Zeit ohne Ufer

Sonnendach Anmerkungen zu Thomas Pynchons großartigem neuem Roman "Gegen den Tag"

Sie fliegen der Gnade entgegen. Es gibt Bücher, deren Lektüre nicht unbedingt klüger, einen aber größer macht. Ada or Ardor gehört dazu. Dass Nabokov Pynchons Lehrer gewesen, die Emphase dieser Legende ist mit Gegen den Tag in die Verwirklichung geschrieben; niemand kann jetzt mehr Zweifel haben. Zwar ist "der ganze Pynchon" nach wie vor da und mit Entropie und Dekonstruktivismus und von Verschwörungstheorien so voll wie von der düsteren Zivilisationskritik - ja einem Zivilisationspessimismus, der defätistisch wirkte, wäre er nicht so atemberaubend verrückt in seinen Spielen und Ideen. Aber: ein Ton von Einfühlung, von Menschlichkeit und Mitleid klingt jetzt hinzu, den die eingeschworenen Pynchonleser so nicht kannten. Es werden Menschen erzählt, nicht länger Figuren. Dass sich das in dieses Werk organisch einfügt, ist allein schon ein Grund zur Achtung; sie nimmt das Ausmaß poetischer Demut an, weil man eben nicht auf Distanz gehalten, sondern in Nähe gebracht wird. Wobei das auch aus seinen Vorgängern deutlich einen Zyklus macht. Denn Gegen den Tag schließt die historische Erzähllücke zwischen Mason Dixon und V., das seinerseits in Gravity´s Rainbow die grandiose Fortsetzung fand.

Man kann von Gegen den Tag nicht lassen. Nicht von den Verhängnissen und Verfallenheiten, von dem "einfachen" Menschenglück wiederum nicht und so wenig von den "einfachen" Leiden wie von den verwickelten Räuschen der höheren Mathematik, die am Anfang der modernen Massenvernichtungswaffen gestanden haben und der industrietechnischen Zivilisation an sich. Es sind erotische Verwicklungen auch, und zwar perverse. Schon V. und Gravity´s Rainbow hatten das durchdekliniert. Pornographie findet hier ihren Grund: in der Entfremdung. Rein magisch wäre es anzunehmen, schaffte Pornographie sich ab, heilten die Verhängnisse auch; doch wahrscheinlich würden sie schlimmer. So dass wir Sätze wie "Die politische Krise in Europa korrespondiert mit der Krise in der Mathematik" gleichberechtigt neben den Jauchzern der schönen Domina Yashmeen vernehmen: "Du hast mein Herz gegessen!"

Gegen den Tag ist beides: Phantastische Literatur ebenso wie intensiv und einfühlsam realistisch. Erzählt werden einerseits bittere Kapitel US-amerikanischer Geschichte und andererseits der Umbruch, der das Abendland in die Krisen und Kriege hineinfahren ließ, die der kapitalmodernen Weltwirtschaft den Boden durchkultivierten - Kultivierung im alten Agrarsinn verstanden: inklusive entfesselter, barbarischer Rodung, antihumaner Radikalität und existenziellen Raubbaus. Dies steht in Pynchons Blickfeld seit langem; neu hinzugekommen ist die Rolle des Individuums, dessen Ökonomien es mitzutun zwingt - ein Weg hinaus führt nur in die Luft... wenn es den Äther denn gäbe, auf dessen Wellen die Aeronautinnen reiten, nicht in Maschinen, sondern vermittels "perfekt gearbeiteter, elliptischer Federn", körperlich also, und hybrid. In ihrer phantastischen Gegenwelt versprechen sie der Adoleszenz Erlösung und Gnade - man wird eben doch erwachsen und die zwei Jahre Ferien gehen vorbei, auf die sich Pynchon wie auf Robur bezieht, den Eroberer. Obwohl man es wird.

