Zero Meinung

Corona Die Krise hat die Gesellschaft entzweit und vergiftet. Wir brauchen ein allgemeines Vergessen
Zero Meinung
Hinter den Masken lauern Fratzen von Hader und Wut

Foto [M.]: der Freitag, Material: Imago Images, Adobe Stock

Europa hat ein Wut-Problem, seit jeher. Schon das erste Wort seiner Literatur lautet nicht von ungefähr menis, also Wut oder Zorn. Im Weiteren schildert die Ilias dann die verheerenden Folgen des unkontrollierten Wütens des Achilles.

Man fühlt sich derzeit an dieses Mantra erinnert. Zwar steht unsere Erfahrung mit dem ersten Seuchenjahr als erzählerischer Stoff kaum mit dem klassischen Epos auf einer Stufe, allemal aber in seiner Folgenschwere: nicht nur, was die Anzahl der Verstorbenen, der mit Folgeschäden Erkrankten angeht oder allerlei noch gar nicht recht absehbare rechtliche, wirtschaftliche und politische Verschiebungen und Verwerfungen, von denen wir später einmal sagen werden, dass sie mit der Pandemie von 2020 begannen. Sondern auch hinsichtlich der emotionalen Vergiftung der Gesellschaft durch Corona.

Dieser Tage, schreiben die Magazine, seien wir alle ganz furchtbar erschöpft. Und es gibt sicher Momente, in denen man das nachfühlen kann. Aber sind diese Stimmungen von Lethargie und Indifferenz nicht zweigesichtig? Lauern hinter den sprichwörtlichen „Lockdown Faces“ nicht Vulkane von Hader und Wut? Man muss dabei gar nicht an die offenbar drastische Zunahme von Gewalt in bewegungseingeschränkten Haushalten denken. Es reicht schon eine vergleichsweise harmlose Form der Aggression: Sind wir seit März 2020 nicht alle einmal Troll gewesen, haben maßlos gewütet vor lauter Wut, Frust und Zynismus?

Fühlen schlägt Denken

Das Virus hat nicht nur Theater, Unis und Schulen, die Sporthallen und Schwimmbäder, die Kaufhäuser, Clubs und Bars dichtgemacht, sondern oft auch unsere Hirne. Er hat politische Lager umsortiert und Freundschaften gesprengt. Nicht wenige, die sich als links verorteten und Obrigkeitshörigkeit verachteten, wurden plötzlich bei der unkritischen Verbreitung von Markus-Söder-Content ertappt. Und andere, die sich für gut grundgesetzlich hielten, bekamen nunmehr den Vorwurf, fast schon im rechtskippenden Narrenschiff zu sitzen. Wie „autoritär“ ist wann die Sorge um die Schwächsten? Wie rücksichtslos, ja „faschistoid“ ist wann das Pochen auf gewohnte Bürgerrechte?

Die „Querfronten“, die das Virus herstellt, sind ideengeschichtlich interessant. Ihr Modus Operandi ist der folgende: Will ich so klingen wie dieser oder jene, auf die ich Zorn empfinde? Nicht nur in sozialen, sondern auch redaktionellen Medien fand sich oft genug der Warnhinweis: Autorin X oder Kommentator Y begäben sich „in gefährliche Nähe“ zu entweder verwirrter Corona-Leugnung oder autoritärem Lockdownismus! Wenn man aber ganz unwillkürlich vor Argumenten zurückschreckt, weil diese „den Falschen nützen“ könnten – also Leuten, auf die man wütend ist, vor denen man Angst hat oder die man in Kombination dieser Impulse zu hassen beginnt –, was sagt das eigentlich über uns?

Wohl vor allem, dass das Denken ein Prozess des ganzen Körpers ist. Unter dem viel zitierten Vergrößerungsglas namens Corona zeigt sich besonders deutlich, wie wenig der „fühlende Bauch“ vom „vernüftigen Hirn“ zu trennen ist. Noch dem ausgesucht „rationalsten“, mit fix erlerntem Pandemievokabular bestückten Corona-Posting sah man die Wut ja an, mit der es in die Tasten gehauen wurde. Diese Erkenntnis ist ganz im Sinne der Kultursoziologie, die jüngst ja das Vorsprachliche, das implizite Wissen, die „Chemie“ zwischen Positionen oder Personen für wichtiger hält als die vermeintliche Ratio angeblich autonomer Individuen: Das Räsonieren dient so sehr der Bestätigung von Affekten wie umgekehrt, Fühlen schlägt Denken.

So viel zur Sozialtheorie. Aber im Leben stellt sich die Frage natürlich ganz anders. Ist es zum Beispiel nicht möglich, dass jene alte Bekannte, die im Frühjahr 2020 ihren Umkreis zu „Hygienedemos“ mobilisieren wollte, vor lauter Wut darüber, ständig als Halbnazi bezeichnet zu werden, inzwischen echte Rechtsradikale tatsächlich nicht mehr so schlimm findet? Wenn ja, was täte man dann? Wie wäre wieder Vertrauen zu fassen zu jenem Freund, der aus seinem Küchenfenster seit Jahresfrist wütend kommentierte Petzfotos schießt – von einer Eisdiele, vor der „Asoziale auf Virenfang“ zu wenig Abstand hielten oder die falschen Masken trügen?

