Zu lang bedroht, zu viel geweint

Prekäre Konstruktion Mit Racines "Andromache" in der Regie von Luk Perceval kehren Jutta Lampe und der Wille zur Form an die Berliner Schaubühne zurück

Eine Inszenierung sollte gute Gründe haben, wenn sie die Spielfläche auf einen schmalen Steg reduziert, der die Bewegungs- und damit die Ausdrucksmöglichkeit der Schauspieler radikal beschränkt. Denn es braucht gute Gründe, damit Schauspieler sich auf eine solche Reduktion ihres ureigensten Terrains einlassen - erst recht, wenn sie als Gast, mithin freiwillig mitwirken. Und um sich als Zuschauer darauf zu freuen, Jutta Lampe nach Jahren an alter Wirkungsstätte wiederzusehen, sollte man bessere Gründe haben als die Berufung auf vergangene Zeiten.

Dass der Abend nur eine Stunde, zehn Minuten dauert, steht auf einem Schild über dem Eingang, durch den man auch früher ging, um der "alten" Schaubühne bei der Arbeit zuzusehen. Die erste Minute der knapp bemessenen Zeit vergeht damit, dass sich der schwarze Vorhang zur Seite bewegt, bis er zur Rückwand geworden ist, und wenn das erste Wort gesprochen wird, sind bereits zwei der 70 Minuten vergangen. "Was denkst du?" fragt der Mittelmann. "Was denkst du?" gibt Jutta Lampe, zweite von rechts, die Frage zurück.

Jutta Lampe wiederzuerkennen ist keine Kunst - in der Schauspielerin, die dort auf einem schmalen Grat hoch über einem Flaschen- und Scherbenmeer sitzt, die Titelfigur aus Jean Racines Antikendrama Andromache kenntlich zu machen, schon. Denn noch unterscheidet sie einzig ihr Kostüm von den anderen namenlosen Figuren, die sich, wie ihre Darsteller, sämtlich der Gefahr des Absturzes aussetzen.

Die Bühne von Annette Kurz nämlich ist ein ebenso massives wie labiles Gebilde, das auf zwei Stahlträger einen schwarzen Kubus setzt, auf dem, nur wenige Vierkanthölzer als Standfläche, Dutzende Platten eher nachlässig abgelegt sind. An den Seiten wie der Front ragen Ecken und Kanten heraus und reduzieren mit jeder Lage den Halt, den der Stapel auf seiner Spitze bietet. Ob "Granit" oder "Gerüst", schwer oder nur schwer wirkend, was immer diese Konstruktion im Übergang bedeuten mag - zumindest mit jeder "falschen" Bewegung riskieren die Schauspieler den freien Fall in das Glas, das sich am Fuß des Stapels angesammelt hat.

Racines Andromache beginnt, wenn der Krieg um Troja beendet ist. Die fälligen Reparationen sind jedoch nicht in barer Münze zu entrichten, sondern in den Gefühlen, die Sieger wie Besiegte zwar füreinander, aber unerwidert hegen: Orest (Ronald Kukulies) liebt Hermione (Yvon Jansen), die Pyrrhus (Mark Waschke) begehrt, der das Herz Andromaches (Jutta Lampe) gewinnen will, das dem toten Hektor und ihrem Sohn Astyanax gehört, dem einzigen Erben Trojas, den zu ermorden Orest und Pylades (André Szymanski) nach Epirus gekommen sind.

Mit der Nennung der Figuren von links nach rechts ist zugleich deren "Seelenlage" beschrieben - zumindest auf einer Bühne, auf der schon der Versuch zum Scheitern verurteilt ist, mit der Nähe des oder der vergeblich Geliebten auch der Vergeblichkeit des Liebens zu entkommen. Unendlich lange 70 Minuten muss Orest neben Hermione, Hermione neben Pyrrhus, Pyrrhus neben Andromache ausharren, unendlich lange 70 Minuten misslingt Pylades´ Versuch, vom rechten Rand des Steges aus wenigstens mit Worten seinen Freund Orest am linken Rand des Steges zu erreichen, um ihn zu jener Vernunft zu bringen, die allein das Unheil aufhalten könnte.

Der Regisseur Luk Perceval und sein Bruder Peter haben eine Textfassung erstellt, die die Vorlage ähnlich radikal beschneidet wie die Bühne die Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspieler. Wo bei Racine die hehre Kunstsprache die psychologische Motivation der Figuren übernimmt, finden sich gut 300 Jahre später Worte, die die Dinge durchaus beim Namen zu nennen wissen. "Du bist krank im Kopf, die Liebe macht dich zum Sklaven", mahnt Pylades, doch richtet sich die Warnung tatsächlich an Orest? Die Stimme Pylades´ kommt aus Lautsprechern, zu denen sie per Mikroport übertragen wird, und sein Blick muss, um zu Orest zu gelangen, auch die anderen streifen, die genauso gut gemeint sein könnten, weil sie genauso "krank im Kopf" sind: Hermione und Pyrrhus, die wie Orest und Pylades überlange schwarze Gewänder (Kostüme Ilse Vandenbussche) tragen, die sie mit jeder Bewegung dem Abgrund näher bringen, als sie ihm ohnehin schon sind.

