Zerstreuung auf dem Boden des Pintglases

Dauerkrise Bekenntnisse eines gebrochenen Mannes: Richard Hawley, hat bei Pulp Gitarre gespielt und für Robbie Williams geschrieben, veröffentlicht demnächst ein neues Solo-Album

Auf die häufiger gestellte Frage, was das krisengeschüttelte Vereinigte Königreich in diesen schweren Zeiten popmusikalisch bevorzugt, antwortet Observer-Kolumnistin Miranda Sawyer zweierlei: Spaßiges (Dizzy Rascal) oder Eskapistisches (La Roux, Lady Gaga). Musik dieser Künstler ermögliche das "Wegtanzen der Krise". Gegen 19:30 Uhr sitzt ein Mann an einem Sommerabend am Fenster eines Eckpubs in Sheffield im Norden Englands und legt die Zeitung beiseite. Der immer lichter werdende Strom von Pendlern, die aus dem Bahnhof durch die Straßen schnellen, zieht ungesehen an ihm vorbei. Nach Tanzen ist ihm nicht.

Er blickt wieder auf die Uhr und weiß, dass er auch nach Hause gehen sollte und zwar jetzt, bevor die Kinder im Bett sind und bevor er ein Bier zu viel intus hat. Vielleicht hat sie gekocht und bestimmt ist sie müde von ihrem langen Arbeitstag. Vielleicht sollte er einen Spielfilm für den Abend ausleihen, einen, der ihr gefällt, auf dem Weg zur Videothek liegt auch der Blumenladen am Friedhof oder direkt vom Friedhof stibitzen, denn viel Geld hat er nicht übrig. Als er Stunden später seinen Deckel mit zitternden Händen bezahlt, denkt er immer noch an seine Frau. Mehr Zeit will er sich für sie nehmen. Weniger trinken, weniger rauchen, ihr häufiger sagen, dass er sie liebt, doch er wird schweigen, wie jeden Abend und vor dem Fernseher in sein persönliches, schwarzes Loch fallen. Aus der Tiefe dieses und ähnlicher Löcher ertönt die Stimme des britischen Musikers und Songwriters Richard Hawley, der sein sechstes Soloalbum mit dem Titel Truelover’s Gutter veröffentlicht.

Schwarze Löcher findet man in England an jeder Ecke dieser Tage. Im Juli betrug die Arbeitslosenquote weit über sieben Prozent, im industriellen Norden des Landes liegt sie noch ein Prozent höher. Selbstverständlich drückt die miese Stimmung am Arbeitsmarkt auf die Gemüter. Dies ist die Heimat und der Alltag Richard Hawleys, dessen dunkle Liebesballaden auf Truelover’s Gutter von billigem Whiskey durchtränkt und mit tabakgelben Fingern geschrieben sind. Hawley ist vierzig Jahre alt und sein Leben laut eigener Aussage eine Art "Dauerkrise: Ich neige zur Selbstzerstörung, zur Autoaggression, zum Saufen, ich rauche wie ein Schlot, bin viel auf Tour, treibe mich rum. Ich versuche das in den Griff zu bekommen. Ich bin verheiratet und habe drei kleine Kinder."

Immer sei er der Typ im Pub gewesen, der auf dem Boden seines Pintglases nach Zerstreuung sucht. Lebensplanung, oder gar Karriereplanung existiert für Hawley nicht, seine Laufbahn sei lediglich getrieben von der Liebe und dem Vertrauen in die Musik. Erste Aufmerksamkeit erntete Hawley mit seiner einigermaßen erfolgreichen Britpopband Longpigs, bevor er Gitarrist der sehr erfolgreichen Britpopband Pulp wurde. Gitarre spielte er auch für die Girl-Band All Saints, schrieb an dem Song Clean für Robbie Williams mit, arbeitete und tourte mit Nancy Sinatra. Schließlich waren es seine Sheffielder Kumpels Jarvis Cocker und Steve Mackay von Pulp, die ihn überredeten Solo-Songs einzuspielen. Lady’s Brigde, sein fünftes Album, chartete in den englischen Top Ten. Der Erfolg kam nicht nur für Hawley, sondern auch für seine Plattenfirma Mute so überraschend, dass man ihm eine Carte Blanche für den Nachfolger überreichte: Er solle einfach machen, was er für richtig hielte.

Artig bedankte Hawley sich für das Vertrauen und beschloss, alles wie sonst zu machen, aus dem Bauch heraus und so, wie die Songs gerade zu ihm kommen wollten, ohne Masterplan und Konzept. "Nur mit den Texten habe ich mir diesmal mehr Zeit genommen", so Hawley, er wolle komplexere Gefühle erzählen. "Maybe I will drink a little less / Come home early don’t complain about the debt / And give you flowers from the graveyard now and than / for your lover give some time", croont Richard Hawley. "Ich habe es ausgesprochen", sagt er mit fester Stimme, "genau darum geht es doch eigentlich: denen, die man liebt mehr Zeit zu schenken."

"Truelover’s Gutter" ist weder spaßig noch eskapistisch, auch tanzbar ist die Platte kaum, aber bewegend ist sie trotzdem sehr, geprägt von schlichter Romantik, außergewöhnlicher schöner Songs, gesungen von einem Richard Hawley, der gelegentlich klingt wie ein Elvis aus Nordengland. Die Platte thematisiert Wirtschaftskrise nicht explizit, vielmehr wirkt sie gegen den emotionalen Ausverkauf, den Gefühlsbankrott. Weil Hawleys Lieder niemals ins Kitsch abgleiten, weil der Realismus des Alltags nicht ausgespart, aber auch nicht glorifiziert wird, weil die Liebesbeziehungen in seinen Arbeiterballaden mit Zwischentönen und Grauzonen existieren, bleibt die Zärtlichkeit in Hawleys Songs überzeugend, immer berührend und vor allem immer nah am eigenen Empfinden. Die Welt von Richard Hawleys Romanzen ist eine diesseitige: eine von Krisen, Selbstzerstörung, Maßlosigkeit und Versagen geprägte, in der doch, wie Blüten zwischen Betonplatten, stets Platz für Bekenntnisse wahrer Gefühle besteht.

Richard HawleyTruelovers Gutter erscheint am 18. September auf Mute

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13:40 04.09.2009

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