Zivilisation als globales Experiment

VON "ZOMBIE"-BEGRIFFEN ZUR ZUKUNFT DER GESELLSCHAFT Die Neuauflage des Darmstädter Gesprächs verhandelte die drängenden Probleme der sich globalisierenden Welt

Vor gut einem halben Jahrhundert wurde Darmstadt nicht nur zum Mekka einer seriell-neutönerischen Avantgarde, neben den Ferienkursen für Neue Musik etablierte sich auch das Darmstädter Gespräch. Das Diskussionsforum verstand sich mitten in der Adenauerzeit als Ort "unreglementierter Aufklärung". Theodor W. Adorno war hier ebenso engagiert wie Max Horkheimer, Ernst Bloch oder Walter Jens - aber auch José Ortega y Gasset, Martin Heidegger oder Hans Sedlmayr gehörten zu den Diskutanten.

In diesem Jahr wagte sich die Stadt zusammen mit der Technischen Universität an eine Neuauflage des Darmstädter Gesprächs, wobei den eher spartanischen Nachkriegsbedingungen nunmehr die Möglichkeiten einer "Boomtown" im wirtschaftsstarken Rhein-Main-Gebiet gegenüberstanden. Ergebnis war eine dreitägige Veranstaltung, deren Referentenliste ein who is who der sozialwissenschaftlichen und philosophischen Intelligenz darstellt. Die Breite der Ausrichtung ging jedoch zu Lasten der thematischen Zuspitzung; unter der Überschrift Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert kam die ganze Palette von Problemlagen in einer sich globalisierenden Welt ins Visier.

Mit Blick auf die Themen der 50er und 60er Jahren machte der Philosoph Gerhard Gamm auf eine wichtige Veränderung aufmerksam. Viele Leitunterscheidungen, die einst einen gemeinsamen Boden bildeten, sind inzwischen brüchig geworden, die Reden vom "Politischen", von der "Gesellschaft" oder von "Kultur und Natur" sind nicht mehr umstandslos in Geltung. Ulrich Beck würde hier wohl respektlos von "Zombie-Kategorien" sprechen, von Begriffen, denen der Status von "Untoten" zugefallen ist: Sie treffen das Gemeinte nicht mehr an und können doch nicht von der Bildfläche verschwinden, solange kein Ersatz absehbar ist.

Die Laborsituation

Auch Saskia Sassen ging in ihrem Beitrag zur De-Nationalisierung von Zeit und Raum auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Begriffsbildung ein. Die Prozesse der Globalisierung stellen für die Soziologin aus Chicago keine einsinnigen Ablösungsbewegungen von herkömmlichen Organisationsformen dar. Sie gleichen auch nicht einem Regenschirm, der sich einfach über einer gegebenen Wirklichkeit aufspannt. Es kommt vielmehr zu einer Partialisierung, in der unterschiedliche räumliche und zeitliche Logiken koexistieren. Und deren Erfassung ist es, die ein neues Vokabular erforderlich macht. Vor dem Hintergrund des Beitrags von Sassen illustrierte Harald Schumann, Mitautor der Globalisierungsfalle, Machtverschiebungen, die mit der Globalisierung einhergehen. Als Beispiel diente die geplante Chipproduktion in Frankfurt an der Oder, wo ein privates Unternehmen Investitionskosten und unternehmerische Risiken weitgehend der öffentlichen Hand zuschieben kann.

Um eine Grenzüberschreitung mit deutlichem Wirklichkeitsakzent ging es Bruno Latour mit seinen Regeln für die neuen wissenschaftlichen und sozialen Experimente. Der französische Philosoph und Soziologe beschrieb die gegenwärtige Lage der Zivilisation als die eines universal gewordenen Experiments. Klima, Ernährung, Landschaftsgestaltung - überall sind wir Versuchsobjekte einer Wissenschaft und Technik, die aus den abgeschlossenen Bedingungen des Labors ausgebrochen ist. Der Universalisierung der Laborsituation - so Latours Forderung - müsse eine neue Art der Souveränität entsprechen. Deren Hauptgegner sei die Expertokratie, die als Legitimationsgrundlage immer noch der naturwissenschaftlich-technischen Illusion von der einen und besten Lösung anhängt. "Science policy", die Regelung und Kontrolle des universalen Experiments, wird bei Latour zum essentiellen Recht einer neuen Bürgergesellschaft, die sich nicht mehr auf das letztlich platonische Konzept "einer" Natur mit vorgeblich eindeutigen Weisungen bezieht, sondern an der fortschreitenden Komposition der erst im Entstehen begriffenen gemeinsamen Welt arbeitet.

