Andreas Busche
Ausgabe 3213 | 07.08.2013 | 15:18

Zielen und Klicken

Kino Wo Begehren in ein Gewaltpotenzial umschlägt: Danny Boyle lässt in seinem Special-Effect-Kinofilm „Trance“ eine Psychotherapeutin zur rächenden Traum-Architektin werden

Zielen und Klicken

Simon (James McAvoy) ist der einzige Schlüssel zum geklauten Gemälde. Schlecht, dass er sich an nichts erinnert

Foto: Twentieth Century Fox

Wenn das Kino träumt, ist es ganz bei sich selbst und gleichzeitig völlig neben sich. Von der physischen Erfahrung aus der Frühzeit des Kinos, das etwa zeitgleich mit der Entdeckung der Traumdeutung im Wien der Jahrhundertwende das kulturelle und gesellschaftliche Feld zur Moderne hin öffnete, hat sich das aktuelle Special-Effect-Kino emotional wie ideologisch denkbar weit entfernt. Wenn das Kino heute träumt oder wie in Danny Boyles neuem Film gleich in einen Trance-Zustand versetzt wird, ist es immer schon damit beschäftigt, eine vertraute Realität zu rekonstruieren – welche dann wieder mit digitalen Tricks modifiziert und verzerrt werden kann.

Boyle, der mit Trainspotting (1996) bekannt und für Slumdog Millionär (2008) mit einem Oscar bedacht wurde, erzählt in Trance von einer verhängnisvollen Amnesie. Ein Goya-Gemälde wird bei einem Überfall auf ein Auktionshaus gestohlen, doch als die Kunstdiebe (angeführt von Vincent Cassel, der hier der Rolle des libidinös-gewalttätigen Franco-Gangsters tatsächlich noch neue Nuancen abgewinnt) die Beute begutachten, ist der Rahmen leer. Ihr Komplize im Auktionshaus (James McAvoy), der für die Sicherheit des Kunstwerks verantwortlich war, leidet nach einem Schlag auf den Kopf unter einem Gedächtnisverlust. Um die Information über das Versteck der Beute aus seiner Erinnerung zu bergen, engagieren die Gangster eine attraktive Psychotherapeutin (Rosario Dawson), die mit Hypnosetechniken schnell hinter die wahren Gründe der Sitzungen kommt. Sie verlangt einen Anteil an der Beute.

Der Zuschauer kann sich in dieser Geschichte aufgehoben fühlen wie in einem „Point-and-Click“-Videospiel. Boyle hat entlang des Plots kleine Hinweise eingebaut, die aus der überdeterminierten Traumwelt des Protagonisten heraus- beziehungsweise immer tiefer in sein verdrängtes Unterbewusstsein hineinführen sollen. Für die Entschlüsselung des Rätsels, darin besteht gewissermaßen das dramaturgische Prinzip von Trance, erweisen sie sich allerdings als nur bedingt hilfreich.

Neue Leichen

Christopher Nolan hat vor drei Jahren in Inception das Spiel mit ineinander verschobenen Traumebenen nach allen Regeln des digitalen „Post-Cinema“ an seine Grenzen geführt. Nolan ging es dabei auch um so etwas wie eine Architektur der Träume, die die Bewusstseinsebenen strukturierte. Danny Boyle verfügt über kein übergeordnetes Konzept für seine im Ansatz recht interessanten Gedankenspiele. Seine Dramaturgie ist stets vom Effekt der Überraschung her entworfen, was spätestens im letzten Drittel offensichtlich wird, wenn die Handlungslogik der Logik der Eskalation und dem Thrill der kurzen, schnellen Impulse konsequent untergeordnet wird. Während sich die Prozedur des „Erinnerungsraubs“ bei Nolans Inception, der Boyle ganz offensichtlich als Inspiration diente, noch an der Beschaffenheit der menschlichen Psyche orientierte, verzichtet Boyle auf vergleichbare Bezugssysteme. Das Unterbewusstsein hat als verlässliche Größe ausgedient.  

Interessant ist an Trance dann aber doch, wie nah Begehren und Gier in der moralischen Ordnung Boyles beieinanderliegen. Denn die Suche nach dem Goya-Gemälde fördert ein paar Leichen in McAvoys Unterbewusstsein zutage, die dem Krimiplot eine  andere Grundierung verleihen. Die Therapeutin beginnt, neue Informationen in sein Gedächtnis einzuspeisen, die allmählich auch in der grellen, hypertrophen Montage (Schnitt: Jon Harris) ihren Platz als gleichwertige Erinnerungen einfordern. Wer hier wessen Kopf verdreht, ist noch lange nicht endgültig geklärt. Die Frau schlägt sich auf die Seite der Gangster, während sie in McAvoys falscher Erinnerung eine Affäre mit ihm beginnt. Vertrauen ist der Schlüssel zum Unbewussten, doch im Noir-Film ist das Vertraute bloß eine neue Illusion. Boyle hantiert souverän mit solchen klassischen Versatzstücken, so wie er ein ums andere Mal auch das Œuvre Cronenbergs streift – am krassesten mit einem halb zerschossenen, sprechenden Kopf.

Es ist schließlich Dawsons Charakter, der sich zur eigentlich spannenden Figur in diesem vertrackten Vexierspiel entwickelt. Sie verfolgt eine persönliche Absicht, die mit monetären Interessen nur am Rande zu tun hat. Die Erinnerungen, die sie McAvoy implantiert, zeigen weit über die Regionen des Kurzzeitgedächtnisses hinaus Wirkung. Sie zielen dahin ab, wo Begehren in ein Gewaltpotenzial umschlägt. Die Hypno-Therapeutin als rächende Traum-Architektin. Für einen Film, der nach einigen überraschenden Wendungen einen reichlich traditionellen Kurs einschlägt, ist das eigentlich eine gelungene Schlusspointe.

Trance läuft ab 8. August im Kino

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 32/13.