Schmähcontent, Memes, Häme und Hohn auf allen Seiten: Wie oft las man den Kommentar, wer sich den „Maßnahmen“ verweigere, solle im Bedarfsfall auch von der Beatmung ausgeschlossen werden? Der Berliner Virologe Christian Drosten wurde samt seinen „Ultras“ als diktatorischer Molch verunglimpft, sein Bonner Fachkontrahent unter dem Hashtag „sterbenmitstreeck“ gemobbt. Ist „ZeroCovid“ totalitär? Oder ist, wie jüngst eine linke Zeitung zürnte, umgekehrt die Idee „kolonialrassistisch“, mit dem Virus leben zu lernen – weil sie sich weigere, von Pandemiestrategien im Globalen Süden zu lernen?

Ist die Wut einfangbar?

Zuweilen fühlt man sich ob all dieses Zorns in den etwas trashigen britischen Endzeitfilm 28 Days Later versetzt. Darin grassiert ein tödliches Virus namens „Wut“, das Befallene binnen Minuten in gedankenlos rasende Tobewesen verwandelt. Deren stumpfes Trachten besteht allein darin, möglichst viele Mitmenschen anzugreifen, zu verletzen und auf diese Weise anzustecken. In diesem Streifen – der 2003 wegen der Angst vor SARS das Zehnfache seiner Kosten einspielte – ist die Wut etwas ausschließlich Körperliches. So endet diese, wenn man so will, biologisierte Ilias damit, dass bis auf ein paar Frontfiguren alle tot sind; eine alternative Fassung lässt sogar den Haupthelden noch sterben.

Da scheint man mit Europas Ur-Epos des Zorns besser beraten, in dem die Wut noch von mentalen Operationen erreicht werden kann: Bei Homer endet die Raserei des Achilles, als diesen die Trauer anderer um sein Opfer Hektor erweicht. Wirklich wünschenswert ist auch das aber nicht, denn dann müsste das Wüten Leben fordern. Hatten wir nicht schon einen Anschlag auf das Robert-Koch-Institut?

Die Ilias gibt also auch keinen Rat. Das Epos ist ungefähr so wutkritisch, wie der erste Rambo ein Antikriegsfilm war – man kann den Plot schon so deuten, aber das Publikum genoss die heroische Wut und Gewalt. Doch hat uns die etwas spätere Antike auch höchst differenzierte Muster des Managements von Zorn vererbt, die Spielfeld wie Ausgangspunkt klassischer Rechtsvorstellungen waren. Der Princeton-Gräzist Angelos Chaniotis nennt hier drei Formen: Da gibt es das Mnesikakein, die Pflicht zur Erinnerung an Schlechtes, den rituell verewigten Zorn. Ihm gegenüber stehen zwei nicht ganz identische Modi juristischer und politischer Affektkontrolle: Amnestia als ausgehandelte, bedingte Vergebung – und Memnesikakein, ein regelrechtes Zorn-Verbot, also eine Amnesie auf Anordnung.

Wer das abwägt, versteht sofort: Amnestie wird uns nicht reichen. Sie setzt eine siegreiche oder vollständig im Recht befindliche Partei voraus – und darum dreht sich ja der Ärger. Ein Burgfriede auf Basis von „Fact Checking“ hielte nicht lange. Was wir brauchen, ist auch etwas mehr als eine Kontrolle von „Hate Speech“. Vonnöten ist Memnesikakein: eine Maßnahme, die vergessen macht. Selbst um den Preis, dass ein Attila Hildmann wieder zurück in jene Tage dürfte, als seine Mission nur im Beweis bestand, dass sich Veganismus auf Testosteron reimen kann. Oder dass jener nicht ganz unbekannte Ökoaktivist und Videokünstler gar nicht erst ans Licht gezerrt wird, der jüngst auf seiner Facebookseite den „Soziopathen“ Hendrik Streeck mit Stalin verglich.

Ein klassisches Beispiel für verordnete Amnesie stammt aus dem Jahr 273 vor unserer Zeit. In der Polis Alipheira hatten wohl eine fremde Garnison sowie allerlei Piraterie-Verstrickungen Zustände bewirkt, die wir heute „failed state“ nennen. Dann stoppte Spartas Feldherr Kleonymos das Chaos aus Verbrechen, Rache und Wut: Es sei, so wörtlich sein Erlass, verboten, „aufgrund von Erinnerung Zorn zu empfinden“. Das scheint funktioniert zu haben, denn außer der Verordnung ist über die Krise in Alipheira nichts überliefert.

Mnesikakein, jene Pflicht zur Erinnerung an Schlechtes, besteht heute im faktischen Zwang, soziale Medien zu nutzen. Memnesikakein wäre dann eine Art Zero-Meinungs-Strategie. Die Löschung von allem, was seit März 2020 gepostet, getwittert und geteilt worden ist. Ein Uploadfilter, der Covid-Wut durch Katzenbildchen ersetzt?

Das ist nicht minder abwegig als noch vor Jahresfrist die Idee, das Kind auf dem Spielplatz von den Freundinnen fernzuhalten. Aber irgendwo hier liegt Hoffnung. Denn im Grunde sind heutige Menschen viel vergesslicher als zu Homers Zeiten.

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06:00 23.03.2021

Ausgabe 38/2021

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