Zerstörte Kunst

A–Z Erst jüngst wurden zwei Rentner beim Randalieren auf einem Kunstpfad erwischt. Unser Wochenlexikon über die lange Geschichte des Kulturhooliganismus
Redaktion | Ausgabe 34/2016 1

A

Angst Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau lautet der Titel einer Gemälde-Serie von Barnett Newman, die in ihrer bald 50-jährigen Geschichte mehrfach Attacken von Kunstzerstörern (➝ Rache) ausgesetzt war. Als die Berliner Neue Nationalgalerie 1982 eine der vier Variationen erwarb, hetzte die Boulevardpresse derartig gegen den Ankauf, dass Direktor Dieter Honisch Morddrohungen erhielt und ein psychisch erkrankter Student dem Bild schwere Schäden zufügte.

Der Spielfilm Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau von 1991 borgte sich Newmans Titel und erzählte eine intelligent-witzige Story, die im zeitgenössischen Berliner Künstlermilieu spielte und von Künstlerschweinen, Konkurrenz, Liebesqual und den Zynismen des Kunstmarktes handelte. Regisseur Heiko Schier drehte in der frisch wiedervereinigten Hauptstadt an Originalschauplätzen, unter anderem mit Florian Martens und Max Tidof. Es wäre schön, wenn dieses filmische Kleinod wieder einmal gezeigt werden würde. Sarah Khan

B

Bücherverbrennung Häufig zerstören Menschen das, wovor sie Angst haben. Historisch betrifft das oft jene Verbindung von Kunst und Wissen, die sich in Büchern manifestiert. Und da Letztere bekanntlich aus äußerst brennfähigem Material (➝ Fett) bestehen, ist das effizienteste Mittel, um sie zu zerstören, das Feuer. Bücherverbrennungen ziehen sich deshalb durch die Kulturgeschichte. Schon in der Antike ließ Kaiser Diokletian etwa Schriften der Christen verbrennen. In der Inquisition landeten wiederum Bücher mit nicht-christlichen Wahrheitsansprüchen auf dem Scheiterhaufen. Im Sommer 1933 waren es dann Bücher jüdischer oder marxistischer Autoren, die von den Nazis öffentlich verbrannt wurden. Dank der digitalen Revolution ist solche Kulturbarbarei heute zum Glück schwieriger. Datenclouds brennen bekanntlich nicht. Louisa Theresa Braun

D

Damnatio memoriae Vor allem im alten Rom bediente man sich der Damnatio memoriae – Lateinisch für Verbannung des Andenkens – als wirkmächtige Praxis, um die Erinnerung an ungewünschte Personen zu tilgen. Bildnisse wurden zerstört, Namen aus Annalen und Inschriften entfernt. Nichts sollte post mortem noch an die Person erinnern. Aber auch in der Moderne folgte man diesem Prinzip. Stalin ließ unliebsam Gewordene sogar aus Fotografien retuschieren. Ebenso folgen Umbenennungen dieser Logik. Wer erinnert sich noch an die Wilhem-Pieck-Stadt Guben?

Die Destruktion von Denkmälern ist nach Systemwechseln bis heute Tradition. Lenin-Statuen fielen nicht nur 1991 in Berlin, Dresden oder Eisleben, sondern auch 2013 im Zuge des Euromaidans in Kiew. Eine ähnliche geschichtspolitische Maßnahme konnte man war vor ein paar Jahren in Ägypten erleben, wo Darstellungen der Mubarak-Familie im öffentlichen Raum getilgt wurden. Und wenn der IS aktuell jahrtausende alte Kulturgüter zerstört (➝ Zivilisationshass), ist das ebenso eine Damnatio memoriae: Alles Andenken soll verbannt werden. Tobias Prüwer

F

Fett Die Geschichte vom Kunstwerk, das versehentlich für Dreck gehalten und entfernt wurde, kennt fast jeder. Der Klassiker ist die Fettecke von Joseph Beuys, die ein befreundeter Künstler 1986 in einem Mülleimer der Kunstakademie Düsseldorf entdeckte und unter dem Namen Reste einer staatlich zerstörten Fettecke konservierte. 13 Jahre vorher war Beuys schon einmal Ähnliches widerfahren: Eine Badewannenskulptur von ihm in Leverkusen-Alkenrath wurde zum Gläserspülen zweckentfremdet (➝ Rentner). In beiden Fällen klagte der Künstler erfolgreich auf fünfstelligen Schadenersatz. Aus den Resten der Fettecke wurde bei einem Happening übrigens Schnaps gebrannt. Sophie Elmenthaler

