Ziemlich beste Feinde

Mohamed Merah Mit dem Attentat von Toulouse hat ­niemand gerechnet. Die fran­zösische Politik allerdings ist seit Langem islamfeindlich

Es war kein gewöhnliches Freitagsgebet, keine Khotba, wie man sie kennt. Vor den Moscheen des Landes, vor allem vor der ältesten, der Grande Mosquée de Paris, haben sich Ende letzter Woche, – am Ende einer tragischen Woche –, viele Fernsehteams aufgestellt. Journalisten warten. Mikros und Kameras sind einsatzbereit. Sie sind gekommen, um den Puls einer Glaubensgemeinschaft zu fühlen. Die Journalisten stellen, kaum dass die Gläubigen aus der Moschee strömen, Fragen: Sie wollen wissen, was sie „als Moslems“ von dem Serienmörder aus Toulouse halten. Sie holen O-Töne ein, wollen Verurteilungen hören, allgemeine Empörungssätze aufschnappen. Schon die Frage, was man von dem Gräuel halte, wird von den meisten Moslems vermutlich als Beleidigung empfunden. Aber sie zeigen das kaum. „Ein Mörder“, sagt einer mit ruhiger Stimme, „kann kein gläubiger Moslem sein.“

Sieben Tote. Das ist die traurige Bilanz der Wahnsinnstat von Mohamed Merah. Die Opfer: Drei Soldaten; ein Vater mit seinen beiden vier und fünf Jahre alten Söhnen, der gerade aus Israel nach Frankreich zurückgekehrt war; und die siebenjährige Tochter des Rektors der jüdischen Schule in Toulouse. Aber es war auch ein Attentat gegen die moderne, multikulturelle Gesellschaft, ein Attentat gegen Frankreich. So wird es empfunden, als ein Angriff auf die Republik.

In den ersten Tagen nach dem Schock ging es der französischen Regierung vor allem darum, einer Stigmatisierung der französischen Moslems entgegenzuwirken. Nicolas Sarkozy beschwor die Franzosen, sie mögen den Islam als die zweite Religion des Landes nicht mit dem Terrorismus gleich setzen. Dafür mussten Symbole her. Und zwar schnell. Kaum war der Täter identifiziert und seine Wohnung vom Spezialkommando der Polizei belagert, empfing der Präsident den Rektor der Grande Mosquée, Dalil Boubakeur, gemeinsam mit Frankreichs Oberrabiner Gilles Bernheim im Elysée-Palast.

Einstimmig verurteilten sie die Gräueltaten, aber der Wangenkuss des Rabbiners und des Rektors der Moschee wirkte anders als sonst. Er war keine einstudierte Geste für die Kameras, sondern sah eher wie eine Versöhnung zweier Trauender im gemeinsamen Schmerz aus. „Unsere Sorge vor einer Gleichsetzung von Islam und Terrorismus“, hatte Oberrabbiner Bernheim am Ende noch gesagt, „knüpft die Bande zwischen der jüdischen und der islamischen Religion enger zusammen“.

Wird das stimmen? Kann man wirklich näher zusammenwachsen, sodass die französische Gesellschaft womöglich gestärkt aus dieser Prüfung hervor gehen wird? Oder wird sich jenes Ressentiment, nach dem jeder Moslem ein potenzieller Attentäter ist, nicht noch auf größere Teile der Bevölkerung übertragen?

Islam gleich Terrorismus

Moslem in Frankreich zu sein, das hat die Islamfeindlichkeit des Wahlkampfes in den letzten Wochen gezeigt, bedeutet: kein ganz gleichwertiger Bürger zu sein. Und nur für kurze Zeit sah es nach dem Drama von Toulouse so aus, als würden diese Töne leiser. Ein Gebot des Anstands, gewissermaßen. Dann war es wieder Marine Le Pen, die Vorsitzende des Front National, die den Waffenstillstand als erste brach und die Verbindung zwischen Islam, Immigration und Terrorismus wieder herstellte. Am vergangenen Sonntag hielt sie eine schäumende Rede vor Sympathisanten und fragte in die Menge: „Wie viele Mohamed Merahs stecken in den Booten und Flugzeugen, die mit Immigranten gefüllt täglich in Frankreich ankommen? Wie viele Mohamed Merahs sind unter den Kindern dieser nicht assimilierten Immigranten?“

Eine extreme Position? Auf den ersten Blick sicher. Jüngste Umfragen zeigen allerdings, dass 31 Prozent der befragten Franzosen erklären, „mit den Ideen des Front National übereinzustimmen“. Die sogenannte Entdiabolisierung der Partei, die Marine Le Pen erfolgreich betrieben hat, sie bestand vor allem darin, den Antisemitismus-Vorwurf loszuwerden, und einen anderen Sündenbock für die Krise Frankreichs zu finden: Es sind die Moslems Frankreichs, die die französische Rechte für diese Rolle nun auserkoren hat.

