Zeitlang heißt Sehnsucht

Literatur Clemens Meyer ruft bei Sten Nadolny an. Es entwickelt sich ein abendliches Gespräch über Literatur, Träume und Echo

Clemens Meyer: Hallo, Sten, hier Leipzig wieder. Ich hab grad den kaputten Telefonstecker etwas justiert. Bei mir geht’s jetzt. Hast du immer noch dein Echo in der Leitung?

Sten Nadolny: Das Problem ist noch nicht behoben, aber jetzt versuchen’s wir doch einfach mal. Wenn ich möglichst wenig sage, dann sind wir völlig sorgenfrei. Ich höre dich sehr gut.

Aber du sollst ja viel erzählen! Ich hab nichts zu erzählen. Du hast ja jetzt dein Buch … Ist das nicht komisch mit dem Echo? In deinem Roman

Hm, ja.

Ich hab gedacht, als ich das das erste Mal gelesen habe: Na, ob das funktionieren kann, aber … es funktioniert! Und ich weiß nicht, wie du das gemacht hast.

Das weiß ich auch nicht. (Lacht) Aber ich bin ja sportlich, weißt du, und denk mir immer, wenn etwas son bisschen danach aussieht, als wenn’s schiefgeht, dann streng ich mich immer an, dass es vielleicht doch klappt.

Das ist ja manchmal so mit den Texten, die gut funktionieren: Man weiß hinterher nicht, wie hat’s derjenige gemacht.

Ja, das ist schon so wie bei Wernher von Braun mit den Raketen, glaub ich, ne? (Lacht)

Ja, so ungefähr.

Ich hab gemerkt, dass das Buch eine ziemliche Klippe für Kritiker ist, die müssen das nämlich bis zum Ende lesen, sonst wissen sie nicht ganz genau, worauf das hinausläuft.

Ich hab’s vorhin erst zu Ende gelesen. Und ich kann dir sagen, ich bin richtig, richtig froh, dass es mir so sehr gefällt, dass es so gut ist. Sonst hätte ich jetzt nämlich ganz, ganz große Probleme!

Bei dir weiß ich ganz genau, dass du so was nie einfach so sagen würdest. Aber, du, sag mal, das ist ja lustig, du hast ja grad einen richtig schweren Beruf. Dass du sozusagen ein Interview machst. Du scheinst das zu üben, für irgendeine Existenz später. Aber so wie du schreibst, brauchst du nie jemanden ein Mikrofon hinzuhalten. Ich prophezeie das jetzt einfach.

Wir soll’n uns unterhalten. Wo das jetzt hinführt, weiß ich selbst noch nicht so genau.

Ja, das machen wir einfach.

Du sitzt jetzt in deinem Arbeitszimmer. Kannst du da den Chiemsee sehen?

Ja, ich guck jetzt auf die grad untergegangene Sonne, es ist jetzt eine schöne Abendstimmung auf dem See. Die Lampen am Ufer sind auch noch nicht an, die Straßenbeleuchtung, die glimmen so’n bisschen, als ob sie gleich loslegen, aber … aber sie brauchen noch nicht, weil … alles, alles ist noch sichtbar.

Bei mir ist’s jetzt um halb zehn schon dunkel. Wenn ich raus­gucke, gibt’s da nicht viel. Bahndamm mit ner dunklen Brücke, leerer Fußweg. Noch mal zum Chiemsee, das ist ja auch ein großes Bekenntnis zum Chiemsee, dein Buch.

Du … ich bekenne mich immer gern zu dem Ort, an dem etwas spielt, in anderen Fällen ist das dann die Arktis oder so. Man muss den Ort, wo die Sache sich abspielt, ja interessant finden. Nein … ich muss auch sagen, natürlich, du kennst ja den Ort hier. Ich liebe den Chiemsee. Ich hab ihn mir immer, mein ganzes Leben lang, wenn ich woanders war, vorgestellt. Was da jetzt für Wetter ist und wie der jetzt aussieht. Das ist ein großer Magnet für mich.