G

Graffiti Die Leinwand ist die Stadt. Während mancher Hausbesitzer bei kunstvollen Schriftzügen selbst Hand anlegt, fiel das bis dato berühmteste Wandbild Berlins (➝ Angst) wohl dem Wunsch seines eigenen Schöpfers zum Opfer. Nachdem die sogenannte Cuvry-Brache an einen Investor verkauft wurde, soll der italienische Street-Art-Künstler Blu den Auftrag zum Übermalen gegeben haben. Wo sich vorher Schwarz, Weiß, Gold erhob, prangt nun eine schwarze Mahnung. Für die eigene Zerstörung spricht, dass zunächst der Mittelfinger einer Figur und die Worte „Your City“ vom vorherigen Slogan stehen blieben. Viele verstanden es als Botschaft an die Stadt. Nina Rathke

I

Ikonoklasmus „Du sollst dir kein Gottesbild machen“ – diese Forderung in der hebräischen Bibel hat in der Geschichte des Christentums immer wieder für Streit gesorgt. Dürfen uns Heilige, insbesondere ➝ Jesus, als fleischgewordener Gott dargestellt werden oder nicht? Schon im 8. Jahrhundert lagen Rom und Byzanz über Kreuz in der Frage nach der Legitimität von Ikonen. Richtig brutal wurde es aber erst rund 800 Jahre später bei den frühprotestantischen Hardlinern: Die Heiligen- und Reliquienverehrung der Katholiken waren ihnen reiner Götzendienst, Ablenkung von der echten Hinwendung zu Gott. Sie stürmten also die Kirchen und Klöster, raubten und zerstörten alles, was nicht in ihr religiöses Weltbild passte. Nur wenige Schätze konnten gerettet werden. Was den Vorgang zum Ikonoklasmus qualifiziert, ist, dass es sich um eine Zerstörung von Bildern innerhalb der eigenen Religion handelte. Sonst wäre es reiner Kulturvandalismus. Sophie Elmenthaler

J

Jesus 2012 nahm die betagte Kirchgängerin Cecilia Giménez (➝ Rentner) die Restaurierung des Jesus-Freskos Ecce Homo in einer Kirche im spanischen Borja einfach selbst in die Hand: Sie übermalte talentfrei den Erlöser, der danach eher wie ein nachdenklicher dicker Inuit in Pelzkapuze aussah. Aus dem Fresko wurde ein Fiasko, die Hobby-Restaurateurin zeigte sich selbst an. Das weltweite Aufsehen sorgte indes für einen Tourismusboom in Borja; die Kirche verlangte Eintritt, der die späteren Kosten der professionellen Restaurierung mehr als deckte. Das Bild wurde zum Sommerhit im Internet, die Geschichte selbst zum Libretto der komischen Oper Behold the Man.

Zwei Weinproduzenten buhlten um die gewerblichen Nutzungsrechte an Giménez’ Version des Ecce Homo. Die Einnahmen, die sich im Zusammenhang mit der misslungenen Restaurierung ergaben, waren so hoch, dass auch Frau Giménez daran beteiligt wurde. Sie will das Geld zur Erforschung der Muskeldystrophie spenden, an der ihr Sohn leidet. Ob das Fresko mittlerweile fachkundig restauriert wurde, ist nicht eindeutig feststellbar. Am besten überzeugen Sie sich selbst bei einem Besuch in Borja. Die Kirche liegt etwas außerhalb, gute Tapas in der nahe gelegenen Bar Santuario! Uwe Buckesfeld

R

Rache Nichts Geringeres als Diego Velázquez’ Gemälde Venus vor dem Spiegel suchte sich Mary Raleigh Richardson als Ziel ihrer Hackattacke aus. Mit dem Fleischerbeil zerschlug sie 1914 in der Londoner Nationalgalerie das schützende Glas und schlitzte die Rückenansicht der Liebesikone auf. Damit protestierte die Suffragette gegen die Festnahme von Emmeline Pankhurst, der führenden englischen Frauenrechtlerin. Diese sei die schönste Seele der Moderne, so die Militante, weshalb sie die schönste Frau der mythologischen Welt als Anklage ans Patriarchat symbolisch zerstörte.