Bis vor wenigen Wochen schien sich daran niemand sonderlich zu stören. Im Gegenteil, Marine Le Pen, die den monströsen, cholerischen Vater abgelöst hatte, ist es gelungen, die Partei salonfähig zu machen. Stolz hält sie sich in den jüngsten Umfragen auf dem dritten Platz. Sarkozy hat durch das Attentat in den Umfragen sogar leicht zugelegt. Er wirkt moderater, väterlicher, fast wieder als würdiger Repräsentant der Republik. Denn an ihr Land wollen die Franzosen weiterhin glauben. Und darin, so hat Sarkozy versichtert, „haben die Muslime ihren Platz“.

Obwohl sich die rund fünf Millionen Moslems, die in Frankreich leben – genaue Zahlen gibt es nicht –, in ihrem Land immer weniger zu Hause fühlen. Während seiner Amtszeit hat Sarkozy den Kulturkampf nämlich zu einer Art politischen Priorität erklärt. Vor drei Jahren rief er eine Debatte über die nationale Identität ins Leben. Auf einer eigenen, offiziellen Webseite ging es um die Frage: „Was heißt es, Franzose zu sein?“ Darauf folgte das Verbot der Burka und das, auf offener Straße zu beten. Eine Praxis, die Marine Le Pen vorher übrigens mit der Besatzung Frankreichs durch die Nazis verglichen hatte. Und zuletzt gab es eine sogenannte Halal-Debatte, die alle Präsidentschaftskandidaten mehr zu beschäftigen schien als die Arbeitslosenzahlen.

Auch diese Debatte hatte die rechtsradikale Kandidatin Marine Le Pen losgetreten. Sie hatte behauptet, dass das ganze Fleisch, das in der Pariser Region angeboten und verkauft werde, in Wahrheit halal sei, also Ware von rituell geschächteten Tieren. Sarkozy, der diese Auseinandersetzung erst vermeiden wollte, versprach dann sehr schnell Kennzeichnungspflicht und verstieg sich in einer Fernsehsendung zu dem Satz: „Wir haben zu viele Ausländer auf unserem Territorium.“

Schon zuvor hatte der Innenminister Claude Guéant spitzzüngig behauptet, dass „im Angesicht unserer republikanischen Regeln nicht alle Zivilisationen, alle Praktiken, alle Kulturen gleichwertig sind“. Später fasste er seine schwammigen Worte noch etwas genauer zusammen und erklärte, was ohnehin jeder schon verstanden hatte: Die „westliche Zivilisation“ sei der islamischen überlegen. Und Premierminister François Fillon übertraf das Ganze, indem er erklärte, dass Juden und Muslime auf „anzestrale Traditionen“ zurückgriffen, die „mit dem neuesten Stand der Wissenschaft, Technologie und Gesundheitsvorsorge wenig zu tun“ hätten. Fillon musste sich anschließend bei Vertretern beider Religionen entschuldigen.

Der Politologe und Islamexperte Gilles Kepel, der seit beinahe 25 Jahren über französische Vorstädte forscht, hat pünktlich zum Wahlkampf eine umfangreiche Studie über das Departement Seine-Saint-Denis vorgelegt. Sie trägt den Titel „Quatre-vingt-treize“, also „93“, und befasst sich mit jenem berüchtigten Departement Nummer 93, in dem 2005 die Vorstadt-Aufstände stattfanden. Kepel beschreibt darin ein Rückzugsgefecht vieler junger Moslems, die sich in ethnisch-religiöse Nischen zurückziehen, weil ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt und damit zur Gesellschaft oftmals versperrt bleibt. Sie versuchen ihre Zugehörigkeit und Identität mehr und mehr durch die Religion zu bestimmen. Denn wie in einer natürlichen Gegenbewegung zu den verschärften Gesetzen der Republik wurden auch die religiösen Regeln verschärft: Mischehen sind praktisch unmöglich, und Kinder werden aus den Schulen ferngehalten, weil zum Mittagessen kein Halal-Fleisch angeboten wird.

Kepels Resümee? Wenn es Frankreich nicht gelingt, das Versprechen seiner Staatsbürgerschaft zu erneuern, steht dem Land eine Art Balkanisierung bevor: ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft in Splittergruppen.

