Zeiten des Aufruhrs von Sam Mendes

Kino New York bei Nacht, eine kleine Bar, in der Männer fröhlich Zigaretten rauchen und eine elegante Blondine kühl am Tresen steht. So schnell geht der ...

New York bei Nacht, eine kleine Bar, in der Männer fröhlich Zigaretten rauchen und eine elegante Blondine kühl am Tresen steht. So schnell geht der Prolog von Sam Mendes´ Film Zeiten des Aufruhrs. Noch bevor das erste Wort gesprochen ist und die Kamera sich herabgesenkt hat in die Bar, ist Hank Thompsons elegisches Lied The Gypsy zu hören: "In a quaint caravan there´s a lady they call The Gypsy/She can look at the future and drive away all your fears". So gediegen geht das Tempo von Sam Mendes´ Film Zeiten des Aufruhrs.

Es fällt nicht schwer, die Zeilen des Liedes auf die Situation in der anheimelnden Bar zu beziehen. Die Lady, die im Lied "The Gypsy" genannt wird, ist April (Kate Winslet), die kühle Blondine am Tresen, der Mann, dem sie alle Ängste nehmen wird, ist Frank (Leonardo DiCaprio), der etwas schüchterne und sehr bengelhafte junge Mann, der sie ansprechen wird. Und in die Zukunft, in die April schauen kann, weist eine Frage: "Wofür interessieren Sie sich wirklich?"

"Wenn ich darauf eine Antwort hätte, würde ich uns in einer halben Stunde zu Tode langweilen", sagt Frank, und in diesem Satz liegt, wie in einem antiken Orakel, die Hoffnung auf das Glück und zugleich die Beerdigung dieser Hoffnung. Frank wird nie wissen, wofür er sich interessiert, und er wird es auch nie herausfinden wollen. Basierend auf dem Debütroman des spät entdeckten amerikanischen Autors Richard Yates (siehe auch Seite 16) erzählt Sam Mendes´ Film von der Liebe: von der alles ermöglichenden Kraft, die sie verspricht, und der drögen Realität zu der sie werden kann, wenn ihr Alltag Ehe heißt. April und Frank bewegen sich in verschiedene Richtungen. Am Beginn ist sie Schauspielschülerin mit kühnen Träumen von sich selbst, die schon eine Szene später geplatzt sind: Das Darsteller-Ensemble des Vororts, in den das verheiratete Paar mit seinen Kindern inzwischen gezogen ist, markiert das Ende aller künstlerischer Ambition. Am Beginn ist er mal dies, mal das, um doch nur den Weg zu gehen, den er bei seinem Vater jahrelang als falsch empfunden hat: ein kleiner Angestellter in einer Firma, der aber, anders als der Vater, keinen Stolz über sein bescheidenes Auskommen hegt, sondern zynisch die Energie, die seine Tätigkeit nicht beansprucht, in Scherzen und Affären auslebt.

An der Wegscheide der beiden Vektoren, die Aprils und Franks Lebenswege bezeichnen, steht eine Fotografie: Frank als Soldat in Paris, das zu dieser Zeit, der Film spielt in den fünfziger Jahren, ein Sehnsuchtsort gewesen ist, dessen Vorstellungen nicht medial getrübt waren. April entdeckt das Foto und animiert den Traum vom Glück, in dem beide sich für kurze Zeit wiederfinden: nach Paris gehen, das Leben ändern Sie will arbeiten, er soll studieren. Als Katalysator dieser Hoffnung tritt der psychisch kranke Sohn der ebenfalls in der "Revolutionary Road" (wie Adresse und der Titel von Yates´ Original lauten) wohnenden Immobilienmaklerin (Kathy Bates) auf. Dieser John (Michael Shannon) passt, ob seines Intellekts wie seiner Krankheit, nicht in die zu Tode geordnete Idylle der Einfamilienhäuser - ebenso wie Frank und April ob ihrer Ansprüche nicht hierher zu passen scheinen. Paris entfaltet für einen Moment tatsächlich revolutionäre Kraft, aber dieser Moment geht - man ahnt es am gemächlichen Gang der Geschichte, in der Mendes das Ringen seiner Protagonisten auskostet - vorüber.

Zeiten des Aufruhrs ist ein Schauspielerfilm. Nicht nur, weil er Kate Winslet, die in ihrer Stille immer schöner wird, und Leonardo DiCaprio, dessen Lausbubengesicht mittlerweile auf einem massigen Körper sitzt, erstmals seit Titanic wieder vereint. Sondern weil Mendes, der vom Theater kommt und sich in American Beauty (1999) schon in recht konventioneller Weise über den Albtraum der Amerikas Suburbs lustig gemacht hat, Yates´ Roman mit viel Sorgfalt und kammerspielgleichem Raum für seine Protagonisten eingerichtet hat. Und doch steckt genau in dieser Akkuratesse ein grundlegender Mangel: Die Deutlichkeit - mit der Mendes seine Welt von gestern inszeniert, in der weder die Geschlechterbeziehungen noch die Rolle des psychisch Kranken als mirakulösem Wahrsager aktualisiert sind - lässt keine Fragen offen. Jedem Gesichtsausdruck kann eine Entscheidung zugeordnet werden, jedes Bild versteht sich durch sich selbst. Der Besuch von Zeiten des Aufruhrs ist der Gang durch ein Museum, das pädagogisch wertvoll all seine Exponate bis ins Letzte erklärt.

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00:00 16.01.2009

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