Zu deutliche Absichten

Theatertreffen 05 Es werden keine Sieger gekürt, aber Verlierer gibt es trotzdem

Seit dem 40. Geburtstag mag das Theatertreffen nicht mehr altern. Statt zur 42. Auflage luden die Berliner Festspiele in diesem Jahr zum tt 05, dessen Motto vereinsheimat Parallelen zur Fußballbundesliga "spielerisch" aufgreifen sollte: Jedes Mal, wenn die in die entscheidende Phase tritt, versammeln sich in Berlin zehn Inszenierungen, die eine Jury aus dem gesamten deutschsprachigen Raum als "bemerkenswert" auswählt. Selbst im Unernst also hinkt der sportliche Vergleich, weil das Theatertreffen keine Meisterschaft und die Ermittlung eines Siegers nicht vorgesehen ist. Was nicht ausschließt, dass es mitunter Verlierer gibt.

Letztes Jahr traf dieses Los die Regisseurin Andrea Breth, die in diesem Jahr die Einladung ihres Wiener Don Carlos vorsichtshalber ausschlug. So ging die rote Laterne 2005 an eine Inszenierung, die dafür wie geschaffen war. Hannover ist zwar Landeshauptstadt, zählt aber nicht zu den Metropolen, die regelmäßig das Theatertreffen beschicken. Auf der kleinen Bühne des niedersächsischen Staatsschauspiels hat eine junge Regisseurin mit eher unbekannten Schauspielern ein Stück inszeniert, das seinen intellektuellen Kurzschluss schon im Titel führt: Hotel Paraiso.

Wenn ein Text das Paradies in einem drittklassigen Hotel verortet, ist allzu vorhersehbar, dass die Handlung direkt in die Hölle führt. Und wenn sich der Weg dorthin am Inbegriff aller Katastrophen, einer Kleinfamilie im Urlaub, vollzieht, bleibt unterm Strich ein einziges Klischee. Doch galt die Einladung nach Berlin nicht Lutz Hübners Stück, sondern Barbara Bürks Inszenierung, und die war in der Tat "bemerkenswert": Im besten Sinne durchschnittlich, steht sie für das hohe Niveau des subventionierten Theaters, das Abende wie diesen auch in den Metropolen erst ermöglicht.

Die Würdigung als Stellvertreter entspricht jedoch weder den Statuten des Theatertreffens noch den Erwartungen des Publikums. Erschwert wurde das Gastspiel durch die Organisation, die den Außenseiter auf die Seitenbühne des Festspielhauses verbannte. Den Preis dafür zahlten die Schauspieler, allen voran Sonja Beißwenger als Tochter Kathi, die an einem nicht benannten Vater-Komplex leidet und ihre Sehnsucht mit dem letzten Wort des Abends herausschreit: Liebe. Zuvor jedoch sah sie sich abwandernden Zuschauern gegenüber, die den Raum mangels Hinterausgang über die Bühne verließen.

Was immer die Jury bewogen haben mag, Hotel Paraiso einzuladen - und Zynismus wird ihr niemand unterstellen -, davon profitiert haben nur jene Inszenierungen, die, da der Sündenbock gefunden war, vom Unmut des Publikums verschont blieben. Ärger als ein Abend, dessen Titel ihn vorwegnimmt, ist jedoch ein Abend, bei dem das die Bühne übernimmt: Sie ist Teil der künstlerischen Leistung, die mit der Einladung gewürdigt wird. Doch was ist daran positiv bemerkenswert, wenn der symbolische Zeigefinger eines Bühnenbildes so erigiert ist wie die Schwänze, von denen in ihm die Rede ist?

Elementarteilchen von Michel Houellebecq ist ein Roman, dessen Figuren sich aus der Zukunft an ihre Vergangenheit erinnern, die unsere Gegenwart ist. Wie es um die bestellt ist, verkündet die Bühne von Jens Kilian so überdeutlich, dass es der Aufführung nicht bedurfte. Schon vor ihrer Benutzung war der stark gewellten Spielfläche im vorderen Parkett anzusehen, dass auf ihr "Normalität" unmöglich ist. Dass diese Einschränkung für alle und jeden gilt, auch diese Botschaft erreichte das Publikum vor Beginn. Das saß je zur Hälfte auf der Bühne und im Parkett und sah bis zum Schluss - sich selbst.

Für die Vorwegnahme büßten auch hier die Schauspieler. Der Regisseur Johan Simons verdonnerte sie zu zweistündigem Stand-Spiel, das durch Mikroports von zwei Halbbrüdern berichtete, die am "neuen Menschen" arbeiten: der eine mit dem Schwanz, der andere im Labor. Sie selbst erwiesen sich als ganz die alten, die am Widerstreit der Wünsche nach Individualität und Geborgenheit tödlich scheitern. In Doppelmonologen mit den begehrten Frauen erinnerten sich die Gestorbenen einer Vergangenheit, die unsere Gegenwart ist. Woran es der gebricht, brachte das letzte Wort auf einen simplen Nenner: Liebe.

