Zoo

Kehrseite I Meine blaugefrorenen Hände wärme ich an der dritten Tasse Cappuccino, den es hier in Gläsern gibt mit Strohhalm. Wenn das Glas leer ist, löse ich ...

Meine blaugefrorenen Hände wärme ich an der dritten Tasse Cappuccino, den es hier in Gläsern gibt mit Strohhalm. Wenn das Glas leer ist, löse ich meine Hand und blättere eine Seite um. Neben mir ist die Halle mit den Schließfächern, durch eine Glasscheibe von mir getrennt. Meine Tasche liegt im Fach Nummer 75. Manchmal sehe ich von meinem Buch auf und zu dem Fach hin. Ich weiß, dass ich zu den Leuten gehöre, die nicht aufstehen würden, wenn sie sähen, wie jemand ihr Fach öffnete und mit ihrer Tasche davonginge. Ich würde zusehen, wie meine Tasche in der Hand des anderen um die Ecke verschwände und mich dann wieder meinem Buch zuwenden, mit einem leichten Gefühl der Hilflosigkeit.

Vor den Fächern ist ein Kommen und Gehen. Leute stellen ihre Koffer hinein oder ziehen sie heraus, manche sehen sich dabei um und gehen schnell davon. Draußen liegt Schnee, ein harter Schnee, der unter den Schuhen knirscht wie zersplitterndes Glas.

Ich habe mich eben im Park verlaufen. Manchmal möchte ich wissen, was mit mir los ist. Wie ich mich in einem Park verlaufen kann, der nicht größer ist als drei Fußballfelder. Wie ich dabei so die Orientierung verlieren kann, dass ich nicht einmal mehr weiß, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Das ist nicht die einzige Frage, die ich mir stelle. Ich frage mich außerdem, warum ich immerzu verreisen muss. Warum ich in der Ferne das tue, was ich auch zu Hause tun könnte, ein Buch lesen.

Das Café heißt Café Zoo. Das scheint mir ein treffender Name zu sein, denn die Reisenden sehen mich durch die Glasscheibe an, und ich beginne, mich wie in einem Terrarium zu fühlen.

Auch sie sieht zuerst durch die Scheibe, und unsere Blicke treffen sich kurz, bevor sie ihren abwendet und ich wieder in mein Buch sehe, als hätte ich nie aufgeblickt. Sie öffnet die Eingangstür, die direkt vor meinem Platz ist, und ein kalter Luftzug trifft mich am Bein. Ich mustere sie kurz, während sie ihren Blick durch den Raum schweifen lässt und nach einem freien Platz sucht. Sie trägt einen Pelzmantel, der bis zu ihren Waden reicht. Fuchspelz, vermute ich, obwohl ich mich nicht auskenne, und ich fange an, darüber nachzudenken, wie viele Füchse in diesem Mantel verarbeitet sind. Sie geht durch das Café, umrundet die Tische und verschwindet im hinteren Bereich, den ich von hier nicht sehen kann. Nach einer halben Minute steht sie wieder vor meinem Tisch. Ich wusste, dass sie zurückkommt. Ich habe einen Vierertisch besetzt, es ist der einzige noch freie Platz im Café.

Ist hier noch frei, fragt sie und deutet auf die Bank mir gegenüber.

Ich nicke. Sie ist zu grell geschminkt, ich kann ihr Make-up riechen, es riecht billig. Sie setzt sich und ordnet ihre Sachen, stellt ihre Tasche auf die Bank und lässt ihren Mantel von den Schultern gleiten, dann legt sie ihren Schal auf den Tisch. Auf der Tasche und dem Schal sind kleine Fuchshaare. Je länger sie den Mantel trägt, stelle ich mir vor, desto mehr gleichen sich ihre anderen Sachen dem Fuchspelz an. Ein Fuchsschal, eine Fuchstasche, ohne Aufpreis.

Sie bestellt einen Kaffee und fragt, ob sie rauchen darf.