Moralisierung der Politik und Populismus

Das Spannungsfeld von Politik und Moral wurde zentral bei Slavoj Z?iz?ek und Chantal Mouffe. Der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker, der mit zugespitzten Formulierungen immer wieder kritische Perspektiven öffnet, beklagte den Umstand, dass die Moralisierung der Politik zur Politisierung der Moral im Sinne einer normativen Bemäntelung von kruder Interessenpolitik geführt habe. Seine Forderung zielte jedoch nicht auf eine Entmoralisierung der Politik, sondern auf die radikale Einlösung der in den Menschenrechten und der universalistischen Moral angelegten Prinzipien der Gleichbehandlung.

Bei zum Teil ähnlichen Ausgangspunkten kam Chantal Mouffe zu anderen Schlüssen. Sie sieht in der übermäßigen Moralisierung der Politik eine Gefahr für die Demokratie. Der moralisch abqualifizierte Gegner wird zum Feind, seine Interessen geraten aus dem Blick, der zugespitzte Antagonismus verhindert das demokratische Spiel des Ausgleichs. Die übermäßige Moralisierung hat für die in London lehrende Philosophin und Politikwissenschaftlerin noch eine weitere Folge: Die von der politischen Agenda verdrängten Interessengegensätze kehren in Form eines rechten Populismus wieder. Hier artikuliert sich als diffuser Protest, was die offizielle Politik zuvor "moralisch" desartikulierte.

Der stillhaltende Arbeitskraftunternehmer

In einem den Widersprüchen des Sozialen gewidmeten Diskussionsforum kritisierte Friedhelm Hengsbach die "Phantomdebatten" zu Problemen der sozialen Sicherungssysteme. Das Sozialstaatsgefüge, so der nach dem Tod von Oswald Nell-Breuning wichtigste Vertreter der katholischen Soziallehre in Deutschland, solle hier mit medialer Unterstützung zugunsten der Kapitalseite unterhöhlt werden - eine Einschätzung, der die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer zustimmte. Claus Offe warnte jedoch vor der Überbewertung von inszenierten Debatten: Erst der Verlust des "Ethos der Solidarität" habe den entsprechenden Versuchen ihre Wirkung verschafft. Zygmunt Baumann thematisierte den quietistischen Umgang mit diesen Prozessen, hinter dem er eine "Tina"-Ideologie ausmachte: "There is no alternative" - eine Denkweise, die sich für Bauman bruchlos einfügt in die "Krise der Agora" als Leere des politischen Raums.

Die forcierte Durchmarktung und Deregulierung der Gesellschaft zwingt den einzelnen zur Selbstökonomisierung, die Arbeitenden erscheinen auf dem Arbeitsmarkt mehr und mehr als Arbeitskraftunternehmer. Für die Psychoanalytikerin Hanna Gekle verlagern sich damit die herkömmlichen Klassen- und Machtbeziehungen stärker ins Individuum. Es kommt zu einer Internalisierung der Machtbeziehung, ein Vorgang, der narzisstische Phantasien der Verschmelzung mit der Herrschaftsmacht befördern kann. Deren Kehrseite, die narzisstische Enttäuschung, stellt jedoch die ganze Persönlichkeit zur Disposition. Im Unterschied zur autoritären Externalisierung in der Feindbildkonstruktion kommt es verstärkt zu ungerichteten, oft auch selbstzerstörerischen Reaktionen.

Natur als kulturelle Ressource

Die drängenden politischen und sozialen Probleme veranlassten Gernot Böhme zu einem Votum gegen die unreflektierte Dekonstruktion überkommener Begriffe und Konzepte. Insbesondere plädierte er dafür, "Natur" als "kulturelle Ressource" aufzufassen, um damit dem verbreiteten Hang zur Unbestimmtheit und Verwässerung der Konzepte entgegenzutreten. Insbesondere gelte es, in der Diskussion um den Naturbegriff eine Art von Bestimmtheit wiederzuerlangen, die politisch handlungsfähig macht. Möglichkeiten der politischen und kulturellen Rückbindung sieht der Darmstädter Philosoph vor allem in bewahrenswerten oder bisher noch uneingelösten utopischen Gehalten des westlichen Naturdenkens seit der Antike. Daneben hob er die praktische Anschließbarkeit von philosophischen Reflexionen zur Natur an praktisch-organisatorische oder legislative Möglichkeiten hervor. Böhmes Forderung nach der praktischen Relevanz philosophischer Reflexion scheint nicht nur mit Blick auf die Natur und den menschlichen Naturumgang wieder verstärkt auf die Tagesordnung zu rücken.

00:00 06.04.2001

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