Das Schauspielhaus Zürich war mit einer zweiten Inszenierung vertreten, die sich ebenfalls auf einen Roman berief. Mit Stefan Pucher zeichnete zwar ein anderer Regisseur verantwortlich, doch war Homo Faber vom gleichen Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag geprägt. Mitschuld trug auch hier die Bühne (Barbara Ehnes), die das Schauspiel vorab zum Debattierclub erklärte: Über einem Podium, das für eine gleichnamige Diskussion ausgestattet war, schwebte ein Fernsehgerät der fünfziger Jahre als Monitor. Aus dieser Zeit stammen auch der "Internationale Frühschoppen" und Werbespots, die während des zweieinhalbstündigen Abends darüber flimmerten.

Die Übertragung der Romanfigur in die Dreidimensionalität begann mit ihrer Zerlegung: Vier Schauspieler nahmen auf dem Podium Platz und stellten Facetten Walter Fabers vor. Als Ingenieur wähnt der sich ganz Kopfmensch, bis er sich in seine Tochter verliebt. Deren Existenz war ihm so unbekannt wie die Emotionen, die ihn sein Gefühls-Leben erinnern lassen. Die Frauen, die er dabei evoziert, kleidete die Inszenierung uniform als Playboy-Häschen, Krankenschwester oder Stewardess, und für historische Orientierung sorgte Live-Musik.

An Homo Faber beschrieb Max Frisch die Kluft zwischen Kultur und Natur, die sich vor dem Individuum unter den Bedingungen des Nachkriegs auftat. Eingeladen wurde die Inszenierung als Versuch, ein Zeitzeugnis mit den Mitteln der Bühne von heute aus zu "lesen". An Lektüre ist sie jedoch ebenso wenig interessiert wie an Theater. Ersteres erwies sich in jenen Szenen, in denen Ich-Erzähler vom Parkett aus über ihre subjektiven Leseerfahrungen berichteten. Der objektivierende Schulterschluss mit dem Publikum gipfelte im Auftritt einer Reich-Ranicki-Karikatur, die Faber als Pappkameraden denunzierte. Der eitle Gestus, das Gezeigte zugleich kritisieren zu wollen, fiel dem Abend auf die Füße, als Robert Hunger-Bühler nach der Pause allein an der Rampe saß und einen halbstündigen Faber-Monolog hielt. Die Regie machte die Leistung des Schauspielers zunichte, indem sie ihn mit einem Mikrofon ausstaffierte und per Video verfielfachte, um noch im letzten Bild den Fokus von der Figur auf jenen inhaltslosen Firlefanz zu lenken, den sie für Theater hält.

An diesem Irrtum krankte auch Puchers Othello-Inszenierung vom Hamburger Schauspielhaus, eine selbstgefällige Nabelschau in einer Übersetzung, die Shakespeares Eifersuchtsdrama ganz auf den Zweck zurichtet. Für den stand Jago (Wolfram Koch), der im Anzug und aus dem Publikum die Fäden der Intrige zog. An denen hing Othello (Alexander Scheer), der als singender Gegenentwurf zum Technokraten Jago über die videobestückte Drehbühne von Barbara Ehnes tobte. Was die Jury als subtilen politischen Kommentar auf das (Show-)Business anpries, erwies sich als Paradebeispiel eines sich kritisch wähnenden Theaters, das durch hemmungslose Aneignung von Menschen, Meinungen und Material selbst zum Politikum wird.

Das diesjährige Theatertreffen zu bilanzieren scheitert daran, dass sich in der Auswahl wenige Inszenierungen fanden, die nicht an Hybris litten. Auch wenn es denen gegenüber ungerecht ist, soll als Beispiel ein Festival dienen, das die Berliner Festspiele, gemeinsam mit dem ZDF, parallel zum Theatertreffen veranstaltete. Schiller 05 präsentierte fünf von einer (anderen) Jury ausgewählte Inszenierungen, die sich mit dem Jubilar befassten. Darunter befand sich eine Bearbeitung der Jungfrau von Orleans, bei der Bewusstsein für Machbarkeit, intellektuelle Durchdringung und spielerische Umsetzung wohltuend austariert waren. Dass die Beteiligten Schüler waren, ist deshalb erwähnenswert, weil das "große" Theatertreffen nahtlos in das der Jugend übergeht. Und da eine (wiederum andere) Jury die Jungfrau aus dem Fränkischen auch dazu eingeladen hat, besteht Gelegenheit, sie ein zweites Mal zu sehen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 27.05.2005

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare