1926: Frankfurter Küche

Zeitgeschichte Sozialer Wohnungsbau animiert die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky zu einer epochalen Neuerung, um das Leben vieler Arbeiterfamilien spürbar zu erleichtern
Die „Frankfurter Küche“ gilt als die Vorläuferin der modernen Einbauküchen
Die „Frankfurter Küche“ gilt als die Vorläuferin der modernen Einbauküchen

Foto: Ullstein Bild/Getty Images

Im Jahr 2008 veröffentlicht der in London lebende Musiker Robert Rotifer den Song The Frankfurt Kitchen. Kurz darauf erscheint das dazugehörige Musikvideo, eine Melange aus Realfilm und animierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Die Eingangssequenz zeigt den gebürtigen Österreicher, der auf seiner Akustikgitarre ein paar Akkorde spielt, im Hintergrund ist die titelgebende Küche zu sehen. „This is my tribute to the Frankfurt Kitchen / this is my salute to Grete Schütte-Lihotzky / to the perfect fusion of form and function“, stimmt Rotifer an. Sechseinhalb Quadratmeter, blaue Fronten, erschwinglicher Preis: Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky hat die „Frankfurter Küche“ 1926 entwickelt. Sie gilt als die Vorläuferin der modernen Einbauküchen, ist gedacht für die beengten Arbeiterwohnungen der Weimarer Republik und wird zehntausendfach verkauft.

Bis heute ist diese Küche mit der besungenen „perfekten Vereinigung von Form und Funktion“ das bekannteste Werk Schütte-Lihotzkys. Die vor 125 Jahren – am 23. Januar 1897 – geborene Wienerin gehört zu den ersten Architektinnen ihres Heimatlandes. Sie studiert noch während des Ersten Weltkriegs an der Kunstgewerbeschule in Wien. Hier entsteht ihr Interesse für soziale Themen. Als sie an einem Wettbewerb für Arbeiterwohnungen teilnehmen will, empfiehlt ihr Lehrer Oskar Strnad, zuerst in die Arbeiterviertel zu gehen, um sich ein Bild von den Lebensbedingungen zu machen. Sie tut es und macht Erfahrungen, die sie nicht mehr loslassen. „Ich kannte noch nicht den großartigen Ausspruch Heinrich Zilles: ‚Man kann einen Menschen mit einer Wohnung ebenso töten wie mit einer Axt‘, aber ich empfand so“, schreibt sie später.

1919 beendet Margarete Lihotzky, wie sie damals noch heißt, ihr Studium. Gleich die ersten beruflichen Arbeiten widmet sie den ärmeren Bevölkerungsschichten. Der Krieg ist gerade beendet, das österreichisch-ungarische Kaiserreich erledigt, in Wien herrschen Hunger und extreme Wohnungsnot. Vor diesem Hintergrund entsteht die Siedlerbewegung, Arbeiterinnen und Arbeiter besetzen massenhaft Land an den Hängen des Wienerwaldes und errichten einfache Behausungen. Lihotzky unterstützt die Bewegung, indem sie Prototypen für leicht zu bauende Häuser mit typisierten Grundrissen entwirft, was mehrere Vorteile hat: Die Bauteile lassen sich kostengünstiger produzieren, die Siedler können viele Arbeiten selbst erledigen und die Häuser bei Bedarf erweitern. Bei dieser Gelegenheit entwirft Lihotzky auch erste Küchen.

Die Architekten der Habsburger Monarchie hatten den Eliten gedient und großbürgerliche Häuser mit Stuck und prachtvollen Fassaden entworfen. Lihotzky vertritt eine „soziale Architektur“, um Lebensumstände zu verbessern. Der einzelne Arbeiter habe „wohl mehr von seinem Spülstein als vom Engel auf dem Dach“, fasst sie die Grundidee der funktional ausgerichteten Bauweise zusammen. Mit derlei Ansichten steht sie keineswegs allein da. Architekten orientierten sich in dieser Zeit ebenso wie viele Künstler an den Bedürfnissen der einfachen Bevölkerung. Zugleich boomt der soziale Wohnungsbau in zahlreichen Kommunen – etwa in Lihotzkys Heimatstadt, dem „Roten Wien“, oder in verschiedenen deutschen Städten. Im „Neuen Frankfurt“ widmen sich Stadtbaudirektor Ernst May und seine Mitarbeiter ab Mitte der 1920er Jahre einem umfangreichen Programm der Stadtplanung, das akute Wohnungsnot in ihrer Kommune beseitigen soll. Es entstehen mehr als 12.000 neue Wohnungen für fast 60.000 Menschen.