Um trotzdem jenen Schritt auf den geliebten anderen zu zu machen, der der entscheidende sein kann und soll, sind sie auf andere Mittel angewiesen. Von Pylades so bewegungs- wie ausdruckslos verfolgt, bücken sich die vergeblich Liebenden, knien nieder und schrecken nicht einmal davor zurück, sich weit über den Abgrund zu beugen, um eine Flasche zu greifen, sie zu zerschlagen und damit zu drohen, dem Widersacher, ersatzweise dem Widerspenstigen, den Hals durchzuschneiden.

Mehr als Rede und Widerrede, die ihren Adressaten ohnehin nicht preisgeben, beschreiben die gedachten Linien zwischen den Schauspielern, die durch solches Auf und Ab entstehen, die Gefühlslage der Figuren. Und in jenen Linien zeichnet die Inszenierung den Spannungsbogen exakt so nach, wie er bei Racine geschrieben steht - nur dass Spannung nicht länger aus der "Befindlichkeit" der einzelnen Figuren resultiert, sondern aus dem Sog der Liebe und deren Komplementärgefühle Eifersucht und Hass, der sie unterschiedslos erfasst und schließlich vernichtet: Um den letzten "Verstand" gebracht, lässt Orest nicht den kleinen Astyanax, sondern Pyrrhus töten. Als Hermione sich daraufhin ins Schwert stürzt, verliert auch Orest den Lebensmut: "Lass mich, ich will in meinem Blut ersaufen ", weist er Pylades´ Aufforderung zurück, den Ort des Schreckens zu verlassen, ehe sich die schwarze Rückwand langsam seitlich bewegt, bis sie wieder zum Vorhang geworden ist.

Blut fließt an diesem Abend ebenso wenig wie Schwerter gezückt werden und Worten Taten folgen: Mit der "Krankheit" spielt sich auch der Schrecken, den sie auslöst, einzig im Kopf ab, den einer nach dem anderen verliert. Mit einer Ausnahme: Andromache. Die saß die ganze Zeit reglos dabei, die Beine über dem Abgrund, die Hände auf dem Rücken, den Blick ins Unbestimmte. "Was denkst du?" hatte sie zu Beginn der Inszenierung Pyrrhus´ Frage zurückgegeben, die Betonung auf dem "du". Was sie denkt, bedurfte keiner Erklärung; um es ihr anzusehen, genügte ein Blick auf ihr Kostüm, das sie aus der Reihe derer, deren Teil sie ist, unübersehbar heraushebt. So schwer sich der genaue Farbton ihres Kleides zwischen Braun und Beige auch bestimmen lässt - schwarz ist es nicht und zudem so lang, dass schon das Aufstehen ein mehr als gewagtes Unterfangen wäre. Weshalb sie es gar nicht erst versucht.

"Zu lang bedroht, zu viel geweint", nennt sie für ihre Teilnahmslosigkeit einen Grund, hinter dem sich aus Leid gewonnene Weisheit verbirgt. "Ich sterbe sowieso", weiß sie übers Leben, die Liebe und das Grauen des Krieges weitaus mehr als jene jugendlichen "Helden", die manche Schlacht geschlagen, vom Leben jedoch wenig begriffen haben. Wenn deren Sterben beginnt, nimmt Andromache die Hände vom Rücken und besieht und betastet jeden Finger einzeln, als könne sie nicht fassen, dass ausgerechnet in ihren Adern noch Blut fließt.

Um dieses Staunen unter den von der Inszenierung vorgegebenen Bedingungen herzustellen, braucht es sicherlich mehr Bühnen- und Lebenserfahrung, als sich vom jungen Ensemble der heutigen Schaubühne erwarten lässt. Insofern gab es gute Gründe, für die Rolle einer Gleichaltrigen eine Schauspielerin als Gast zu verpflichten, die deutlich älter ist als ihre Mitspieler. Das musste nicht Jutta Lampe sein, und das Wiedersehen an alter Wirkungsstätte allein gibt zu keiner Freude Anlass, die irgend mit ihrem Beruf zu tun hätte. Die ist erst angebracht, wenn man mit den Motiven für die "Untätigkeit" der Figur die Leistung der Darstellerin begreift, die selbst in freier, mit äußerster Präzision gesprochener Rede das Versmaß der Vorlage anklingen lässt und so eine "Biographie" nachzeichnet, die vom Mythos der Antike über dessen klassizistische "Aufbereitung" bis in unsere Gegenwart reicht.

Es kann nicht ausbleiben, dass damit Schwächen ihrer Mitspieler, vor allem aber die eines Theaters sichtbar werden, das auf solche Fähigkeiten - es müssen nicht die Jutta Lampes sein - "normalerweise" verzichten zu können glaubt. Und so ist es nicht die geringste Qualität dieser Andromache, dass sie der Mär, die viel beschworene "Krise des Theaters" sei (allein) dessen notorischer Unterfinanzierung geschuldet, ein kaum zu ignorierendes Argument entgegensetzt: sich selbst.


00:00 19.12.2003

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