Eine Gesellschaft bricht entzwei

Seine Analyse wurde von einem Film, der wenige Wochen vor den Morden in Montauban und Toulouse in die Kinos kam und der im Nachhinein wie eine böse Vorahnung der Ereignisse wirkt, bestätigt: „La Désintégration“ beginnt mit auf der Straße betenden Moslems. Sie knien auf ihren Gebetsteppichen, das Haupt gen Mekka gebeugt und im ersten Augenblick glaubt der Zuschauer, es könnte sich um eine Szene aus Pakistan handeln. Aber der von der französischen Presse hochgelobte Film spielt in Lille. Er erzählt die Geschichte von Ali, einem jungen, französischen Moslem, den der Arbeitsmarkt nicht haben will. Irgendwann legt er einer Freundin seinen Lebenslauf vor und fragt, was er daran ändern solle: „Deinen Namen“, antwortet sie ihm. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass Ali in die Fänge von Islamisten gerät und für ein Selbstmordattentat auf den Sitz der Nato in Brüssel rekrutiert wird.

Philippe Faucon, der Regisseur des Films, hat sich an dem realen Fall von Zacarias Moussaouis orientiert, einem Franzosen, der in die Attentate vom 11. September 2011 verwickelt war und in den USA zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. „Es ging mir darum, das Gefühl der totalen Ablehnung zu zeigen“, erklärt Faucon und fügt hinzu, „aber als ich den Film drehte, hätte ich niemals gedacht, dass sich so ein Drama wie in Toulouse ereignen könnte.“

„La Désintégration“ ist in gewisser Weise das finstere Gegenstück des französischen Kassenschlagers „Intouchables“ („Ziemlich beste Freunde“), dessen sagenhafter Erfolg auch dadurch zu erklären ist, dass die Erzählung „chancenloser junger Schwarzer aus der Vorstadt trifft auf chancenlosen, aber steinreichen Behinderten“ mit sozialer Versöhnung endet.

Das Dilemma der französischen Moslems ist, dass für sie kein Happy End in Sicht ist. Ihr Leben ist meist von Armut, Arbeitslosigkeit, sozialer Diskriminierung und Demütigung geprägt. Die Ideale der Republik, – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit –, scheinen für sie kaum zu gelten. Somit ist es für einige von ihnen naheliegend, sich auf religiöse Werte zu beziehen und sich zu radikalisieren.

Gern hätte man Mohamed Merahs Attentat als „faits divers“ abgetan, also als Meldung aus dem Vermischten. Als eine zugegeben besonders skrupellose, tragische und wahnsinnige Tat. Sein Verbrechen hätte damit entpolitisiert und entschärft werden können. Es hätte nicht mehr als symptomatisch für ein großes Gesellschaftsproblem gegolten, das sich an einer winzig kleinen Gruppe ablesen lässt: jener Handvoll Franzosen, bei denen Frustration in Radikalismus und Terrorismus umgeschlagen ist und die sich in Afghanistan und Pakistan zu Mördern haben ausbilden lassen.

Aber so einfach ist das natürlich nicht. Es geht hier nicht nur um einen Psychopathen. Merah hat im Namen Allahs getötet. Er hat französische Soldaten getötet, weil sie seine „Brüder ermordet“ hätten, so schrie er sie an, bevor er schoss. Er hat französische Kinder getötet, jüdische Kinder, um, so ließ er wissen, „die getöteten Kinder in Palästina“ zu rächen. Seine Morde hat er gefilmt. Das Video wurde an das französische Büro von Al-Jazeera geschickt und schließlich Anfang der Woche der Polizei übergeben.

Für Frankreichs Muslime ist die Situation in zweierlei Hinsicht schwierig: Der Schock über das Ausmaß der Gewalt und die Angst vor weiterer Stigmatisierung mischen sich mit der Verunsicherung darüber, dass sich der islamistische Terror erstmals gezielt gegen die eigene Gemeinschaft richtet. Zwei der drei ermordeten Soldaten in Montauban waren Moslems. Einer von ihnen, Mohamed Legouad, 24, war nur ein Jahr älter als sein Mörder Mohamed Mehar. Mit anderen Worten: Mohamed hat Mohamed getötet.

Martina Meister lebt seit fast zehn Jahren als Journalistin in Paris. Sie berichtet für deutsche Zeitungen von dort regelmäßig über kulturelle, gesellschaftliche und politische Themen. Sie betreibt die Webseite

madaboutparis.com

12:10 30.03.2012

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