Zettels Traum(a)

Notizen Durchs Leben zu kommen, ohne jemals eine Notiz erhalten, geschweige denn geschrieben zu haben, ist unmöglich

Bahnhof links, links, rechts" entpuppte sich als präzise Wegbeschreibung. Das war nicht vorauszusehen, als zwei Verirrte ratsuchend um Richtung fragten und zur Antwort einen schmalen Streifen Papier mit genanntem Wortlaut bekamen. So schnell wie sie daraufhin aufs Ziel stießen, erkannten sie auch einen der vielen Vorzüge von Zetteln: ohne großes Gerede sofort auf den Punkt zu kommen. Erstens lässt ihr Format oft gar nichts anderes zu. Zweitens sind sie in der Regel ein Ergebnis der Improvisation, die sie auf den unterschiedlichsten beschreibbaren und transportfähigen Flächen entstehen lässt, obwohl es sich doch meist um Papier handelt. Durchs Leben zu kommen ohne jemals einen Zettel erhalten, geschweige denn geschrieben zu haben, ist unmöglich.

Es fängt in der Schule an. Da, wo der Mensch die Fähigkeit des Lesens und Schreibens erwirbt, probiert er das neue Wissen gleich aus. Unter den Tischen hindurch werden heimlich Botschaften ausgetauscht, eine Art am Unterricht vorbei geführten Small-Talks. Ganz nebenbei wird so auch eine Form subversiven Verhaltens angesichts autoritärer Figuren erprobt: Private Gedanken zu verfassen und zu verteilen ist im Klassenzimmer nicht gestattet und wird mit Konfiszierung geahndet. Mag sein, dass der Mensch bei diesem Operieren in Geheimhaltung ein lebenslanges Werkzeug erhält, wachsamen und dazu noch höher gestellten Personen ein Schnippchen zu schlagen.

In seinem weiteren Reifeprozess wird der Mensch an den vielfältigen Nutzen von Zetteln herangeführt. Kaum ist das Kind alphabetisiert, kann von ihm der Umgang mit Auflistungen verlangt werden. Da wäre zum Beispiel die Einkaufsliste. Mit dem strikten Verweis, nur das zu kaufen, was tatsächlich geschrieben steht, wird dem Kleinen der Zettel in die Hand gedrückt. Listen sind etwas, das lernt das Kind, an das man sich zu halten hat. Ergo notiert es übers Jahr gewissenhaft den Wunschzettel, Regeln gelten schließlich auch für den Weihnachtsmann.

Mit endlosen Aufstellungen im Gepäck zieht der Mensch schwer beladen durchs Leben. Das befriedigende Ausstreichen einzelner Punkte einer Liste ist dabei wie eine Überprüfung des persönlichen Vorankommens. Listen, so könnte man sagen, sind der bemängelte Ist- vor dem erhofften Sollzustand. Endlos kreisen sie um Inventar und Inventur und es rührt sich der Verdacht, dass der generelle Wesenszug von Zetteln immer etwas mit Abwesenheit zu tun hat. Selbst dort, wo sie als Ort knapper Berichterstattung dienen: "Während Ihrer Abwesenheit hat sich folgendes ergeben (= zur Information)" oder "Während meiner Abwesenheit ist folgende Handlung von Nöten (betrachten Sie die Notiz als Befehl)".

Je nach Hierarchie der Kommunikation variiert die Form der Zettel. Behörden treten an den Privatmenschen mit vorgefertigten Formularen heran. Das vereinfacht gleich bleibende Vorgänge, der Wiedererkennungseffekt erlaubt eine routinemäßige Behandlung des genannten Problems. Unter Kollegen im Büro hat sich der Post-it-Aufkleber durchgesetzt. Er ist praktisch, da selbstklebend, auffallend, da leuchtend, ab und an nervtötend, da überall hängenbleibend. Post-its sind zur Anwendung bis in den privaten Bereich vorgeprescht, ihre Verführungskraft ob der leichten Handhabung drängt dort die Kunst der individuellen Zettelführung zurück. Der Inhalt indes bleibt davon unberührt. Am Ende nehmen die Papierstücke sowieso den tragischen Verlauf aller überflüssig gewordenen Funktionsinhaber, sie landen im Müll. Allein die besonderen Zeichen der Zuneigung unter ihnen erhalten die Chance, beschädigungsfrei in die Schachtel der guten Erinnerung zu wandern.

