Zolas Geist weht wieder durch Paris

Frankreich Die narkotisierte Nationalversammlung führt zu einer Renaissance der politischen Intellektuellen
Rudolf Walther | Ausgabe 08/2018 3

In Paris entspinnt sich gerade eine politische Debatte, in der es um die Wiederbelebung oder Wiedergeburt des „politischen Intellektuellen“ in Frankreich geht. Das gleicht ein wenig dem Versuch, Deutschland wieder mit dem Rang eines „Landes der Dichter und Denker“ auszustatten. Ob es diesem Anspruch je entsprochen hat, ist seit Heinrich Heine fraglich – im Gegensatz zur Selbstdeutung Frankreichs, das sich nicht nur ironisch als „Land der Intellektuellen“ verstand.

Der Begriff entstand während der Dreyfus-Affäre (1894 – 1898), also im Kontext einer antisemitisch und antisozialistisch grundierten Kampagne von Konservativen, zu deren Opfer der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus wurde, den man mit gefälschten Beweisen der Spionage für Deutschland bezichtigte und verbannte. Der Terminus war zunächst von den Dreyfus-Gegnern als Schimpfwort gegen dessen Verteidiger gerichtet – darunter der Schriftsteller Émile Zola sowie der Journalist und Politiker Georges Clémenceau. Die von rechts als „Intellektuelle“ Verunglimpften übernahmen das Wort und trugen es fortan als ihr Markenzeichen vor sich her. Der Sozialist und Bibliothekar Lucien Herr (1864 – 1926) gehörte zu den Dreyfus-Verteidigern und sagte von sich stolz: „Ich bin einer von diesen Intellektuellen.“

Aus dem Schimpfwort wurde schließlich ein Ehrentitel, der die geistige Elite Frankreichs schmückte – von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert, als man von den „Sartre-Jahren“ und der „Epoche Sartres“ sprach. Schon vor dessen Tod im Jahr 1980 bröckelte freilich das Bild vom „Land der Intellektuellen“. Der Philosoph Michel Foucault führte 1978 die Unterscheidung zwischen dem „universellen“ und dem „spezifischen Intellektuellen“ ein. Für Foucault stand der „universelle Intellektuelle“ in der Tradition der Denker Voltaire und Diderot und bildete mittlerweile ein Auslaufmodell. Der „spezifische Intellektuelle“ des 20. Jahrhunderts war für Foucault der Experte und Wissenschaftler, der aus dem Schatten seines Spezialwissens heraustrat und auf dessen Basis politisch intervenierte.

Im Zeichen der Postmoderne wurde „der Intellektuelle“ am 8. November 1983 mit einem Artikel des Philosophen François Lyotard in Le Monde dann förmlich beerdigt: „Geister, die vom Standpunkt des Menschen, der Menschheit, der Nation, des Proletariats (…) aus denken und handeln“ und sich mit „universellen Werten“ identifizieren, könne es nicht mehr geben, weil es diese Werte und die ihnen zugrunde liegenden Theorien (die großen Erzählungen) nicht mehr gebe. Lyotards Kollege Jean Baudrillard beschied das Publikum kurz und bündig: „Was Sie französische Intellektuelle nennen, wurde von der Mediengesellschaft verschlungen.“

Über den Realitätsgehalt dieses Befunds kann man streiten. Die heutige Debatte über Intellektuelle und ihre Rolle in der Gesellschaft entzündet sich an einer anderen Frage. Seit dem Durchmarsch von Macrons Bewegung La République en Marche bei den Parlamentswahlen im Juni 2017, bei denen sie 349 von 577 Mandaten in der Nationalversammlung errang, finden dort kaum mehr Debatten statt. Die Oppositionsparteien sind in sich und untereinander zerstritten, dazu zahlenmäßig marginalisiert. Die Konservativen verfügen über ganze 100 Sitze, die beiden linken Parteien, die Sozialisten und La France insoumise, zusammen über 48.

