Zoomer cum laude

Erfahrungsbericht Nach der ersten Faszination machen sich gegen Ende des Digitalsemesters Ernüchterung und Sorgen breit. Am Wochenende gehen die Studierenden auf die Straße
Zoomer cum laude
Die Tore der Universitäten sind verschlossen – der Lehre tut das nicht gut

Foto: imago images/POP-EYE

In der ersten Woche des „Experimentier- und Kreativsemesters“ war das Gemeinschaftsgefühl noch enorm groß. Auf den Bildschirmen verkleinerten sich die Lehrenden zu einer Kachel neben allen anderen. Manchmal posierten sie vor diversen Hintergründen, befanden sich plötzlich im Weltall oder unter Wasser. Studierende mit dem Kind auf dem Arm gehörten genauso zum Bild wie die Katze, die vor die Kamera lief. Die Lässigeren zündeten sich während des Seminars eine Zigarette an. Die Gesichter der Mitstudierenden hatten Namen, und in der Chatfunktion las man „habe kein Mikro“ oder „sorry ton geht nicht“. Die Krise hatte alle zunächst scheinbar gleicher gemacht. Technisches Scheitern schweißte zusammen und wirkte sympathisch.

Es gab viel Solidarität. Weil die Bibliotheken geschlossen waren, musste der Zugang zu Büchern neu organisiert werden. Graswurzelartig entwickelten sich Telegram-Gruppen für die Literaturbeschaffung, nutzten die Bibliothekszugänge, um sich gegenseitig zu helfen. Wir vernetzten uns und versuchten, das Beste aus der Situation zu machen.

Doch nach den ersten Sitzungen war der Reiz des Neuen schnell verflogen. Waren die Hintergrundarrangements anfangs noch lustig, so wirkten sie bald kindisch. Probleme, die anfangs noch amüsant erschienen waren, begannen immer mehr zu nerven. Die Frustration stieg zunehmend.

Inzwischen sind viele Studierende gereizt. Wer Kinder oder Angehörige hat, ist abgelenkt, manchmal rennen sie durch die Sitzung. Vergisst nur einer den Ton auszuschalten, hören alle mit. Die Lehre ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied.

„Ich habe aktuell kein eigenes Zimmer, teile es mir mit meiner Freundin, weshalb Videoübertragung nicht in Frage kommt, selbst wenn es möglich wäre – was bei vier Personen im gleichen WLAN prinzipiell auch immer zu Komplikationen führen kann. Forderungen von Dozierenden, die Videoübertragung zu aktivieren, finde ich daher zwar verständlich, aber inakzeptabel“, schreibt Achim Winter* im Rahmen einer Umfrage der Fachschaftsinitiative Germanistik der Humboldt-Universität zu Berlin. „Die Infrastruktur ist nicht vergleichbar mit einer Universität“, fügt er hinzu. „Ich musste mir einen neuen Laptop zulegen, weil der alte Zoom nicht unterstützt hat. Ich konnte ihn mir leisten, für viele stellt das aber ein Problem dar.“

Gruppenbild mit Name

Unter den Studierenden wächst auch der Unmut gegenüber der Universitätsleitung. Die Hochschule präsentiert sich als EduTec-Startup. Anstatt flächendeckend quelloffene, nicht kommerzielle Software einzuführen, wurden teure Zoom-Lizenzen eingekauft. An manch einer digital aufgerüsteten Uni kann man bis heute noch keine digitalen Unterschriften einreichen. BAföG-Anträge können dagegen noch immer gefaxt werden. Immer wieder fallen die Server aus. Dennoch sollen die Herausforderungen mit Mut, Beharrlichkeit, Kreativität und Zuversicht bewältigt werden. Auf die Studierenden wirkt dies wie blanker Hohn.

