Zeitspielereien

38. Hofer Filmtage Dem deutschen Nachwuchs geht die Erzählung aus

Ein Fazit der Hofer Filmtage, die sich traditionell dem einheimischen Kino verbunden fühlen, muss in diesem Jahr lauten: Der deutsche Film ist schlechter als sein Ruf. Die Mehrzahl der in Hof vorgeführten (Absolventen-)Filme zeigte sich unbeeindruckt von der stilistischen Qualität, an der das deutsche Kino in den letzten Jahren durch Regisseure wie Oskar Roehler, Andreas Dresen oder Christian Petzold gewonnen hat. Wenn man unter Stil eine Form der Weltaneignung durch die Kunst versteht, dann zeichneten sich die meisten deutschen Filme durch die Abwesenheit von Stil aus.

Eklatant wurde die Unfähigkeit, den Stoff zu bewältigen, mit dem man sich herumschlug, in Dennis Gansels Eröffnungsfilm Napola, weil hier ein politisch nicht unbedeutendes Thema verhandelt wurde. Gansel, der zuletzt die Pubertätskomödie Mädchen, Mädchen inszeniert hatte, erzählt von einem Elite-Internat der Nazis, für das der junge Friedrich (Max Riemelt) aus seinem systemkritischen Zuhause abhaut, während der sensible Zimmergenosse Albrecht (Tom Schilling) als Gauleiter-Sohn zur Ermannung in die Erziehungsanstalt geschickt wird. Was ein Film über die Verführung der Jugend durch die Peitsche der Ideologie und das Zuckerbrot der Privilegien hätte werden können, verkommt zu Jungs, Jungs in den Farben des Dritten Reichs. Im Abspann wird der Umstand, dass die Elite-Schüler in den letzten Kriegstagen zum Einsatz abkommandiert wurden, mit dem unglücklichen Satz kommentiert: "Aus ihren Reihen fiel jeder zweite." Da lacht das Landser-Herz, während man gewillt ist, solche Formulierungen als symptomatisch zu nehmen für die mangelnde Haltung, die Gansel seinem Stoff entgegenbringt.

Mit dem Erzählen haben es Thomas Durchschlag (Allein), Hendrik Hölzemann (Kammerflimmern) oder Cyril Tuschi (SommerHundeSöhne) schon schwer genug. Man ist geneigt sich zu fragen, wie der deutsche Nachwuchsfilm es zur Spielfilmlänge brächte, wenn es das krampfhafte Missverständnis nicht gäbe. In Allein sucht die liebesbedürftige Maria (Lavinia Wilson) das Glück der Zweisamkeit und findet es in dem schnuffigen Veterinärmedizinstudenten Jan (Maximilian Brückner). Weil Marias Konflikt damit gelöst wäre, der Film aber noch eine Weile dauern soll, darf sich sie sich Jan nicht mitteilen - obwohl sie sich bei ihm geborgen fühlt und Gelegenheit dazu hätte -, ist ihre hilfsbereite Freundin Sarah immer dann nicht da, wenn man sie braucht. Das Schweigen bewahrt auch SommerHundeSöhne vor Erklärungen, die der Film womöglich nicht liefern könnte. Ein ungleiches Paar, der draufgängerische Marc (Stipe Erceg) und der ängstliche Frank (Fabian Busch), fährt nach Marokko, wo Marcs Vater wohnt, aber am Ziel seiner Reise angekommen, kann Marc nur berichten, dass der Vater ihn angeschwiegen habe wie früher. Da sitzt also ein alter Mann in Tanger (Heinrich Giskes) und grinst stumm. Wie soll man sich mit Figuren identifizieren, deren Dilemma man nicht kennt, fragt sich der Zuschauer und liest in der Inhaltsangabe, dass es dem Regisseur vermutlich nicht anders geht, denn da steht, dass Marc "wahrscheinlich jemanden im Streit umgebracht hat." Gestorben wird überhaupt recht schmerzlos in diesen Filmen, eine uncharmante bis grausame Nebenwirkung von Drehbüchern, die auf den coolen Spruch, den flotten Witz setzen, statt glaubhaft ein eigene Welt zu entwerfen. In Kammerflimmern hat die schwangere November (Jessica Schwarz) gerade ihren Freund durch eine Überdosis Heroin verloren, was sie aber nicht davon abhält, mit dem durch einen Unfall in Kindstagen traumatisierten Rettungssanitäter Paul (Matthias Schweighöfer) zu flirten wie auf einer Schülerfreizeit. Das Glück darf nicht so nah sein, wie es ist, weshalb der Film sich umständlich bemüht, aus der Nähe eine Ferne zu machen. "Ich muss weg", fällt November mitten im ersten Kuss ein.

Bei manchem Verdruss bot das große Programm des ehemals kleinsten Filmfestivals der Welt ausreichend Grund zur Freude. Pepe Danquarts richtete mit seiner genüßlichen Gangsterkomödie C(r)ook ein Festmahl für Schauspieler an. Henry Hübchen gibt den alternden Mafioso und passionierten Koch Oskar, der mit sich mit einer Gefängnispsychologin (Corinna Harfouch) zur Ruhe setzen will, vor seinem Abschied aus dem Milieu aber mit einem Buchprojekt namens Secrets für Verwirrung sorgt - man wittert Verrat. Neben Hübchen und Harfouch spürt man bei Moritz Bleibtreu, Nadeshda Brennicke oder Chargen wie Roland Düringer als wienerndem Schläger die Spielfreude, die der Ausflug in die wohl kalkulierte Übertreibung von Danquarts Gangsterwelt bereitet.

Erschütternd realistisch zeichnet dagegen der Österreicher Götz Spielmann in Antares das Zusammenleben dreier Paare, deren Wege sich manchmal kreuzen, weil sie aus der Anonymität desselben Sozialwohnungsquartiers herausgelöst werden. Der Film variiert die altbekannten Spielarten der Liebe - Betrug, Eifersucht, Reue, Gewalt - aber er tut das in einer Form, die dem Zuschauer den Eindruck des Ungesehen vermittelt, was maßgeblich an dem durchweg überzeugenden Schauspielerensemble liegt (etwa Petra Morzé, Susanne Wuest, Andreas Kiendl). Über Spielmanns pessimistisch-schmerzhafte Darstellung des menschlichen Miteinanders konnte man sich bei Woody Allens Melinda und Melinda hinwegtrösten, das anhand zweier Film-im-Film-Handlungen vergnüglich-klug die Frage diskutiert, ob das Leben tragisch oder komisch sei.

Oder bei Whisky, einem Film aus Uruguay und der vielleicht schönsten Entdeckung, die in Hof zu machen war. Die Regisseur Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll erzählen lakonisch wie Kaurismäki von einem Strumpffabrikanten Herman, der jeden Morgen erst ins Café und dann in seinen Betrieb geht, wo seine erste Angestellte Marta bereits auf ihn wartet. Die Maschinen werden gestartet, der Kaffee gekocht, ein Fensterladen zu reparieren versucht. Tagaus, tagein, "so Gott will", wie Marta beim Abschied zu sagen pflegt. Bewegung kommt in die Routine erst als Hermans Bruder Jacobo, ebenfalls Strumpffabrikant, aus Brasilien zu Besuch kommt. Herman bittet Marta, zur Unterstützung seine Frau zu spielen, unverhofft bricht das Trio ans Meer auf. Herman gewinnt dort im Casino, das Geld gibt er bei der Rückkehr als Dank an Marta weiter. Am nächsten Tag - und das ist die wunderschöne Pointe, um die der ganze Film gebaut scheint - fehlt Marta am Eingang zum Betrieb. Herman schließt trotzdem auf. Das Leben geht weiter.


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00:00 05.11.2004

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