Zerstörung der Eineindeutigkeit

Verschwörung Der Virologe Bhakdi hatte eine andere Einschätzung zu Covid-19 als Christian Drosten. Nun hofieren ihn Verschwörungstheoretiker. So viel Debatte verkraften wir gar nicht
Zerstörung der Eineindeutigkeit
Der Weg, für den sich Sucharit Bhakdi entschieden hat, kennt keine Umkehr

Foto: Screenshot Youtube/Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi

Sucharit Bhakdi ist ein Mann der Wissenschaft. Thailändisch-deutscher Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, emeritierter Professor, 21 Jahre leitete er an der Universität Mainz das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene. Männer wie er werden oft mit dem Adjektiv "renommiert" bedacht. Bhakdi gilt als Entdecker des sogenannten Vollstreckermoleküls – wie werden die Membrane von Zellen geschädigt? "Bahnbrechend" ist auch ein Adjektiv, das bei solchen Forschungsergebnissen gern benutzt wird.

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Am 18. März 2020 setzte der Mann seine Reputation aufs Spiel. Er gab sich aus der Hand und in die Hände einer unbekannten, unwägbaren Öffentlichkeit. Bhakdi eröffnete einen eigenen YouTube-Kanal und wandte sich mit drei Videos an diese unwägbar unbekannte Öffentlichkeit, um zu erklären, warum er den Umgang der Regierungen mit COVID-19 für falsch, ja gefährlich hält.

„Ich gehörte schon immer zu denen, die nicht 'Ja' sagen, wenn sie überzeugt sind, dass 'Ja' die falsche Antwort ist. Das habe ich gemacht, als die BSE-Hysterie kam, gefolgt von der Biowaffen-Hysterie, und der vor Milzbrandanschlägen, dann SARS, die Schweinegrippe. Ich habe zu jedem dieser Themen in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert. Die wurden von Laien nicht gelesen und von vielen Wissenschaftlern verschmäht, weil sie nicht Mainstream sind. Deshalb habe ich gesagt: Diesmal wende ich mich direkt an die Gesellschaft und versuche, aufzuklären.“

Sucharit Bhakdis Reden ist kein steter Fluss. Geschmeidigkeit kann ihm nicht unterstellt werden, stattdessen bewegt er sich tastend voran. Beim Telefonieren, wo jede Pause auch ein technisch bedingter Gesprächsabbruch sein könnte, ist das eine verwirrende Erfahrung. Zumal er selbst mit größter Wut – er nennt es eher Verzweiflung – leise spricht. Nur ein kleines, entrüstetes Lachen hin und wieder kann als Maßgabe für die Gefühlslage herhalten.

Am 26. März schrieb Bhakdi einen offenen Brief an Angela Merkel. Einen freundlich-sachlichen Brief, in dem er fünf Fragen stellte und erklärte, keine politische Botschaft kolportieren, jedoch die weitreichenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, „die wir derzeit auf uns nehmen, um die Ausbreitung des COVID-19 Virus zu reduzieren“, kritisch hinterfragen zu wollen. Seine Fragen bezogen sich auf Statistik, Gefährlichkeit, Verbreitung, Mortalität und Vergleichbarkeit. Der Wissenschaftler hoffte auf eine Einladung zur Diskussion. Die kam nicht. Weder an ihn, noch an andere Wissenschaftler, die bezweifelten, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie angemessen sind, dass dieses Virus wirklich so gefährlich ist, wie angenommen und dass deshalb die Ausrufung des Notstandes der richtige Weg sei.

Es kamen: Ken Jebsen und die Faktenchecks

Bhakdis Videos fanden großen Zuspruch. Öffentlich-rechtliche Medien luden den Mann zwar nicht ein, redeten aber über ihn. Sie nannten es „Faktencheck“ und vermittelten nebenher, dass Bhakdi aufgrund der Anzahl seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen möglicherweise sowieso überschätzt werde. Fachkollegen sagten zwar, dass der Mann mal ein renommierter Mikrobiologe gewesen sei, sich nun aber doch schon seit acht Jahren im Ruhestand befinde. Damit war er dann in jener Ecke, die er sich nicht ausgesucht hatte, aus der aber auch schwer rauszukommen ist. Ein Randalierer halt, ein Mann der Vergangenheit, den es jetzt an die Öffentlichkeit drängt und der infrage stellt, was sowieso ausgesprochen fragil daherkommt. Aber einer mit vielen Fans. Seine Videos fanden schnell Verbreitung. Er bekam Zuspruch aus aller Welt, wie er selbst sagt.

Was die einen Medien nicht machten – mit ihm reden – taten andere umso ausführlicher. Der YouTube-Kanal „KenFM“ und der österreichische Sender „Servus TV“ – beide umstritten, ob ihres Hangs zu Verschwörungstheorien – redeten ausführlich mit Bhakdi. Sage niemand, dass Männer wie Jebsen oder Ferdinand Wegscheider keine klugen Interviews führen können. Und dass man nicht neugierig ist, wenn immer nur über jemanden geschrieben wird, auch mal was von demjenigen selbst zu hören. Sich ein Bild machen will.

