Zirkus

Linksbündig Warum der Potsdamer Platz nach zehn Jahren immer noch voll ist

Es kommt vor, dass eine Stadt feierlich gegründet wird. Aber nie sollte sie sich mit einem Knopfdruck, noch dazu vom Staatsoberhaupt, "anknipsen" lassen, wie es mit dem Potsdamer Platz an einem Oktobertag des Jahres 1998 geschah. Natürlich war das Ganze eine gigantische Subventionsmaßnahme zur Standortförderung, und nicht nur kleinliche Bedenkenträger hielten es für größenwahnsinnige Spekulation. Eine Hand voll Architekten, die der damaligen Bauverwaltung als die ­Crême internationaler Baukunst galten, durfte erst vier, dann sechs Hochhäuser auftürmen, dazwischen eine Shopping-Mall, ein "Cinemaxx" mit 19 Sälen, ein Musicaltheater plus Spielbank, zwei Fünf-Sterne-Hotels, knapp tausend Luxuswohnungen und Büros bis zum Abwinken. Natürlich gibt, was dabei herauskam, keinen Rahmen für lebendigen Stadtalltag, sondern posiert als schnittige Karosserie. "Es riecht so penetrant optimistisch hier", brachte der Schweizer Freigeist Benedikt Loderer sein Unbehagen an dieser "Freizeitstadt" auf den Punkt.

Und das legendäre geschichtliche Flair? Die Replik des knorrigen Ampelturms als Symbol der "Goldenen Zwanziger", welche Berufsberliner nimmermüde besingen, blinkt verloren im Kreuzungschaos der Gegenwart. Sinn und Herkunft der beiden Kaisersalons, die für 60 Millionen aus dem entsorgten Hotel Esplanade 200 Meter verschoben wurden, kann schon niemand mehr wirklich erklären. Schließlich die ruhmvollen Investoren: Kaum waren Subventionsbindungen verstrichen, haben Debis und Sony ihre Immobilienschnäppchen verscherbelt, an Banken und Fonds, deren Solidität neuerdings eher skeptisch beäugt wird.

Und trotzdem: Es ist voll am Potsdamer Platz! Spätestens, seit die Berlinale hier ihr Hauptquartier bezog, strömt das Publikum in Scharen herbei. Nicht nur an Kinokassen wird gedrängelt. Selbst sonntags und nach Ladenschluss bummeln Spaziergänger hier entlang und streiten um Kaffeehaus-Stühle am inszenierten Boulevard. Während das kritische Feuilleton kein gutes Haar an den "lückenlos kommerzialisierten Räumen" ließ, haben erlebnishungrige Flaneure die drastisch-dreiste Stadtinstallation lustvoll angenommen. Dabei finden sie hier wohl kein einziges Geschäft, das nicht auch auf der Grünen Wiese auf sie gewartet hätte. Es ist jener Mix aus Kettenläden für den Bedarf kleiner Leute, auf den Centermanager allenthalben schwören - genau wie im Centro in Oberhausen, im Leipziger Hauptbahnhof, oder im Alexa, keine drei Kilometer entfernt vom "Potse". Er garantiert den Händlern satten Umsatz, aber das erklärt noch nicht, warum solch ein Marktplatz mittelmäßiger Angebote zum Magneten für Hunderttausende wird. Sind es wirklich die architektonischen Spektakel? Vor allem im Sony-Center, unter Helmut Jahns Schwindel erregendem Zeltkreisel, wird einem die ernüchternde Einsicht geradezu aufgedrängt: Es ist "Zirkus", der da veranstaltet wird. Der Erfolg gibt den Dekorateuren der Spaßgesellschaft indes recht. Ihre "Urban Entertainment Center", die als Trumpfkarten im Konkurrenzkampf der Kommunen herhalten müssen, versprechen eben genau dies: Die Stadt selbst als Unterhaltung, leicht konsumierbar.

Wild summen Sprachen und Dialekte durcheinander, nur der gemeine Berliner hält sich auffällig zurück. Sicher, auch er war mal gucken, aber mit seiner Stadt hat das gefeierte Retortenviertel nicht wirklich etwas zu tun. Jeder Sightseeing-Bus steuert die schroffe Urbanitätsfestung im einstigen Niemandsland an, und selbst jugendliche Weltenbummler fragen nach dem Potsdamer Platz wie nach der Museumsinsel oder dem Brandenburger Tor. Wie lange solche Attraktion anhält, ist schwer vorherzusagen, noch weniger, was danach aus der Spitzenadresse wird. Aber bis alle Touristen dieser Welt hier einmal entlang geschlendert sind, kann noch viel Zeit vergehen.

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