Zeithalde

Berliner Abende Kolumne

In Kassel kam kein Zug an. Es wurde vermutet, dass die Lokführer ihre Streikdrohungen nun doch wahr gemacht hatten. Aber dann kam aus den Lautsprechern "Personenschaden" und man wusste, dass sich irgendwo jemand vor einen Zug geworfen hatte. Am Info-Counter wurden Tickets umgeschrieben auf andere Züge, von denen es wenig später hieß, dass sie auch nicht fuhren. Eine Weile blätterten sich die Anzeigetafeln noch von Zug zu Zug, gaben schließlich auf und ließen die Klappen runter: Bitte Ansagen beachten. Der Bahnsteig füllte sich. Es wurde enger, aber wärmer wurde es nicht. Kassel-Wilhelmshöhe ist der kälteste Bahnhof Deutschlands. Eine unterirdische Verladerampe, auf der man sich sogar im Sommer erkältet. Und jetzt ist Winter.

Der erste Zug, der dann mit zwei Stunden Verspätung endlich kam, kam aus der Schweiz und fuhr nach Berlin. Gepäck, Mäntel, Gesichter sahen nach langem Warten aus. Die Reisenden hatten angefangen, sich einzurichten, die Körper gestreckt, die Koffer entleert, Bücher, Spiele, Essen um sich herum verteilt. Manchmal wünscht man sich ja, die Zeit würde stehen bleiben. Aber wenn es dann passiert, wird man auf dem falschen Fuß erwischt und muss improvisieren.

In Berlin war die geschenkte Zeit natürlich weiter gelaufen, ohne uns. Die Häuser drehten uns ihre fensterlosen Rücken zu, und die Straßen, in die wir kurze, suchende Blicke warfen, schienen alle von uns wegzuführen. Als wir den Bahnhof Charlottenburg passierten, begannen die ersten, ihre Lager aufzulösen, packten die Spiele ein, strichen die Mäntel glatt, tranken die Dosen aus und trugen den Abfall in den Vorraum. Früher hätte all das schon eher begonnen, da hätte man bei Charlottenburg schon aufgeräumt im Gang gestanden, um Berlin am Bahnhof Zoo quasi durch den Personaleingang zu betreten. Jetzt zog der Bahnhof Zoo am Fenster vorbei wie eine Szene aus einem alten Film. Wartende, für die wir hinter den verspiegelten Scheiben unsichtbar waren wie Besucher aus einer anderen Zeit. Das Bus-Depot, der Schleusenkrug, die merkwürdigen Gewächshäuser am Rande des Tiergartens, die wie Larven im Dunkel glimmen, die nachtfleckige Straße des 17. Juni, das Hansaviertel, die stutzigen Flügel des Hauses der Kulturen der Welt und dann die immer noch irgendwie brachliegende Mitte der Stadt mit ihren kleinen, neuen Straßen, den gelb beleuchteten Kieselgärtchen, den dunklen Fenstern und den leeren Balkonen. In den fünf Minuten zwischen Zoo und Hauptbahnhof fragte ich mich, ob man in Berlin jemals "rechtzeitig" würde ankommen können. Ist Berlin nicht eine Deponie ineinander geschobener Zeitläufe? Eine Art Notaufnahme für Gegenwarten, die ihre Zeit noch nicht gehabt haben und sich daher weigern, Vergangenheit zu werden? Hat man in Berlin nicht wirklich "alle Zeit der Welt" und ist eine zweistündige Zugverspätung dagegen nicht lächerlich?

Während sich der Zug am Hauptbahnhof leerte, klingelte bei dem Mann mir gegenüber das Handy. Die ganze Zeit hatte er mit großen Kopfhörern und einem Laptop dagesessen und sich mit mir in einem blinden Ballett den Fußraum geteilt. Nun schob er sich ein Ohr frei und sagte dem Anrufer, dass er um 19.22 Uhr am Ostbahnhof ankomme. "Wir haben zwei Stunden Verspätung", korrigierte ich ihn, was er ohne aufzusehen gleich weitergab: "Ich erfahre gerade, dass wir zwei Stunden Verspätung haben", sagte er, sah aus dem Fenster und ergänzte: "Und wir sind auch schon in Berlin."

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