Nach ihrer Beteiligung an der ersten Welle des Feminismus übte Richardson den Rollback: Sie wurde Mitglied der britischen Faschisten. Politische Motivation ist aber ein Ausnahmefall bei der Kunstzerstörung. Oft steckt dahinter sogenanntes Herostratentum (➝ Tempel), also – mitunter krankhafte – Geltungssucht. Der Name leitet sich vom Hirten Herostratos ab, der aus Ruhmessucht einen Tempel anzündete und daraufhin mit einer ➝ Damnatiomemoriae belegt wurde. Als ein klassischer Herostrat kann der selbsternannte Philosoph Walter P. Menzl gelten. Dieser hatte 1959 in der Münchner Pinakothek Rubens’ Höllensturz der Verdammten mit Säure attackiert, um Aufmerksamkeit für seine wirren Welterlösungstheorien zu erregen. Tobias Prüwer

Rentner Man könnte meinen, dass sich mit dem Seniorenalter Gemütsruhe einstellt. Doch bei vielen Rentnern schlummert offensichtlich noch viel Energie. Und bei manchen wird die nicht zum Weltreisen, sondern zum Kunsthooliganismus genutzt. Jüngst wurde im südhessischen Grasellenbach ein Rentner-Paar auf einem Kunstpfad ertappt, als es eine Installation beschmierte und einen Sachschaden von rund 10.000 Euro verursachte. Die beiden randalierten wohl seit 2015 in Serie.

Die Neigung, Kunst anzureichern, scheint im fortgeschrittenen Alter generell stark ausgeprägt. Nicht nur kam die spanische Rentnerin Cecilia Giménez 2012 mit ihrer missglückten Restauration eines ➝ Jesus-Freskos zu Weltruhm, sondern es fing sich außerdem erst im Juli eine 90-Jährige durch einen Besuch im Nürnberger Neuen Museum für Kunst und Design eine Anzeige wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“ ein. Die Frau hatte ein Kreuzworträtsel, das Teil einer Collage des Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke war, ausgefüllt. Ihre Erklärung: Fluxus sei eine Kunstform, die zum Mitmachen einlade, sie habe das Werk deshalb eher noch wertvoller gemacht. Benjamin Knödler

T

Tempel Am Anfang der Geschichte des Kulturvandalismus steht die Zerstörung von Tempeln. Und zwar nicht nur in Form der Verwüstung des salomonischen Tempels durch babylonische Truppen, sondern auch in Gestalt des Artemis-Tempels in Ephesos. Aus bloßer Ruhmsucht wurde Letzterer 356 v. Chr. von Herostratos angezündet. Bis heute nennt man narzisstische Kunsthooligans deshalb auch Herostraten (➝ Rache).

Wobei es aber auch eine Form der Tempelzerstörung gibt, die von den Betroffenen als geradezu zwingend empfunden wird (➝ Graffiti). Das höchste Heiligtum Japans, der shintoistische Ise-Schrein, wird rituell nämlich alle 20 Jahre abgerissen und neu gebaut. Herrscht in Nippon keine strikte Unterscheidung zwischen Original und Kopie, ist die Tempelanlage für die Gläubigen dennoch 1300 Jahre alt. Mehr noch: Im japanischen Denken firmiert der Neubau als Annäherung an den Ausgangszustand. Die UNESCO sieht das anders und strich den Schrein aus dem Weltkulturerbe. Nils Markwardt

Z

Zivilisationshass Im Mai 2015 fiel die syrische Stadt Palmyra in die Hände des IS. Bald darauf häuften sich die Berichte, dass die Terrorgruppe begonnen habe, ➝ Tempel, Statuen und den berühmten Triumphbogen niederzureißen. Zuvor waren auch die Bibliothek und das Museum im irakischen Mossul den IS-Kämpfern zum Opfer gefallen. 2012 zerstörten bewaffnete Islamisten zudem ein Mausoleum in Timbuktu. Auch diese Nachrichten gehören zu den Kriegsmeldungen. Dahinter steht jedoch nicht nur religiöser ➝ Ikonoklasmus – meist zeugten die Monumente von der reichen islamischen Geschichte –, sondern es ist ein Vernichtungswille, der sich gegen die Zivilisationsgeschichte an sich, ja vornehmlich sogar gegen die eigenen vielfältigen Wurzeln richtet. So gesehen ist die Kulturbarbarei des IS stets auch eine Form des brutalen Selbsthasses. Benjamin Knödler

06:00 07.09.2016

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 1