Über die Verzweiflungen, das Elend und eine durchaus machiavell-politische Lust hat Thomas Pynchon ein Sonnendach gespannt, das aus den seinerzeit noch ernstlich vagierenden Theorien des Weltäthers oder der Hohlerde sowie utopischen Orten wie Shambhala oder dem mosaischen Shekkinah abgezogen ist und andererseits auf bisweilen urkomische Weise mit den technischen Fantasien Jules Vernes spielt, was gelegentlich zu einem etwas zopfigen Witz führt, wenn sich das Sprachparodistische allzu vorschiebt. Das mag an der Übersetzung liegen; anders als jene Kritiker, die bereits das amerikanischsprachige Original im deutschen Feuilleton besprachen, traue ich mir die Überprüfung nicht zu, da schon die Muttersprachler die besonderen (Verständnis-)Probleme beklagten, vor die sie Pynchons imitative Sprachlust gestellt hat. Lieber hänge ich an Sätzen, wie sie Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsterens übertragen und die neben einer gehörigen Portion Derbheit von oft anrührender Zärtlichkeit sind: "Brias Grinsen erinnerte Dally so sehr an die junge Schelmin von früher, dass sie ebenfalls lächelte, und im nächsten Augenblick hatten sie die Stirnen aneinandergelegt, lose Haarsträhnen verflochten sich, ihre dritten Augen berührten einander, und beide lachten leise, ohne dass sie hätten sagen können, warum."

Von solch intimen Momenten ist dieses Buch so voll wie von politischen Einlassungen, deren Eindeutigkeit zu wünschen gar nichts übrig lässt. "Der Nationalgedanke ist auf den Krieg angewiesen" etwa, aber auch schon, dass Pynchon die Widerstandskämpfe verelendender Bergbauarbeiter in Colorado als Geschichte eines USA-eignen Terrorismus erzählt und damit selbstverständlich allerjüngste Ereignisse kommentiert, gehört in den Nexus. Wobei gerade die Buben-utopischen Partien der "Freunde der Fährnis" als Bindeglieder der auslaufenden europäischen Hegemonie mit dem in Fahrt kommenden US-Kapitalismus ("ohne Schamgrund und -sensorium") fungieren und die mythischen Tiefen des Abendlands gegen das "taghelle Amerika mit seiner Leugnung der Nacht" spielen lassen. Wer auf kulturelle Tiefen zusteuert, landet - besonders über den Balkan - immer mitten im Orient, und zwar auch dann, wenn das Luftschiff erst hoch hinauf und in arktische Gefilde steigt. Wobei man Gefahr läuft, neben Edgar Poes Gordon Pym zu landen, beziehungsweise in seiner Fortschreibung als Eissphinx durch Verne. Pynchons grandiose Erfindung eines Unterwüstenschiffes mitsamt seinem Tauchgang in den Tiefsand hätte dem französischen Technikphantasten zu allen Ehren gereicht, wenn Pynchon sie auch entschieden um ein Unheimliches chthonisch bindet, das schon in V. und Gravity´s Rainbow immer wieder durchbrach: Auch Gegen den Tag ist "eine Reise ... ins Herz unserer eigenen Geschichte."

Es ist davon gesprochen worden, Pynchon konstruiere nicht eigentlich, sondern füge den einzelnen Erzählsträngen immer wieder neue und aberneue hinzu. Das ist genau so wenig wahr, wie dass dieses Buch "schwer zu lesen" sei. Geradezu das Gegenteil ist der Fall. Schon was die Form anbelangt, führt Pynchon aber auch jedes Motiv mit den anderen Motiven zusammen und schließt die Handlungsfolgen nahezu klassisch ab; wie er dabei die fernsten Sujets ineinander zu spiegeln versteht, ist wunderbar. Immer wieder blickt man aus diesen 1.600 Seiten benommen hervor und hat Schleier des Glücks vor Augen - und des Entsetzens, die seine Zahl ist. Dass solche Empfängnis Zeit braucht, Lese- und Imaginationszeit, darob muss weiß Göttin niemand rechten. Was, schrieb Nietzsche, sei an einem Buch gelegen, dass einen nicht einmal über alle Bücher hinwegträgt? Dieses trägt einen oft über alle hinweg - dorthin nämlich, wo nur noch wenig andere stehen. Ada zum Beispiel. Und das Verlangen.

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00:00 16.05.2008

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