Ich nicke, obwohl ich das nicht haben kann, aber ich will sehen, ob ich Recht habe. Sie holt ihre Zigaretten heraus - und ich habe Recht, sie sind lang und dünn und vollständig weiß. Ich sehe aus dem Fenster in die Gesichter der Leute, die nun offensichtlicher hineinsehen. Sie fällt auf, ihre Kleidung, ihr Gesicht, und sie fällt vielleicht noch mehr auf, weil sie neben mir sitzt und ich nicht auffalle. Ich wende mich wieder meinem Buch zu, und sie raucht ruhig und wartet auf ihren Kaffee. Von meinen Schuhen tropft schmutziges Schneewasser auf den Boden und hinterlässt eine Lache.

Was lesen Sie? Sie deutet auf mein Buch.

Ich bin unwillig, die Vorderseite meines Buches zu zeigen, Buchcover gehören für mich zur Intimsphäre.

Eine Biographie, sage ich kurz, ohne das Buch anzuheben.

Von wem, fragt sie.

Ich nenne den Namen der Verfasserin, nicht den Namen der Biographierten, und beobachte ihr Gesicht, während sie den Namen hört, wie es sich verändert, wie sie merkt, dass sie den Namen nicht kennt und sich fragt, ob sie ihn kennen sollte.

Ach so, sagt sie und stößt eine kleine Rauchwolke aus.

Ich senke meine Augen in das Buch. Bei Biographien ergreift mich immer eine Art Trauer, weil sie fast unweigerlich mit dem Tod enden.

Ich kann nicht lesen, wenn ich beobachtet werde. Ich sehe wieder auf die Schließfächer. An einigen springt eine Ziffer um. Wenn die Taschen länger als 24 Stunden in den Fächern bleiben, muss Geld nachgeworfen werden. Es springen auffällig viele Ziffern um, und ich frage mich, warum Reisende eine Tasche mitnehmen, die sie dann 24 Stunden nicht brauchen.

Ihr Kaffee kommt und sie rührt ihn nicht an, raucht weiter und sieht ebenfalls aus dem Fenster. Ein Hund wird an einer Leine vorbeigeführt. Er läuft auf drei Beinen, zieht das vierte an, und versucht, auf den verbleibenden Dreien so schnell zu laufen wie ein vierbeiniger Hund. Er wirkt rührend in seinen Bemühungen, ein vollwertiger Hund zu sein, mit seinem Frauchen Schritt zu halten.

Wenn ich genug Geld zusammenhabe, sagt sie plötzlich, möchte ich ein Haus am Meer. Direkt am Strand. Und einen Hund, einen großen mit weichem, flauschigem Fell.

Der Satz überrascht mich. In seiner Gewöhnlichkeit, vermute ich, aber ich bin mir nicht sicher.

Wann wird das sein, frage ich, ohne meinen Blick von der Scheibe und dem kleinen dreibeinigen Hund zu wenden, der kurzes, struppiges Fell hat.

Ich weiß es nicht, ein paar Jahre noch.

Denken das nicht alle?

Sie antwortet nicht. An den Bahnschließfächern springen ein paar Ziffern um.

Ich mag keine kleinen Hunde, sage ich dann, als der Hund schon lange verschwunden ist.

Ich auch nicht, sagt sie, und keine schwarzen Hunde, meiner soll helles Fell haben.

Wie der Fuchspelz, denke ich.

Aus meinen Schuhen tropft immer noch Schnee. Er fließt wie ein nicht enden wollender Strom unter die Bank.

Sie drückt ihre Zigarette aus, legt Geld auf den Tisch und geht. Ich sehe nicht auf. Auf dem Sitz hängen ein paar Fuchshaare.

Sandra Niermeyer lebt in Bielefeld. Sie schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen. Zuletzt erschien im Freitag 17/2006 ihr Text "Zwischenzeiten".


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00:00 01.12.2006

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