Zeit ist Macht: Teresa Bücker fordert mehr Zeitgerechtigkeit

Buch Zeit haben die einen mehr als die anderen: Die Feministin und Journalistin Teresa Bücker findet, dass Zeit eine der wichtigsten Ressourcen unserer Gesellschaft ist und fordert eine gerechtere Verteilung
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 47/2022
Teresa Bücker fordert eine neue Zeitkultur
Teresa Bücker fordert eine neue Zeitkultur

Foto: Phil Dera/Laif

Sie waren Freunde, und sie gingen viel miteinander spazieren, damals in Princeton: Albert Einstein und Kurt Gödel. „Geistesgefährten“ trifft es wohl eher, denn von niemandem sonst fühlten die beiden Männer sich mit ihren komplexen Gedankengängen so verstanden; Genies unter sich. Im Jahr 1949 dann eine besondere Herausforderung – Gödels Beweis: „In jedem Universum, das sich mittels der Relativitätstheorie beschreiben lässt, gibt es keine Zeit.“ Das schrie regelrecht nach einer Widerlegung, die Einstein allerdings, sosehr er es auch wollte, bekanntlich nicht gelang.

Zu wenig Zorn

Bis heute wird über „Zeit“ philosophiert, seit Kurzem gibt es ein nächstes, wer weiß wievieltes Buch, in dem über das Phänomen nachgedacht wird, und zwar von Teresa Bücker, Jahrgang 1984, Feministin, ihre journalistische Karriere startete beim Freitag, seit 2019 ist sie Kolumnistin des SZ-Magazins, davor war Bücker Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins Edition F. Ihr Buch kann freilich nur unter der Voraussetzung gelesen werden, dass man Zeit nicht als Konstrukt, sondern als eine Realität annimmt. Allein: Wie wir mit Zeit umgehen, weist uns gemäß der Autorin nicht gerade als besondere Könner aus. Mit Alle_Zeit will sie uns daher auf die Sprünge helfen. Im Untertitel heißt es: Wie eine radikal neue, sozial gerechte Zeitkultur aussehen kann.

Da die Autorin 400 Seiten dafür aufwendet und also eine nicht unbeträchtliche Zeit vom Leser beansprucht, muss natürlich, hier mehr als naheliegend, gefragt werden, ob es sich um sinnvoll investierte Zeit handelt. Dabei sei gesagt, dass auf den letzten 70 Seiten der Nachweis über die knapp 500 verwendeten Quellen geführt wird. Umgerechnet auf den Gesamtumfang des Textes bedeutet das: Es findet sich auf jeder Seite mindestens ein Zitat oder Verweis oder beides. Man wird von einer Studie in die nächste geschubst, wogegen grundsätzlich nichts zu sagen ist, sofern es gelingt, daraus lebendigen, mitreißenden Lesestoff zu machen.

Die Krux ist: Es gelingt nicht. Was will Bücker eigentlich? Sie selbst spricht von einem „feministischen Plädoyer für eine neue Zeitkultur“. Nun mag man von einem Plädoyer unterschiedliche Vorstellungen haben, aber sollte es nicht flammend sein? Und unter Einbezug von Gedankenschärfe in eine Essenz gebracht? Man denke an den französischen Widerstandskämpfer Stéphane Hessel, der sein Anliegen im Jahr 2011 mit Empört Euch! auf 14 Seiten transportierte, in erfrischend zorniger Prägnanz. Auch wenn sein Essay in die Kategorie der Streitschrift fällt, ließe sich von einem Plädoyer mindestens erwarten, dass es ähnlich leidenschaftlich ausfällt.

Aber vielleicht ist das mit den Erwartungen ohnehin keine so gute Idee. Teresa Bücker, die auch politisch etwas anstoßen will, hebt sich auf weiten Strecken, und so passt es wieder, nicht besonders ab von der blutleeren, ideologischen Sprache vieler Politiker. An Allgemeinplätzen und Redundanz mangelt es ebenso wenig. Typisch sind Formulierungen wie: „Um uns für die Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen engagieren zu können, sind wir auf günstige Rahmenbedingungen angewiesen, die wir gemeinsam mit anderen Menschen herstellen müssen.“ Warum nur so staubtrocken, warum nur so substantiviert?

Zu Lasten von Frauen

Dass Bücker durchaus einige konzeptuelle Lösungsvorschläge zu einer neuen Zeitkultur einbringt, die eine tiefere Betrachtung lohnen, macht die Lektüre, gerade auch auf emotionaler Ebene, nicht unbedingt leichter: Mitunter ist man enerviert, weil der Text nicht so lektoriert und gekürzt wurde, dass glänzen kann, was Glanz verdient. Denn ja, die Autorin hat recht, wir müssen unbedingt alarmiert sein über einen Lebensqualität mindernden Umgang mit der Zeit, der sich – warum eigentlich? – in der Gesellschaft fest etabliert hat. Und ihre Analyse stimmt: Unser Verhältnis zur Zeit spiegelt ungleiche Machtverteilung wider – auch und gerade zu Lasten von Frauen, was die Feministin Bücker freilich besonders deutlich macht.

Das Ziel ist klar: Zeitgerechtigkeit. Und das bedeutet, alle Menschen sollen über ein möglichst identisches Zeitkonto verfügen können, das sie für ihre Bedürfnisse nutzen können. Damit das nicht in Solipsismus ausartet, sieht die Autorin auch ein Zeitkontingent für „Weltinteresse“ vor. Denn: „Zeit ist eine der wichtigsten politischen Ressourcen. Wer keine Zeit zum Nachdenken hat, dem fehlt erst recht die Macht, etwas zu verändern.“

Einigen Gruppen steht es, wie Bücker ausführt, zwar theoretisch offen, sich politisch einzubringen, es ist aber nicht leistbar, etwa aufgrund von Schichtarbeit oder sogenannter Care-Arbeit, also der Beanspruchung durch Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen, meist kombiniert mit einem Vollzeitjob. Allein: Fehlen bestimmte Stimmen im öffentlichen Diskurs, gibt es ein demokratisches Problem. „Die Frage von Zeitgerechtigkeit aufzuschieben wäre politisch fahrlässig“, folgert Bücker.

Menschen müssten sich zukünftig in „größeren Sorgegemeinschaften“ zusammenschließen, um die zu entlasten, die von politischer Teilhabe noch weitestgehend ausgeschlossen sind. Allerdings berücksichtigt Bücker nicht, ob das von den Betroffenen überhaupt so gewünscht ist. Auch das Ideal der Autorin, es orientiert sich an der Vier-in-einem-Perspektive der Soziologin und Marxistin Frigga Haug, ist zu starr konzipiert: Jedem Erwachsenen sollen je vier Stunden für Erwerbsarbeit, Selbstfürsorge, Care-Aufgaben und gesellschaftspolitisches Engagement zur Verfügung stehen.

Unbeantwortet bleibt: Ist Zeit überhaupt verfügbare Masse? Können wir sie einfach verwalten? Und damit kontrollieren? Gemäß Einstein ist sie relativ. Und vielleicht besteht ja der revolutionäre Fortschritt darin, sie nicht mehr dem Haben zuzuordnen, sondern dem Sein. Möglich also, dass Bücker einen nächsten, sicher notwendigen Schritt fordert, den es irgendwann erneut zu überwinden gilt.

Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit – Wie eine radikal neue, sozial gerechtere Zeitkultur aussehen kann Teresa Bücker Ullstein 2022, 400 S., 21,99 €

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