Zeitreise und Weltuntergang

Sachlich richtig Acht Sachbücher auf einer halben Seite fundiert besprechen – das kann nur unser langjähriger Mitarbeiter Prof. Dr. Erhard Schütz. Diesmal geht es um Touristik
der Freitag | Ausgabe 41/2013
Zeitreise und  Weltuntergang

Illustration: Otto

Für eine Reise nach Istanbul gibt es derzeit nicht bloß touristische Gründe. Da kann so ein distanziert historischer Reiseführer nützen, in dem zwar der Gezi-Park nicht vorkommt, dafür aber die Geschichte der Entgrünung der Stadt seit Beginn des 20. Jahrhunderts – durch die rapide Wohnverdichtung, der die alten, mit Gärten versehenen Häuser zum Opfer fielen; ein Reiseführer, in dem zugleich aber auch die Öffnung etwa des Gülhane-Parks dargestellt wird, samt der Reglementierungen (klar, unter anderem kein Alkohol!). Klaus Kreisers Buch lässt auch ansonsten nichts aus, was irgend relevant zur Geschichte und ihren Lokalitäten gehört. Zwar wählt der emeritierte Turkologe einen spröden Dozierton, punktet aber mit Gediegenheit und Vielfalt der Information.

Marko Martin ist seit 1989 ein umgetriebener Unterwegsler. Nun hat der Journalist und Autor einen ganzen Reiseband Tel Aviv, dem intellektuellen wie Alltagsleben dort gewidmet, in über 30 Gesprächs- und Beobachtungsminiaturen, beginnend mit dem jüngst verstorbenen Schriftsteller Yoram Kaniuk und seinen sarkastischen Bemerkungen zum Kollegen Günter Grass. Um es gegen das Reflexverdachtsmilieu zu betonen: Nein, der in Ostdeutschland aufgewachsene Martin ist kein Jude. Nein, er steckt nicht und lässt sich unter keine Decke stecken. Umso lebendiger und faszinierender ist sein Buch. Gespiegelt in den Aussagen der dortigen (ja doch, nicht nur jüdischen!) Schriftsteller und ihrem Habitat, gelingt ihm eine höchst lebendige Studie des Alltags im, trotz, neben und sogar abgesehen vom Nahost-Konflikt.

Vor ein paar Jahren irritierte mich in Lublin ein leerer Park rund um den Schloßberg, unmittelbar zur Altstadt und doch unbebaut. Am Eingang brannte eine alte Laterne auch tagsüber. Hier, erklärte mir die polnische Kollegin, war einmal die Judenstadt von Lublin gewesen. Germanistische Kollegen haben nun diese leere Fläche zumindest auf dem Papier gefüllt: Durch die Wiederentdeckung eines fast vergessenen Bandes aus dem Jahr 1919, in dem der nachmalige Nestor der polnisch-jüdischen Geschichtsschreibung, Majer Balaban, die Judenstadt für den Jüdischen Verlag in Berlin auf Deutsch als einen dichten sozialen Kosmos beschrieb. Nicht minder interessant sind die Illustrationen des nichtjüdischen, wohl eher völkischen Architekten Karl Richard Henker, unersetzliche Architekturzeichnungen im Jugendstil.

Und nun in den brasilianischen Regenwald, heute zunehmend nurmehr ein weites Feld, damals aber für Colonel Fawcett viel zu dicht. Der war 1925 zum zweiten Mal aufgebrochen, eine sagenumwobene Stadt im Urwald zu finden, kehrte indes nie zurück. 1951 grub man Knochen am Rio Culuene aus, die man ihm zuschrieb. 1953 veröffentlichte Antonio Callado seine Reportageserie zu dem Fall, die heute als Klassiker des literarischen Journalismus in Brasilien gilt. Da wird die Geschichte eines viktorianischen Abenteurers und imperialen Träumers anhand der Spekulationen um den ominösen Fund rekonstruiert. Das mäandriert dazwischen zu den Mythen verschwundener Städte und zu den Folgen falscher Ortsangaben, um schließlich von der eigenen Nachprüf-Expedition zu berichten, bei der nichts Definitives herauskam, der Autor aber zu sich fand. Ein höchst lesbares Stück Umwelt-, Geschichts- und Selbsterschließung.