Ernst May umgibt sich mit einem ganzen Stab von Architekten, Technikern, Künstlern und Designern, darunter Persönlichkeiten wie Martin Elsaesser, Walter Gropius, Mart Stam oder Max Taut. Ihre Bauten erfüllen nicht nur das Grundbedürfnis des Wohnens, sondern setzen zugleich ästhetische Maßstäbe. Ähnlich dem Bauhaus stehen die Vertreter des „Neuen Frankfurt“ für formale Reduktion und klare geometrische Formen. Ihre Gebäude kommen mit glatten Fassaden ohne Ornamente aus, sie haben zumeist ein Flach- statt Satteldach. Um Kosten zu sparen, wird einer industriellen Fertigung vertraut – es entstehen die ersten „Plattenbauten“ Deutschlands, also Häuser in Tafelbauweise. Darüber hinaus erscheint eine eigene Zeitschrift mit dem Namen Das Neue Frankfurt, die das Projekt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen soll.

May kennt Margarete Lihotzky seit einem Besuch in Wien und überzeugt sie von einer Mitarbeit in der Mainmetropole. Schließlich arbeitet die 29-Jährige ab dem Frühjahr 1926 in der Typisierungsabteilung des Hochbauamts, beschäftigt sich mit Wohnungsbau und einer rationelleren Hauswirtschaft. Sie hält immer wieder Vorträge und lehrt „Kleinwohnungswesen“ an einer Wohlfahrtsschule.

Mit der „Frankfurter Küche“ will Lihotzky Frauen die familiäre Hausarbeit erleichtern. Sie war überzeugt, „dass das Streben nach ökonomischer Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung der Frau Allgemeingut“ werden würde und deshalb die Rationalisierung aller Hauswirtschaft eine zwingende Notwendigkeit sei. Die Architektin ist stark vom Taylorismus, den aus den USA kommenden gesteuerten Arbeitsabläufen, und von Christine Fredericks Buch Die rationelle Haushaltsführung beeinflusst. So plädiert Lihotzky dafür, „die Grundsätze arbeitssparender, wirtschaftlicher Betriebsführung, deren Verwirklichung in Fabriken und Büros zu ungeahnten Steigerungen der Leistungsfähigkeit geführt hat, auf die Hausarbeit (zu) übertragen“. Ihre „Frankfurter Küche“ soll so praktisch wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein. Hierbei lässt sich die Architektin von den Mitropa-Küchen der Reichsbahn inspirieren. Alle wichtigen Dinge sind mit einem Handgriff erreichbar, eine Vielzahl von Gerätschaften soll Arbeitsgänge verkürzen. In einigen Küchen werden die Fronten blau-grün lackiert, weil diese Farben Fliegen angeblich besonders gut fernhalten sollten. Zudem ist ihre Küche als Modulsystem konzipiert, sodass sie in großen Mengen hergestellt werden kann. Da sie fest in die Wohnungen montiert wird, lässt sich das Holz für die Rückwände sparen.

Sicher steckt im Muster der „Frankfurter Küche“ durchaus etwas Bevormundendes. Sie lässt wenig Raum für individuelle Bedürfnisse der Nutzerinnen. Trotzdem macht das Modell Margarete Lihotzky schnell berühmt, die internationale Presse berichtet ausführlich. Auch werden ihre Untersuchungen zur „Rationalisierung im Haushalt“ im Ausland stark beachtet. „Es kam den damaligen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Vorstellungen entgegen, dass eine Frau im Wesentlichen am häuslichen Herd arbeitet. Deshalb wisse auch eine Frau als Architekt am besten, was für das Kochen wichtig ist“, merkt sie selbst später kritisch an. „Das machte sich eben damals propagandistisch gut. Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich habe bis zur Schaffung der ‚Frankfurter Küche‘ nie einen Haushalt geführt, nie gekocht und keinerlei Erfahrung im Kochen gehabt.“ Mittlerweile ist die Küche zur zeitlosen Stilikone geworden, ausgestellt in zahlreichen Galerien und Museen. Selbst zum Bestand des New Yorker Museum of Modern Art gehört sie seit einigen Jahren – genau wie Rotifers Musikvideo.

Schütte-Lihotzky wird fast 103 Jahre alt, arbeitet im Lauf ihres Lebens in der Sowjetunion, der Türkei und der DDR. Sie schafft Kindergärten, Wohnhäuser und Verlagsbauten. Sie ist im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv, sitzt dafür im Gefängnis und betätigt sich in ihren letzten Lebensjahrzehnten als mahnende Zeitzeugin. Trotzdem bleibt sie zeitlebens auf die „Frankfurter Küche“ reduziert, was sie einst so konstatiert hat: „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut.“

Marcel Bois ist Historiker und mit Bernadette Reinhold Autor des Buches Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht. Neue Perspektiven auf Leben und Werk

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