Zeit hinter Mauern

Kindheitstraum In dem Erfahrungsbericht "Die bröckelnde Festung" verarbeitet Gabriele Stötzer ihre Zeit in dem berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck

Ich weiß noch genau, wo ich mir am meisten wünschte, einmal schreiben zu können: es war in den 28 Nächten des Monats Februar 1977 im Knastkrankenhaus Meusdorf bei Leipzig." Gabriele Stötzer war mit einer Bauchhöhlenschwangerschaft aus der Haft in das Krankenhaus eingewiesen worden. Eine Fehldiagnose, wie sich im Operationssaal herausstellen sollte. Noch im Krankenbett schwor sie sich, nach ihrer Entlassung von Hoheneck über alles zu berichten.

Hoheneck im Erzgebirge nahe Chemnitz: Eine ehemalige Burg, in der DDR berüchtigt als härteste Strafanstalt für Frauen. Wegen der mehrheitlich einsitzenden "Langstraferinnen" - der Schwerkriminellen - wird sie auch "Mörderburg" genannt. Hier verbüßen Kriminelle und "Politische" ihre Strafen.

1976 hat Stötzer sich bei einer Unterschriftensammlung Berliner Künstler gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns beteiligt. Weil sie als erste auf ihrer Liste unterschrieb, beschuldigte man sie unter anderem Rädelsführerin zu sein. Weil sie keine "tätige Reue" üben wollte, wird sie verhaftet. Die Anklage lautet auf "Staatsverleumdung". Das Urteil: ein Jahr Knast ohne Bewährung. Nach fünf Monaten U-Haft wird sie für die restlichen sieben Monate ihrer Haftstrafe in das Frauengefängnis Hoheneck eingewiesen.

Die bröckelnde Festung, betitelt Stötzer ihren literarischen Erfahrungsbericht über ihre Zeit in der ehemaligen Trutzburg. Mit dem inneren Abstand eines Viertel Jahrhunderts lässt sie den Alltag im Gefängnis, ihre Mitgefangenen, die tägliche Zwangsarbeit und ihr langsames Hineinwachsen in die Gefängniswirklichkeit Revue passieren. Sie nimmt die Leser mit in den Freihof, zwischen die mittelalterlichen Gefängnisgebäude und die hohe Mauern. Auf der Mauerkronen ragen als Warnung in Beton befestigte Glassplitter in die Luft. Zwischen dem Mauergrau bewegen sich grau gekleidete Gestalten hin und her. Gabriele Stötzer ist eine von ihnen.

"Der Knast war eine der seltenen Gelegenheiten, sich selber ins Auge zu blicken", sagt sie rückblickend. "Diese Erfahrung habe ich danach in meinem Leben umgesetzt." Die Haft wird für sie letztendlich zum Katalysator, sich ihren Traum vom eigenen Künstlerdasein im realen Leben zu erfüllen. Heute gehört Gabriele Stötzer zu den eigenwilligsten und vielseitigsten Künstlerinnen der ehemaligen DDR. Sie ist auch eine der wenigen "aus dem Osten", die das Thema Frau und den Frauenkörper zum Inhalt ihrer Arbeit macht(e). Inzwischen lebt sie als freie Autorin und Filmemacherin im niederländischen Utrecht und in Erfurt, wo sie gerade ihren neuen Videofilm Flugträume vorstellte.

Schon als kleines Mädchen will Gabriele Stötzer Schriftstellerin werden. Doch die Mahnung der Eltern "Ja schnell Geld verdienen! Brotlose Kunst!" war an ihr nicht spurlos vorüber gegangen. Also lernt sie erst einmal medizinisch-technische Assistentin, holte dann an der Abendschule das Abitur nach und studiert Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. Im letzten Schuljahr wird sie exmatrikuliert, als sie sich für einen Kommilitonen einsetzt, der mehr Meinungsfreiheit im Unterricht fordert.

Die Zeit der Haft zwischen den engen Mauern in Hoheneck wird für sie zur "grenzerweiternden Erfahrung". Weil sie nicht wie die anderen "Politischen" in den Westen ausreisen will, versucht man sie von den Politischen abzuschirmen. Zu diesem Zweck wird sie in eine Zelle nur mit Kriminellen gesteckt. Gabriele Stötzer, die - wie sie leicht ironisierend anmerkt - "aus einem ordentlichen Haushalt" stammt, findet sich unter Frauen ganz anderer Art wieder: Mörderinnen, Prostituierte, Diebinnen und "Asoziale", die keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen. "In einem sozialistischen System, in dem ich zum Arbeiten erzogen wurde, im klassischen Sinn nicht zu arbeiten - das brachte mich überhaupt erst auf die Idee, dass das möglich war."

Dass Frauen sich auch körperlich lieben, sich tätowieren, Löffel schlucken um sich umzubringen - darauf hatten sie weder der real existierende Sozialismus noch ihre Eltern vorbereitet. Das Frauenbild der ordentlichen und fleißigen Mutter und Arbeiterin - von der eigenen Mutter vorgelebt und vom DDR-Regime als Prototyp der "emanzipierten" Frau propagiert - zerbricht. Zugleich erfährt ihr Glaube an den Sozialismus eine kalte Dusche, als sie vom "Umschlagplatz Knast" und den Deals erfährt, in denen das Regime ausreisewillige "Politische" gegen möglichst viel Geld an den "Klassenfeind" BRD verschachert.