Ich spar mir jetzt am besten so einen Blödsinn wie: Der Chiemsee ist eine Metapher fürs Leben. (Lacht)

Ja, ich danke dir, dass du das unterlässt.

Ich hab mir vorne in das Buch was reingeschrieben. Das schöne bayerische Wort „Zeitlang“, das kannte ich noch nicht und das zieht sich irgendwie durchs Buch.

Das heißt so viel wie „Sehnsucht“. Ich habe Zeitlang nach jemanden, so sagt man in Bayern. Oder: Ich war so lange weg, ich habe Zeitlang. Heimweh kann das auch sein. Aber natürlich auch Sehnsucht nach der Geliebten, das ist alles „Zeitlang“. Und Weitling hat das am meisten nach seiner Geliebten, also seiner Frau.

Wie Weitling am Anfang des Buches mit seiner Chiemseeplätte, was ich auch ein herrliches Wort finde, segelt, wie er das Unwetter übersieht, weil er in Gedanken ist, und wie er dann plötzlich aus seiner Zeit fällt, durch eine Art Chiemseewurmloch, das ist wirklich meisterhaft beschrieben. Das ist so rund, das ist einfach rund!

Na, ich hab ja auch daran rum­gefeilt wie n Blöder, damit das einigermaßen funktioniert! Ich schreib ja so was nicht irgendwie im Rausch hin, weißte, das ist dann einfach eine ewige Feilerei und Bastelei. Ich hab zuerst eine ganz falsche Reihenfolge drin gehabt – übrigens im ersten Kapitel. Das hab ich dann umgestellt und nochmal umgestellt, dass alles so ein bisschen in Fluss kommt. 

Ja. Ja. Es ist bei mir in jedem Fall so. Schreib ich erstmal was hin, und dann denk ich … äh, nee, so geht’s überhaupt nicht, und irgendwie passt nix zusammen, weil sich dann auch noch mein Zettelkasten zu sehr abbildet, verstehst du? Der ist dann noch sehr dominant. Aber Zettelkästen sind ja bekanntlich nicht sehr spannend, sondern enthalten nur die Edelmetalle, die Edelmetall-Einsprengsel, die muss man erst rausholen und richtig zusammensetzen.

Hast du große Zettelkästen?

Ich habe Riesenzettelkästen.

Ich tendiere bei dem Buch, an dem ich grade arbeite, auch zu Zettelkästen, die mir langsam über den Kopf wachsen.

Da musst du aufpassen. Vor allem, dass man dann zu denken beginnt: Ja, das hab ich auch noch gut gefunden, das muss auch rein, und dann fängt man an rumzupappen und rumzukleben. Also man kann natürlich alles reinkleben und schauen, ob’s dann funktioniert. Aber man muss es mit großer Grausamkeit auch wieder rausschmeißen, wenn es nicht reinpasst. Unbedingt, unbedingt! Und ich hab aus dem Buch noch viel zu wenig rausgeschmissen …

Nein, nein!

… aber bis zu einem gewissen Grade bin ich da erfolgreich gewesen, es war noch viel mehr drin, also Sachen, die mir als Schmuggel­ware …

Schönes Wort! Schmuggelware. Für den Leser?

Ja, ich schmuggle Sachen, weil ich sie liebe, womöglich nur ich allein. Also Details aus dem Chiemgau, bestimmte Bauern … aber ich hab’s dann geschafft, das wieder aus­zudünnen. Man muss da einen Mittelweg finden, weil das alles natürlich auch Atmosphäre gibt. Man darf nicht zu viel weghauen, verstehst du? Einfach, weil diese Kostbarkeiten müssen schon bis zu einem gewissen Grad drin sein, und … jetzt guck ich hier, jetzt ist es wirklich finster geworden, richtig Nacht hier, und was ich jetzt durch unser Gespräch versäumt habe, und das rechne ich dir natürlich negativ an, ich hab die Fledermäuse verpasst.