Macron als Zielscheibe

Der Politikwissenschaftler Laurent Jeanpierre beobachtet neben dem Verstummen der parlamentarischen Opposition „die Wiederentstehung einer neuen Meinungspresse“ in Form von Zeitschriftengründungen, denkt man an Le nouveau magazine littéraire, Idées, Analyse Opinion Critique, L’Incorrect, Lundi matin und Limite. Aber nicht nur politische Magazine und Netzpublikationen haben Konjunktur, auch Wortmeldungen („tribunes“) in den großen Tageszeitungen und Wochenblättern. Nicolas Truong von Le Monde spricht von einer „Schlacht der Debattenbeiträge“. Die Texte stammen zum Teil von einzelnen Intellektuellen, haben jedoch nicht selten eine ganze Gruppe von Mitunterzeichnern. Größtes Aufsehen erregte mit über 100 Unterschriften die „tribune“ der Schauspielerin Catherine Deneuve, die im Sog der Me-Too-Kampagne vor einer Renaissance der Prüderie, des Spießertums und Puritanismus in sexueller Hinsicht warnte. Beobachter sprechen bereits von der Geburt eines „neuen kollektiven Intellektuellen“, der sich gern jenseits tradierter politischer Fronten bewege. Zur Flüchtlingspolitik äußern sich Marxisten, Liberale, neoliberale Ökonomen, strenge Katholiken und linksradikale Atheisten.

Präsident Macron, der bei jeder Gelegenheit betont, sich weder auf linkem noch auf rechtem Kurs zu bewegen und der das „Sowohl-als-auch“ zur obersten Maxime erklärt hat, ist oft die Zielscheibe in der Meinungsschlacht. Der populäre Schriftsteller und Nobelpreisträger Jean Marie Gustave Le Clézio etwa kritisiert Macrons Unterscheidung zwischen politischen Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen als eine „unerträgliche Verweigerung von Menschlichkeit“. Nach seinem Besuch in Calais, wo sich nach wie vor viele Flüchtlinge aus Nordafrika sammeln, musste Macron herbe Kritik für diesen „Schandfleck“, so der Fernsehregisseur Yann Moix, auf französischem Boden einstecken.

Rund 100 Unterschriften – darunter die von Elisabeth Badinter (die Ehefrau von Ex-Justizminister Badinter ist eine prominente Feministin) und die des herausragenden Historikers Pierre Rosanvallon – standen auch unter dem Debattenbeitrag, der die rechtliche Anerkennung der Kinder von Leihmüttern verlangt, weil das Parlament in dieser Frage bislang schweigt. Auch Themen wie Bioethik oder Klimawandel, die in der Nationalversammlung bisher so gut wie keine Beachtung finden, werden über Debattenessays in den Medien reflektiert.

Für den Politologen Jérôme Sainte-Marie hat Macron persönlich dafür gesorgt, dass der „politische Intellektuelle“ wiederauferstehe. In einer Rede am 11. Januar hatte der Präsident pauschal und ohne Namen zu nennen von „viel Verwirrung bei den Intellektuellen“ und von „falschen, gut gemeinten Gefühlen“ gesprochen. In die gleiche Richtung zielten Passagen im jüngsten Roman des Bestsellerautors Philippe Besson, der sich offen in den Dienst von Macrons Wahlkampagne gestellt hatte. Eine Figur, die unschwer als Doppelgänger Macrons erkennbar ist, kanzelt im Buch die Intellektuellen ab. Da heißt es: „Sie interessieren mich nicht so sehr. Sie leben in alten Vorstellungen. Sie betrachten die Welt von gestern mit den Augen von gestern. Sie lärmen herum mit alten Instrumenten. Ich ziehe ihnen die wahrhaften Denker vor, Jürgen Habermas zum Beispiel. Da bewegt man sich auf einem anderen Niveau.“ Ein Kritiker charakterisierte Bessons Roman als „platt wie ein Trottoir“.

Auf jeden Fall ist Skepsis angesagt gegenüber der These, die Zunahme der Meinungsexkurse und Debattenbeiträge zeige tatsächlich die Wiedergeburt des politischen Intellektuellen an. Es könnte sich auch um ein mehr oder weniger zufälliges mediales Phänomen handeln. Aber mit Sicherheit indiziert der faktische Umbau des Parlaments zur mitmarschierenden Abstimmungsmaschinerie eine schleichende Krise der Parteien, des politischen Systems und seines Mehrheitswahlrechts. Die Situation ist durchaus vergleichbar mit der Konstellation, nachdem de Gaulle 1958 als Staatschef die Verfassung der V. Republik implementiert hatte. Damals wie heute war das Handlungsvermögen des Parlaments und der Parteien gleichsam narkotisiert vom exklusiven Machtanspruch des neuen, mit ebenso bequemer wie folgsamer Mehrheit ausgestatteten Präsidenten.

Wohlmeinende Zeitgenossen wie der Sozialist Christian Paul ziehen den Vergleich zwischen 1958 und 2018 in Anlehnung an Joseph Schumpeters Aperçu zum Kapitalismus als „Phase schöpferischer Zerstörung“. Ob dieser Mythos anders und besser funktioniert, wenn man ihn von der Ökonomie in die Politik verlängert, steht in den Sternen.

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06:00 25.02.2018

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