Aus dem erschütterten Weltbild wächst der Mut, ihren Kindheitstraum von einem Leben als Schriftstellerin in die Tat umzusetzen. Aber nach der Entlassung beginnen zunächst die Versuche des Regimes, die Querdenkerin in die sozialistische Gesellschaft zu reintegrieren: Ein Arbeitsplatz in der Schuhproduktion, dann sogar das Angebot eines Studienplatzes der Ökonomie. "Ich wusste, ich musste mich entscheiden", sagt sie: "Nahm ich das Angebot an, gehörte ich zum System - oder ich gehe meinen eigenen Weg."

Sie kündigt ihren Arbeitsplatz und entscheidet sich für ein selbstständiges Leben in der Halblegalität: Offiziell verkauft sie selbst gefertigte Pullover. Im Untergrund beteiligt sie sich an Kunstaktionen in Erfurt, Dresden und Berlin. Sie bekommt Kontakt zur Prenzlauer-Berg-Szene. In Erfurt besetzt sie mit exmatrikulierten Studenten Häuser und leitet die private "Galerie im Flur", bis die Stasi sie verbietet. Später lebt sie eine zeitlang mit Punks, macht mit ihnen Ausstellungen und Musik.

"Die Taktik der Stasi war, die Gruppen zu zersetzen, dann die Leute zu isolieren, zu verunsichern, in die Einsamkeit zu treiben - manchmal bis zum Selbstmord." Eine List dagegen war der Weg in die Öffentlichkeit: Dann melden sie eine Veranstaltung an trotz des Risikos, dass die Stasi sie verbieten würde - und führten sie auch durch, weil sie wollen dass sie bekannt wurde. Eine andere List war, prominente Verbündete zu suchen, wie Christa Wolf, Adolf Endler, Elke Erb, Heiner Müller.

Sie initiiert eine Gruppe, die sich jede Woche zum Aktzeichnen trifft. So wird ihr der Umgang mit dem nackten Körper vertraut. Zusammen mit den Frauen dieser Gruppe gründet sie die Künstlerinnengruppe "exterra xx". Die einzige künstlerisch arbeitende Frauengruppe in der DDR (nach der Wende wird sie mit ihnen das "Kunsthaus" in Erfurt gründen). Mit "exterra xx" macht sie die ersten Fotos, später auch Musik, Performances, Mode-Objektshows und Super-8-Filme.

Die Artikel, Gedichte, Bücher und Filme, die in jener Zeit noch unter dem Nachnamen Kachold (so hieß ihr Ehemann) beziehungsweise Stötzer-Kachold entstehen, sind Aufarbeitungen ihrer Erlebnisse in Hoheneck. Seelische Verletzungen, Demütigungen, Gefühle von existenzieller Einsamkeit und Verlorensein. Immer wiederkehrendes Motiv ist das Betrogenwerden, im Fokus ihr Mann, der während ihrer Haft Affären mit ihren Freundinnen hatte. Als Konsequenz verzichtet sie lange auf eine feste Beziehung mit einem Mann - bis sie nach der Wende bei einem Studienaufenthalt in den Niederlanden Jan wiedertrifft, den sie noch aus DDR-Zeiten kannte. In der Zwischenzeit kanalisiert sie ihren Schmerz in künstlerische Energie.

Bei der Wende ist sie an der Erstürmung der Stasizentrale in Erfurt beteiligt, spricht auf Großdemos und sitzt in Bürgerkomitees und Bürgerräten. Sie ist eine der Ersten, die die Stasiverwicklung des Dichters Sascha Anderson, der Galionsfigur der Szene am Prenzlauer Berg, öffentlich thematisiert.

So schonungslos offen Gabriele Stötzer sich mit der Gesellschaft, in der sie lebte, auseinandersetzte, so radikal war sie auch in ihrem Stil. Bevorzugt benutzt sie die Kleinschreibweise, scheut nicht vor intimen Details und Gefühlen zurück. Wenn sie andere Frauen nackt malt, fotografiert oder filmt, zieht sie sich selbst nackt aus ("was ich heute nicht mehr tun würde"). Im Gefängnis waren für sie gesellschaftliche Tabus zerbrochen. Nun bricht sie selbst Tabus: Sie behandelt weibliche Sexualität, Orgasmus und Selbstbefriedigung. Ihr Ziel ist es, zu provozieren und den Menschen einen Spiegel vorzuhalten.

Das will sie auch mit ihrem neuen Buch. Doch begegnen die Leser darin einer im Stil gewandelten Gabriele Stötzer. Um Sachlichkeit bemüht, hat sie ihre Geschichte in der distanzierenden dritten Person verfasst. "Die ganz inneren Gefühle sind alle in meinen früheren Geschichten", sagt sie dazu. Die bröckelnde Festung sei nicht als emotional-autobiografische Aufarbeitung angelegt. Sie soll vielmehr "Auskunft geben über Leben und Denken hinter den Mauern einer Ideologie". Dies vor allem als Mahnung an ihre Landsleute, nicht aus Enttäuschung über "den Westen" in falsch verstandener Ostalgie die DDR zu verklären.

Gabriele Stötzer: Die bröckelnde Festung, P. Kirchheim Verlag, München 2002, 160 S., 17,50 EUR

00:00 18.10.2002

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