Fledermauszeit, jetzt?

Ja, das ist ja nur eine ganz kurze Zeit, da kommen die um diese Uhrzeit raus, und du hast mich heute um die Fledermäuse gebracht. Die wohnen am Haus, ich habe zwar so Nistkästen für ­Fledermäuse aufgehängt, aber die verschmähen sie. Die können durch Ritzen kriechen und sich Verstecke suchen, das glaubst du nicht! Du merkst es nur daran, dass sie aus diesen Plätzen heraus richtig scheißen. Drunter siehst du immer weiße Flecken oder auch am Holz entlang, da siehst du, wo die sich aufhalten. Du hältst es nicht für möglich, dass die sich durch solche schmalen Ritzen durchdrücken, um dann dahinter sicher zu sein.

Wie richtige Mäuse ja auch. Ich hatte jetzt mehrere Monate eine Maus in der Wohnung, die ist auch durch einen winzigen Spalt in der Tür gekommen. Aber sie ist inzwischen gestorben.

Das heißt, du hast ne Falle aufgestellt?

Nee, die ist eines natürlichen Todes gestorben. Da bin ich zu sehr Menschen- und Tierfreund. Bist du eigentlich religiöser geworden in den letzten Jahren?

Nein. (Lacht) Ich stell auch keine Fallen auf. Ich lebe dann im Winter manchmal mit Mäusen, ich ver­suche sie lebend zu fangen, aber wo willst du sie im Frost hinbringen, die erfrieren ja.

Nochmal, wegen der Religion. Glaubst du in Ansätzen an so was? Der alte Weitling in deinem Roman zu Anfang ja durchaus … Und dass man sich als eine Art Geist an jemanden oder sogar an sich selbst, also sein Vergangenheits-Ich, anheftet, vielleicht in den sechzig Prozent Gehirn, oder wie viel das auch sind, die nicht genutzt werden, das ist ja vielleicht auch der Wunsch des Menschen nach seinem Tod.

Ich glaube eigentlich nur daran, dass man sich das vorstellen kann. Ich kann mir zum Beispiel mühelos vorstellen: Ich liege im Sarg und höre den ganzen Ansprachen zu, die bei meiner Beerdigung gehalten werden. Und natürlich mit scharfen, skeptischen Zuhörerauge … -ohren. Weil ich dann sehe, natürlich, der redet natürlich diesen Stuss, der andere jenen Stuss, sie meinen’s ja alle gut, 

aber die Wahrheit, die weiß nur ich. (Lacht) Es wäre natürlich schön. Aber nein … Glaubst du dran?

Nicht wirklich. Aber ich habe manchmal so Träume, dass ich denke, ich komme an Orte meiner Vergangenheit, die aber anders sind. Wie ne Art Paralleluniversum.

Ich liebe solche Überlegungen. Diese Art von Spekulationsspannung. Diese ganzen Zeitwanderungsgeschichten interessieren mich sehr, ich glaube sie nicht wirklich, aber ich träume sie gern, auch im wachen Zustand. Neulich habe ich einen wunderbaren Traum gehabt: Da träumte ich, ich wäre tot, und ich weiß gar nicht, wo ich da nun war, im toten Zustand, aber ich konnte hören, wie meine Frau, wie sie mit jemandem spricht und zu dem sagt: Du, wir waren ja verabredet, aber ich hatte kein Lust zu kommen. Und dann lacht sie. Und daran habe ich plötzlich gesehen, als Toter, der ich im Traum war, es macht eigentlich nichts, wenn ich jetzt sterbe. Meiner Frau wird’s auch nach meinem Tod irgendwie gut gehen, sie wird so bleiben, und sie wird lachen. Und ich bin total getröstet gewesen und bin ganz glücklich aufgewacht, ja.

