sich in der Berufsschule krankmelden muss, um arbeiten zu gehen. Dass er durch seine Fehlzeiten die Zulassung zur Abschlussprüfung und seine Versetzung gefährdet, nimmt sein Betrieb dabei billigend in Kauf. Mit 600 Euro brutto pro Monat im ersten Lehrjahr verdient Sami zwar mehr als einige seiner Kollegen in der Berufsschule. Da er jedoch die gleiche Arbeitsleistung wie seine ausgebildeten Kollegen abliefern muss, wird eines klar: Für seinen Chef stellt er vor allem eine billige Arbeitskraft dar, die durch ihren Ausbildungsstatus kaum Chancen zur Gegenwehr hat.

Organisiert euch

Für manche andere Auszubildende ist Lohndumping hingegen ein Luxusproblem: Einige unter ihnen müssen nämlich selbst für ihre Ausbildung Geld investieren. So wie Rahel*, die nach ihrem Abitur in Berlin zuerst mehrere Monate unbezahlte Praktika absolvieren musste, um dann eine dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen zu können. „Mein Schulgeld betrug 100 Euro monatlich, gängig an anderen Schulen sind aber 300 bis 400 Euro pro Monat. Wer da nicht von den Eltern finanziell unterstützt wird, hat keine andere Möglichkeit, als einen Kredit aufzunehmen oder nebenbei zu arbeiten“, sagt sie. Dass deswegen bei vielen die Vorbereitung für die anspruchsvollen Abschlussprüfungen leidet, ist wenig verwunderlich. Rahels Erfahrungen waren weitestgehend positiv, aber warum muss man Geld zahlen, sich womöglich verschulden, um während der Ausbildung arbeiten zu dürfen?

In Deutschland ist im Angesicht des mutmaßlichen Fachkräftemangels zumindest dieser Widerspruch erkannt worden: Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Abschaffung von Gebühren für die Ausbildung in sogenannten Heilmittelerbringerberufen angestoßen, die Umsetzung stockt noch. Auch die Frage, inwiefern die in der Ausbildung verrichtete Arbeit entlohnt werden könnte, wird nun immerhin diskutiert: Schließlich müssen Physiotherapeuten in der Ausbildung bereits regulär mit Patienten arbeiten. Diese Praxisnähe macht für viele angehende Therapeuten einen Teil des Reizes ihrer Ausbildung aus. Bei Rahel gehörte dazu, mit Patienten das selbstständige Gehen zu üben, Lungenkranken das Atmen zu erleichtern oder mit Frauen Beckenbodenübungen nach Geburten durchzuführen. Aber unter Wert verkaufen will sich niemand. Und die Missachtung der eigenen Arbeitskraft drückt sich nicht nur finanziell aus: Während Rahel Klinikangestellte anderer Berufsgruppen, etwa Ärzte und Pfleger, immer siezen musste, wurde sie konsequent von allen geduzt. „Diese Tatsache beschreibt die Einstellung vom Personal gegenüber Azubis in Kliniken leider sehr gut“, meint sie.

An Fallbeispielen wie Sami und Rahel werden die konsequente Missachtung von Arbeitnehmerrechten, Verantwortungslosigkeit, aber auch mangelnder Respekt sichtbar. Wie soll auf diese Lage angemessen reagiert werden? Zwar hat sich die Bundesregierung vorgenommen, eine Mindestvergütung auf den Weg zu bringen. Ob die inzwischen von DGB und Arbeitgebern ausgehandelten 515 Euro im ersten Lehrjahr für Azubis in Großstädten wie Berlin oder München überhaupt zum Leben ausreichen, scheint jedoch keine Frage von drängender Wichtigkeit zu sein. Dass man es sich mitunter leisten können muss, eine Ausbildung zu absolvieren, ist damit als Problem weiterhin nicht vom Tisch.

Auch der Schutz von Auszubildenden ist bis jetzt lückenhaft. Von ihren Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Betrieben machen die Industrie- und Handelskammern, die über die Ausbildungsqualität wachen sollten, im Regelfall nie Gebrauch – sind ebendiese Arbeitgeber doch die Mitglieder der IHK. Nicht selten sind die Chefs sogar selbst Prüfer. Womit das vielleicht größte Problem offenkundig wird: Der guten Organisation von Arbeitgebern steht ein geringer Organisationsgrad von Azubis gegenüber, egal, ob gewerkschaftlich oder in Form von Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) in Betrieben. Gegen den Willen des Vorgesetzten Betriebsräte oder eine JAV zu gründen, braucht Mut, den viele Auszubildende aus Angst, später nicht übernommen zu werden, nicht aufbringen werden können. Das Machtungleichgewicht, das hier zutage tritt, ermöglicht so die systematische Ausbeutung, die zwar nur in einer Minderheit der Betriebe zu finden sein mag, aber dennoch viele junge Auszubildende betrifft.

Die von Arbeitgebern ins Feld geführten falschen Vorstellungen von der Berufswelt, die sich junge Menschen machen würden, scheinen in vielen Fällen also gar nicht das ausschlaggebende Problem zu sein, wenn es um die hohen Abbrecherquoten geht. Vielleicht ist es eher die in vielen deutschen Betrieben vorherrschende Mentalität, die sich in der Binse von den Lehrjahren ausdrückt, die keine Herrenjahre seien – als ob es eine Anmaßung wäre, auf die verhandelten und gesetzlich festgelegten Arbeitszeiten zu pochen, als ob es dreist wäre, seine Arbeitskraft nicht weit unter Wert verkaufen zu wollen. Vielleicht ist es an der Zeit für eine neue Lehrlingsbewegung, die klar aufzeigt, dass Ausbeutung in der Ausbildung genauso wenig zu rechtfertigen ist wie im späteren Berufsleben.

Info

* Die Namen wurden geändert

Ole Nymoen hat gerade eine Ausbildung zum Mediengestalter abgeschlossen – die Arbeitsbedingungen und seine Chefin waren vorbildlich. Zur Zeit hospitiert Ole Nymoen in der Redaktion des Freitag

06:00 16.05.2019
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