Und natürlich geschah auch das, was gern mit dem Satz „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ beschrieben wird. Bhakdi ist, wie auch der Lungenfacharzt Wolfgang Wodarg und andere Wissenschaftler, Projektionsfläche für viele geworden – auch für jene, die wir unter „Anhänger von Verschwörungstheorien“ zu kategorisieren versuchen, weil die wirre Gemengelage nur fassbar scheint, wenn es wenigstens eine Schublade gibt. Aber diese Schublade ist groß, denn in ihr tummeln sich Verzweifelte, Anfällige, Angstvolle, psychisch Labile und das wahrlich Böse in Gestalt von Antidemokraten, Rechten und Machthungrigen. Eine schillernd-amorphe Menge, angefeuert, genutzt und ausgenutzt von Leuten, die in der Kombination aus Hybris und fehlendem Anstand wirklich gefährlich sind.

Hat er das vorher bedacht? „Nein, habe ich nicht. Aber selbst wenn, solche Überlegungen hätten mich nicht zurückgehalten. Wenn es notwendig ist, etwas aus ethisch-moralischen Gründen zu tun, dann tut man es. Ich bin im Ruhestand, mir kann nichts passieren. Meine Arbeit als Wissenschaftler war gar nicht so schlecht. Und man kann diese Arbeit jetzt nicht in Abrede stellen. Ich erwarte von dieser Gesellschaft, dass sie ihr Recht beansprucht. Und es ist ihr Recht, von der Politik zu verlangen, dass, wenn Grundrechte eingeschränkt werden, die Notwendigkeit dieser Maßnahmen täglich überprüft wird. Und wenn Stimmen laut werden, dass es vielleicht nicht so ist, wie es dargestellt wird, dann gibt es die Pflicht, die Gegenseite anzuhören und eine gemeinsame Diskussion zu führen.“

Mund halten?

Sucharit Bhakdi ist seit mehr als zwei Jahren deutscher Staatsbürger. Und nun ist er von dem Land, in dem er, anders als in Thailand, dauerhafte Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu finden hoffte, enttäuscht. Er spricht von ihm in der Vergangenheitsform: „Ich habe dieses Land wirklich geliebt. Ich liebe diese Gesellschaft nicht mehr, sie denkt nicht nach. Vielleicht, weil sie nicht kann oder weil sie nicht will. Beides ist schlecht.“

Wie distanziert man sich von Menschen, zu denen man vorher gar keine Nähe hatte? Indem man andauernd sagt, man sei kein Verschwörungstheoretiker und habe mit denen, die es sind, nichts zu tun? Das funktioniert so nicht. Denn dies verlangt eine Form der Eineindeutigkeit in allem, was man sagt, die gar nicht erst zulässt, dass sich verschiedene Interessensgruppen der Aussagen bedienen. Wer jedoch Zweifel an wissenschaftlichen Schlussfolgerungen auf Basis einer sich täglich ändernden Datengrundlage äußert, bedient den Wunsch nach Eineindeutigkeit nicht, öffnet aber zugleich den Raum, sich seiner oder ihrer zu bedienen. Das hat man nur in der Hand, hielte man den Mund.

Bhakdi sagt, man könne so weitreichende Entscheidungen, wie sie getroffen wurden, nicht allein auf Basis von Hochrechnungen treffen. Sein Tonfall wird schärfer – leise spricht er trotzdem: „Warum lässt sich die Regierung nur von einem inneren Kreis beraten und hört nicht auch andere, die eine andere Meinung haben? Das ist doch deren Pflicht.“

Und weil er immer wütender wird, beginnt er dann doch, politische Botschaften zu kolportieren, beispielsweise indem er im österreichischen Servus TV plötzlich ein Hohelied auf den österreichischen Kanzler Kurz anstimmt. Aber auch das in der Vergangenheitsform: „Ich war ein großer Bewunderer von Kurz. Ich hielt ihn für einen Lichtblick… Dann trat er mit dieser Maske auf. Das sah so lächerlich aus. Es ist doch bekannt, dass diese Masken nicht nutzen und sogar gefährlich sind.“

Das Richtige und das, was man für richtig hält

Sucharit Bhakdi ist ein einziger Widerspruch. Aber Widerspruch, auch im Sinne von widersprechen, hat gerade ganz wenig Konjunktur. Dafür ist die Situation zu beängstigend und die Sehnsucht nach klaren Ansagen zu groß. Mehr als Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut und den klugen Herrn Christian Drosten verkraften wir vielleicht gar nicht.

Der Weg, für den sich Bhakdi entschieden hat, kennt keine Umkehr. Es ist egal, was er tut. Die Sendung Monitor befand es als seine Masche, so präsidial und seriös aufzutreten. Da stellt sich dann doch die Frage, wie der Kommentar ausfiele, träte der Mann unseriös auf. Aber das sind fast Petitessen. Zumal das Präsidiale im Verschwinden begriffen ist: „Ich habe gesehen, wie Freunde und Bekannte gelitten haben und leiden. Einige sind jetzt Hartz IV geworden, einige denken an Selbstmord. Diese Nebenwirkungen sind so groß und das RKI, die Regierung fühlen sich gut dabei. Sie kommen sich toll vor. Da kommt mir die Galle hoch. Die rote Linie ist wirklich überschritten.“

Das wird sowohl denen gefallen, deren Unbehagen von Tag zu Tag wächst und die Gefahren für die Demokratie sehen, als auch denen, die von der Demokratie eh nichts halten. Bhakdi kann nicht mehr das Richtige tun. Auch wenn er getan hat, was er für richtig hält.

16:04 07.05.2020

Ausgabe 22/2020

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