Das ist, wie der Großvater Traumleben im Buch sagt: Sterben muss auch sein, es ist, wie wenn man ein Buch zu Ende liest.

Ganz zum Schluss, dieser letzte Satz, ich hab’s jetzt nicht wörtlich: Doch, doch, Gott gibt es, sonst wäre ich nicht zu zwei Leben gekommen. Das ist im Grunde eine Ironie des Schriftstellers Nadolny, denn deswegen gibt es Gott bestimmt nicht, bloß weil der Nadolny diese Story von den zwei Leben erfunden hat. Und das hab ich übernommen, das hab ich geklaut. Bei Dostojewski gibt’s einen, ich erinnere mich nicht genau an den Namen, der sagt plötzlich: Natürlich gibt es Gott, wie wäre ich sonst Oberwachtmeister geworden.

Welcher Dostojewski ist das? In

Die Dämonen

. Ein tolles Buch, das man eigentlich lesen sollte, wenn man ’68 verstehen will, inklusive RAF und so weiter.

Von der Maus über den Tod zu Dostojewski und ’68. Ich wollte dich eigentlich noch so viel anderes zu deinem Buch fragen, denn das erzählt ja auch in diesen Bögen …

Die Sache ist doch, dass wir uns jetzt viel besser unterhalten haben ohne dieses komische Rollenspiel, Frage und Antwort. Und es ist Quatsch übrigens, das alles, was nicht zur Spannung beiträgt, weg muss, das stimmt einfach nicht! Wir hatten einen Freund der Familie, der war auch Schriftsteller, der erzählte immer wahnsinnig langsam, etwa so: Neulich war’n wir in … Burghausen, ach, nein, nein, es war ja nicht Burghausen, es war ja Tittmoning, ja, oder Moment, war es doch Burghausen? So fing der an zu erzählen, und meine Mutter sagte, das hält kein Mensch aus, ja? Und ich habe immer gesagt, das is’n wunderbarer Erzähler, denn man merkt, dass er’s genau nimmt, und dass er einem keinen Schmarren erzählt. Das war so, da haben wir öfter mal drüber ge­stritten, weiß nicht, wer recht hatte.

Es ist ja auch menschlich, dass man so erzählt. So funktioniert ja auch das Erzählen eigentlich.

So erzählt ein Mensch, du gibst mir recht, das freut mich! Meine Mutter hat immer gesagt, du musst eine Geschichte so erzählen, dass es auf die Pointe zuläuft, und dann schießt du die Pointe ab, und dann lachen sie alle. Das halt ich zwar auch für ne Methode, aber dazwischen müssen eben doch auch Nebenwege gegangen werden, und zwar richtig mit den Füßen, ja.

Ich glaub, ich gieß mir nachher nen Gläschen ein und trinke auf die Nebenwege und unsere Füße und dein neues Buch.

Dann stoß ich von hier aus mit dir an. Du musst nur ein Ohr für das Klingen haben.

Clemens Meyer schrieb sechs Jahrean seinem später ge-feierten Romandebüt Als wir träumten. Weil kein Verlag das Manuskript drucken wollte, wandte er sich in einem Brief an den berühmten Kollegen Sten Nadolny, mit der Bitte, ihm zu helfen. Und Nadolny half Sten Nadolny wurde 1942 als Sohn des Schriftstellerpaares Burkhard und Isabella Nadolny geboren und wuchs in Oberbayern auf. 1983 erschien sein Welterfolg Die Entdeckung der Langsamkeit. Der Roman über den Polarforscher John Franklin wurde in alle Weltsprachen übersetzt und ist mittlerweile zu einem Klassiker avanciert. Soeben erschien Weitlings Sommerfrische, ein kleiner Roman, in dem der Held in seine Vergangenheit zurückreisen kann

12:00 25.05.2012

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