Die gute Erinnerung - hier im anderen Sinne - ist das zweite große Merkmal von Zetteln. Ohne Notizen kann der Mensch sich selbst kaum selbst über den Weg trauen. Im richtigen Moment lässt mühsam Eingeprägtes sich nicht abrufen, der eben noch präsente Gedanke verfliegt kaum eine Sekunde später. Es gilt der eigenen Unzuverlässigkeit entgegen zu arbeiten. Eifrig wird alles notiert, was sinnvoll und künftig nützlich erscheint. Spontane Geistesblitze werden besser sofort aufs Papier gebannt. Uhrzeiten, Daten, Fakten, Zahlen, alles was dem Menschen in all seiner Vergesslichkeit ein Bein stellen könnte. Denn die Aufnahmekapazität eines Kurzzeitgedächtnisses ist begrenzt. Gehirnforscher haben herausgefunden, dass es sieben (plusminus zwei) Elemente für etwa 18 Sekunden speichern kann. Zu viel Input auf einmal überfordert das Gehirn und verlangsamt andere Prozesse wie die der Sprechfähigkeit und Motorik. Ist der Mensch mit der Wiederholung des Aufgenommenen beschäftigt, werden ihm Kapazitäten für weitere Handlungsräume geraubt. Deshalb also: her mit dem Notizblock, dem "nach außen gestülpten Gedächtnis", wie es jemand einmal nannte.

Die Schwierigkeit bei all der Zettellage ist jedoch sinnvolle Organisation, denn Notizen vereinfachen das Leben nicht nur, sie können es auch verkomplizieren. Ohne System geht des Menschen Vorhaben inmitten seiner Zettelwirtschaft hoffnungslos verloren. So hat er Rolo-Decks erfunden, das Filofax und besonders wichtig: den Karteikasten. Seine besondere Neigung zum "Halten und Züchten" von Karteien wird spätestens in jedem Büro ersichtlich, ob nun beruflich oder privat. Böse Zungen behaupten, dass für die menschliche Lust an der Ordnung besonders Beamte anfällig sind, da ihnen das Planen, Kontrollieren und Beherrschen ein Wesenszug ist, aber auch Wissenschaftler und beispielsweise Autoren zählen zu den Leuten, die nie wieder davon loskommen, Kärtchen in Kästen aus- und wieder einzusortieren. Das rigorose Ordnen dient - das hat man auch feststellen müssen - nicht selten der Beschäftigungstherapie beziehungsweise dem Hinauszögern eigentlicher Aufgaben, ein Phänomen, das man kurzerhand mit dem Ausdruck des "sich verzetteln" betitelt hat und dessen weitere Schattenseite die allzu schlechte Organisation von Papiermassen ist.

Das größte Manko von Zetteln liegt allerdings in ihrer formalen Natur. Dummerweise sind sie nicht vor dem Verschwinden geschützt. Was nützt die erfolgreich ergatterte Telefonnummer, wenn das Stück Papier, auf dem sie steht, partout nicht wiedergefunden werden kann. Und jeder, der einmal einen Zettel bekommen hat mit einer Aufforderung, die ihm nicht gefiel, weiß nur zu gut, wie einfach sich diese hohe Verlustmöglichkeit als Ausrede benutzen lässt, etwas nicht erhalten, ergo nicht gewusst, ergo nicht erledigt zu haben.

Weil der Mensch aber nun einmal nicht anders kann, als mit einer ausgelagerten "Memo Funktion" zu existieren, tüftelt er eifrig an deren technisch-evolutionärer Entwicklung. SMS, Email, Palmpilot, Anrufbeantworter entsorgen allmählich den guten alten Zettel und katapultieren uns - als Nebeneffekt - in einen Zustand, der sich möglicherweise weder als Vorteil noch als zweckdienlich erweisen wird: die ewige (virtuelle) Anwesenheit.

00:00 08.11.2002

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