Oft können sich Studierende zu Hause nicht aufs Schreiben konzentrieren oder finden keine Ruhe dazu. Einige besitzen nicht einmal einen Schreibtisch. Meist muss die verfügbare Literatur digital gelesen werden, weil die Mehrheit keinen Drucker hat. „Im Vergleich zu den vorherigen Semestern hat sich meine wissenschaftliche Bildung nicht nennenswert verbessert; trotz vieler Stunden vor dem Computer für Seminare, Abgaben und Hausarbeiten habe ich nicht das Gefühl, ein sinnvolles Studium zu betreiben“, schreibt Melina Rickert. Erschöpfung macht sich breit, an den Sitzungen nehmen von Mal zu Mal weniger Kommiliton_innen teil.

Selbst die diszipliniertesten Physical-Distancer geraten an ihre Grenzen. Es fehlt das soziale Miteinander: Kein Alltag an der frischen Luft, keine räumliche Trennung von Uni-Dasein und Privatleben, kein Nachhausekommen. Nach wenigen Wochen Routine reichen Spazierengehen, Joggen oder Yoga zur Erholung nicht mehr aus. Manche berichten darüber, sich einsam zu fühlen.

Wer mehr zu Hause ist, kann auch mehr leisten

„Jetzt gerade ist es 1.30 Uhr, also eigentlich mitten in der Nacht, und ich sitze immer noch an meinen Unisachen, ohne so wirklich ein Ende in Sicht zu haben,“ erzählt Paula Lebrich.

Die Analyse des Arbeitsaufwands, der erbracht werden muss, um den Seminarschein zu erhalten, zeigt: er ist immens. Mehr als die Hälfte der Studierenden, 51 %, gibt an, dass sie mindestens eine Veranstaltung besuchen, deren Workload ihnen unangemessen hoch erscheint. Mangelnde physische Präsenz der Lehrenden wird mit technischen Mitteln überkompensiert, aus Angst, ihre Schäfchen könnten abdriften. Viele glauben, mehr fordern zu können, weil die Studierenden nun mehr zuhause sind. Und manche unterstellen sogar, dass das Digitalsemester ohnehin als Urlaubssemester am Laptop verstanden würde.

Nichtsdestoweniger leiden auch die Dozent_innen unter den Bedingungen. Einige halten Stunden ab, in denen sie zusammen mit den Studierenden besprechen, was verbessert werden kann. Auf der Lernplattform ist zu lesen, dass „durch die Onlinelehre unglaublich viel verloren geht. Der Input der wissenschaftlichen Mitarbeiter, der Austausch mit den Kommiliton_innen, allein das gemeinsame Lernen in der Bibliothek oder Universität ist gerade in den Geisteswissenschaften essentiell für eine produktive Bildung“, schreibt Melina Hinz.

Laut der genannten Umfrage sind zwei Drittel der Studierenden mindestens zehn Stunden pro Woche erwerbstätig, knapp die Hälfte davon im Home-Office. Andererseits wurden fast einem Viertel der Studierenden Stunden reduziert, zehn Prozent haben ihren Job verloren. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten und Mieten können sich viele ein Semester mehr einfach nicht leisten. Einige sind schon jetzt in existenzielle Not geraten, und die Gelder des Bildungsministeriums für Studierende „in akuter Notlage“ müssen derzeit jeden Monat neu beantragt werden. Wer mehr als 500 € auf dem Bankkonto hat, erhält gar nichts. Einer nicht repräsentativen Umfrage des Referent_innenrats (AstA) der Humboldt-Universität zufolge erwägt jeder vierte Studierende – und 7,5 Prozent ganz konkret – das Studium abzubrechen.

Nun treibt der Frust auf die Straße, in einem breit aufgestellten Bündnis „Solidarsemester“, das die finanzielle Situation der Studierenden öffentlich macht. Gleichzeitig wurde diese Woche bekannt, dass an den Berliner Hochschulen auch im Wintersemester zumindest teilweise digital unterrichtet werden soll. Kreativität wird dabei nicht mehr viel herausspringen.

*alle Namen geändert

Marc Deger ist Studierender der Literaturwissenschaft an der HU zu Berlin und Fakultätsratsmitglied.

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14:00 19.06.2020

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