Zu alt, zu dick, zu klein?

Feminismus Schönheitswahn und Körperkult, Fuckability und fiese Blicke. Liv Strömquist attackiert in ihrem neuen Comic die Körpernormen des Alltags
Zu alt, zu dick, zu klein?
Die Zeichnerin Liv Strömquist

Foto: Emil Malmborg

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Welches Kind kennt sie nicht, die Frage der bösen Königin in „Schneewittchen“? Das Märchen soll Kinder lehren, wohin Eitelkeit führen kann. Man könnte es aber auch anders lesen: Mit ihm werden Kinder von klein auf darauf getrimmt, Schönheit als lieb und teuer zu begreifen. Kritisiert wird diese Denkweise von Liv Strömquist, ihres Zeichens Comiczeichnerin und Podcasterin, die sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Feministin gemacht hat. Margarete Stokowski gehört zu den bekennenden Strömquist-Fans, das Missy Magazine jubelt begeistert, dass Strömquist das Patriarchat „radikal, konfrontativ und hemmungslos komisch“ hochgehen lasse.

Vier Comics hat sie bislang vorgelegt: eine Kulturgeschichte der Vulva, zwei Comics über die Liebe in kapitalistischen Zeiten – und ein Album, in dem sie den Mythos des männlichen Genies zerpflückt. In ihrem neuesten Comic Im Spiegelsaal wendet sie sich der Schönheit zu und hat Schneewittchens Stiefmutter ein eigenes Kapitel gewidmet.

Schönheitswahn und Körperkult, „Fuckability“ und fiese Blicke – das sind die Themen, um die sich die fünf neuen Comic-Essays der Schwedin drehen. Es ist ein irrer Mix aus Fakten und Thesen, Anekdoten und Erzählungen, Popkultur und Philosophie, mit dem sich Liv Strömquist ihrem Thema nähert. Wir begegnen darin Celebrities wie den Kardashians, lesen von der Last, schön zu sein, anhand der Beispiele von Nofretete und Kaiserin Sisi, folgen den Theorien von Susan Sontag und Eva Illouz und erfahren von pensionierten Königinnen, warum Schönheitsideale Frauen den Lebensabend versauen.

Abgefuckt, aber ist halt so

Während der Buchmesse treffe ich Strömquist – nicht in Frankfurt am Main, sondern pandemiekonform per Videokonferenz. Im blauen Wohlfühl-Pullunder hat sie es sich in ihrem Atelier in Malmö bequem gemacht, ihre Augen sehen müde aus. Ihr deutscher Verlag hat ein Dutzend Interviews organisiert. Wir sprechen über Instagram und „guilty pleasures“, denn nirgendwo sonst geht der Hype um die Schönste im Land so ab. Warum folgen dort beispielsweise Millionen Menschen den Kardashians? „Wir träumen uns in eine andere Welt und stellen uns dann vor, wie es wäre, so schön wie Kylie Jenner zu sein“, antwortet Strömquist. Diese Beobachtung entspricht exakt dem, was der französische Philosoph René Girard in seiner mimetischen Theorie behauptet: „Menschen begehren das, was andere Menschen begehren.“ Die Kardashians haben daraus ein Geschäft gemacht, mit ihren Beauty-Linien verdienen sie Millionen. Das britische Wirtschaftsmagazin Forbes hat Kylie Jenner vor Kurzem zur jüngsten Selfmademilliardärin aller Zeiten erklärt.

Kim, Kylie und Khloé haben die Vorstellung davon, was als sexy gilt, massiv geändert. Ihre Körper seien „maßgeblich für das Schönheitsideal dieser Tage“, meint Strömquist. Sei es noch vor wenigen Jahren angesagt gewesen, groß und skinny zu sein, gelte jetzt als schön, wer einen ausladenden Hintern und eine schmale Taille hat.