Stille Winkel auf Usedom verstimmt zwar erst einmal durch Geplapper: Stille sei besser, als ständig im Netz zu hängen. Indes ist man bald versöhnt: Der stille Weg führt über Wolgast auf die Insel und bei Anklam wieder raus. Peenemünde wird gleich angesteuert. Statt des Düsendonnerns ist nun alljährlich der Abschluss des Usedomer Musikfestivals zu hören. Dann wird’s noch leiser, wenngleich die allfälligen Trubelorte wie die Kaiserbäder bedacht sein wollen. Am Ende der durchaus unterhaltsamen Rundreise hat man jedenfalls nicht nur viel beiher erfahren, sondern fortan auch hinreichend Tipps für ruhige Ausflüge in petto.

Kennedy ist zwar nicht nach Usedom, aber als Jungmann unter die Deutschen gereist. Zu delikaten Zeiten: 1937, 1939 und 1945. Oliver Lubrich hat in einem sorgsam edierten und illustrierten Prachtband seine Tagebuchpassagen, Briefe und Notizen herausgegeben, der nicht ohne ist. 1937 hielt er zum Beispiel das Nazitum noch für einen Faschismus, der den Deutschen gut täte, jedenfalls nicht so schrecklich sei wie der Kommunismus. Dazwischen langte der Spund kräftig in Nachtclubs oder im Hofbräuhaus zu – auch bei den Damen. Aber brav geht er zum Gottesdienst. 1945 dann raucht er Zigarren, die man bei Göring fand, und besucht den Obersalzberg. Zu Hitler: „Er ist aus dem Stoff, aus dem Legenden sind.“

Nicht zu den Legenden, zum Verdrängten, gehört das zynische Gegenstück zum Tourismus, die Vertreibungspolitik. Zentriert um die „Umsiedlungen“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und Polen, aber in einem viel weiteren Rahmen, etwa zum deutschen Generalplan Ost, der 50 Millionen Menschen das Leben oder die Heimat gekostet hätte, zeigt der US-amerikanische Geschichtsprofessor R. M. Douglas drastisch den Irrsinn, den Nationalisten im Verein mit Technokraten produzierten, kaltschnäuzig als „ordnungsgemäße Überführung“ oder „reinen Tisch“ deklariert, wo systematisch Willkür, Rohheit und Lagersadismus herrschten. Besonders bedrückend das Schicksal der Kinder. Stammten sie aus „Mischehen“, wurden sie nach „unrein“, germanisch oder slawisch selektiert. Mehr als bedrohlich ist, wie viele – auch Wissenschaftler – schon wieder in ethnischen Säuberungen und Umsiedlungen ein probates Mittel der Politik sehen!

Welch ein Glück, dass man das größte denkbare Unglück auch zu Hause erleben kann: den Weltuntergang. Zur Vorbereitung ist man bei Florian Werner bestens bedient. Von der Sintflut bis zum abgeschnurrten Maya-Kalender, von der Wahl der besten Untergangs-sekten bis zur passenden Kleidung für die Katastrophe – alles ist da, außerdem ist das klug, witzig und schön illustriert.

Istanbul. Ein historischer Stadtführer Klaus Kreiser C. H. Beck 2013, 336 S., 17,95 €

Kosmos Tel Aviv. Streifzüge durch die israelische Literatur und Lebenswelt Marko Martin Wehrhahn 2013, 224 S., 19,80 €

Die Judenstadt von Lublin Majer Balaban Jüdischer Verlag 1919, Reprint 2012, 112 S., 20 €

Der Tote im See. Leben und Verschwinden des Colonel Fawcett im brasilianischen Regenwald Antonio Callado Behrenberg 2013, 120 S., 20 €

Stille Winkel auf Usedom Kristine von Soden Ellert & Richter 2013, 143 S., 12,95 €

John F. Kennedy unter Deutschen: Reisetagebücher und Briefe 1937 – 1945 Aufbau, 92 S., 22,99 €

Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg R. M. Douglas C.H. Beck, Paperback 2013, 556 S., 17,95 €

Verhalten bei Weltuntergang Florian Werner Nagel & Kimche 2013, 176 S., 19,90 €

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt- Universität. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

06:00 23.10.2013
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Themen wie die Europawahl sind brandaktuell und wollen kontrovers diskutiert werden. Bleiben Sie gut informiert - mit dem Freitag:

Abobreaker Startseite Flexi Europa

Kommentare