Die Frage nach der Schönsten im Land wird in der digitalen Gesellschaft nicht dem Spiegel, sondern mit dem iPhone in der Hand gleich der ganzen Welt gestellt. Die Körpernorm von „Insta“ ist der Spiegel, vor den sich Millionen täglich stellen. Einerseits würden Frauen davon profitieren, meint Strömquist, weil Schönheit Aufstiegschancen verspricht und sie mehr Möglichkeiten haben, ihr Aussehen zu verändern. Andererseits erhöhe das aber auch den Druck, etwas aus sich zu machen: „Frauen legen außerordentlich viel Wert aufs Aussehen, wollen sich und anderen ständig beweisen, wie schön sie sind. Diese Fixierung auf das Aussehen scheint mir ein exklusiv weibliches Hobby zu sein.“ Bei solchen Aussagen meint man schon das Grummeln in feministischen Kreisen zu vernehmen. Zumal sie von einer kommen, die sich zu inszenieren weiß: Für ihre Comics gibt Strömquist stets das Covergirl, als intellektueller Punk, verführerische Madonna oder kühle Stilikone – natürlich immer mit Augenzwinkern. Dass Feministinnen, die nicht hässlich sind, besser dastehen, „ist zwar absolut abgefuckt, aber es entspricht nun mal der Realität“, kommentiert sie lakonisch. Als 17-Jährige besuchte die Tochter einer Bibliothekarin und eines Künstlers in Stockholm einen Vortrag über Geschlechterbeziehungen. Seitdem interessiert sie sich für Feminismus. Sie las viel, hörte Punk, suchte eine eigene Position. In ihren 20ern besuchte sie zwei Workshops: In dem einen ging es um männliche Gewalt und Unterdrückung, im anderen um Popkultur, Partizipation und Lebenslust. Seitdem weiß sie, dass ihr Feminismus witzig, ironisch und lebensfroh sein soll. Während ihres Politikstudiums zeichnete sie erste Do-it-yourself-Comics und machte beim Uniradio mit. Mit Mitte 30 dann der Durchbruch: In Der Ursprung der Welt (2014) erzählt sie eine Kulturgeschichte der Vulva und der Menstruation. Eine Zeichnung im Comic zeigt eine im Schritt blutende Eiskunstläuferin. Im Rahmen einer Kunstaktion wurde sie 2017 in der Stockholmer U-Bahn gezeigt. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten machten daraus einen Skandal, sodass Strömquists „public menstrual art“ sogar im liberalen Guardian diskutiert wurde.

Für Strömquist war die Aktion ein Beitrag dazu, die Menstruation raus aus dem Tabu und in die Normalität zu holen. Irritiert hat nicht wenige Feminist:innen ihr letzter Comic: Ich fühl’s nicht (2020) ist ein Plädoyer für die romantische Liebe und damit ein Gegenentwurf zu ihrer kritischen Analyse von Rollenmustern und Liebesfallen in Der Ursprung der Liebe. Für Strömquist kein Problem: Sie liebt Widersprüche.

Sexy Großmütter

Die kapitalistische Leistungsgesellschaft hat auch den Liebesmarkt dereguliert, erfährt man in ihrer neuen Arbeit. Schönheitsideale, Körpernormen und Sexappeal sind wichtiger geworden. „Sie haben sich in eine Art Status verwandelt, in dem sich der Wert eines Menschen ausdrückt“, erklärt Strömquist mit Verweis auf eine Studie. Der zufolge habe die Mehrheit der befragten Männer kein Problem damit, mit einer übergewichtigen Frau Sex zu haben, wollen mit ihr aber nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden: weil das ihrem Ansehen schade. „Ein Mann kann also durchaus eine übergewichtige Frau schön oder attraktiv finden, als Statussymbol ist sie aber weniger wert als eine schlanke Frau“, so Strömquist. „Das ist die brutale Wahrheit hinter den Schönheitsidealen, die uns überall begegnen.“ Davon betroffen seien aber auch Männer. Auf Tinder würden Frauen vier von fünf Männern ablehnen, weil sie nicht schön, groß und muskulös genug sind. Die Erfahrung, wegen des Aussehens abgelehnt zu werden, werde aktuell wohl eher von Männern gemacht. Wie viele abgelehnte Typen zu frauenverachtenden Incels werden, weiß niemand genau.

In ihrer vielschichtigen Analyse zeigt Strömquist, dass der Körperkult auch vor Altersgrenzen nicht Halt macht. Wohin man auch schaut, greift eine Sehnsucht nach ewiger Jugend um sich. „Es gab mal eine Zeit, da mussten Mütter und Großmütter nicht auch noch sexy sein, um als Frau akzeptiert zu werden“, meint Strömquist. Das sei heute anders. Im Spiegelsaal lässt sie ein paar in die Jahre gekommene Königinnen darüber sprechen: Die erste klagt über abnehmendes Selbstbewusstsein, die zweite ist froh, den bewertenden Blicken zu entkommen, die dritte ist dankbar, dass in der lesbischen Community das Alter kaum eine Rolle spielt. Letzteres ist einer der wenigen Momente, in denen queere Perspektiven im Comic vorkommen. Hier könnte Kritik ansetzen, hätte die Schwedin in vorangegangenen Werken nicht immer wieder queerfeministische Theorien bedient und die binäre Geschlechterordnung infrage gestellt. „Schönheit ist etwas Größeres als das, was ein Foto zeigen kann“, sagt sie. Danach Ausschau zu halten, scheint lohnenswerter als stundenlanges Bingewatching auf Tiktok und Insta.

Im Spiegelsaal Liv Strömquist Avant 2021, 168 S., 20 €

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06:00 13.11.2021

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