Zu nah an der Null

Dumping Die Lufthansa will ihr Catering verkaufen. Dessen US-Angestellte arbeiten für Hungerlöhne
Zu nah an der Null
Darf’s ein bisschen weniger sein? Die Menschen hinter der Mahlzeit leben ja selber auch bescheiden

Foto: Bernd Hartung/Agentur Focus

Tausende von Lufthansa-Beschäftigten in den USA arbeiten zu Armutslöhnen und unter Bedingungen, die in Europa unvorstellbar wären. Das geht aus einer Mitte Oktober von der Internationalen Transportarbeiterföderation und der US-Gewerkschaft Unite Here veröffentlichten Studie über die Lufthansa-Catering-Tochter LSG Sky Chefs hervor.

Die Veröffentlichung kommt für die Airline zu einem heiklen Zeitpunkt: Die Lufthansa versucht seit Frühjahr, ihre Tochter zu verkaufen. Bei der sind rund ein Viertel aller Lufthansa-Beschäftigten angestellt, sie erzielt etwa ein Zehntel des Konzernumsatzes. Der Grund für den Verkauf: Die Catering-Sparte ist zwar profitabel, aber nicht profitabel genug. Mit einer Umsatzrendite von vier bis fünf Prozent ist die Marge nur halb so hoch wie in anderen Konzernbereichen. Der jetzt veröffentlichte Bericht macht allerdings deutlich: Wer LSG Sky Chefs kauft, übernimmt auch sozialen Sprengstoff.

In den USA, wo das Unternehmen die Nummer eins am Markt ist, arbeiten rund 11.000 der 35.000 LSG-Beschäftigten. Bei Stundenlöhnen zwischen 8,40 und 12 Dollar kann sich dem Report zufolge die Hälfte der US-Beschäftigten keine Krankenversicherung leisten. Viele hätten Schwierigkeiten, ihre Miete zu zahlen, heißt es. Dabei fällt ein Nord-Süd-Gefälle auf: Während die LSG in New York, New Jersey oder in Kalifornien an gesetzliche Mindestlohnregelungen gebunden ist, die ein Entgeltniveau um die 15 Dollar garantieren, gibt es in Texas und Florida nichts dergleichen. Diese Situation nutzt die Lufthansa-Tochter aus, so der Vorwurf von Unite Here und ITF: Am wichtigen Flughafen Dallas etwa liege der Durchschnittslohn aktuell bei 9,85 Dollar.

„Ich arbeite seit fünf Jahren für LSG Sky Chefs, im Kühlraum“, zitiert der Bericht den Arbeiter Preston Strickland aus der Küche des Flughafens Dallas/Fort Worth, eines der profitabelsten Luftdrehkreuze in den USA. „Sogar mit den Handschuhen, die sie mir geben, frieren meine Finger ein.“ Strickland, der seine Schicht um fünf Uhr morgens beginnt und nur 11,35 Dollar (10,33 Euro) pro Stunde verdient, sagt: „Ich mache so viel Überstunden wie möglich, manchmal sechs Tage die Woche, und für einige Wochen habe ich alle sieben Tage gearbeitet. Aber ich kann mir immer noch keine Krankenversicherung leisten.“ In den letzten vier Jahren verlor Strickland mehrmals seine Wohnung und musste in einem Obdachlosenasyl oder in seinem Auto Zuflucht suchen.

Preston Strickland ist kein Einzelfall. Detailliert schildert der Bericht die Situation der Beschäftigten, darunter einige, die trotz mehr als 20 oder 30 Jahren Betriebszugehörigkeit nur auf Löhne knapp über der offiziellen Armutsgrenze kommen.

Zwar bietet die Lufthansa ihren Mitarbeitern in den USA ein Krankenversicherungsprogramm an. Die Beiträge liegen bei 100 bis 200 Dollar im Monat für eine Einzel- und 475 bis 500 Dollar für eine Familienversicherung. Wer teilnehmen will, muss zudem am Anfang eine Einmalzahlung von 1.500 Dollar vornehmen. Doch bei Bruttomonatslöhnen von weniger als 2.000 Dollar können sich viele Vollzeitbeschäftigte das Angebot schlichtweg nicht leisten.

Wer protestiert, muss blechen

Seit Monaten organisiert Unite Here Protestmärsche – auch weil die restriktive Arbeitsgesetzgebung im US-Verkehrssektor das Streikrecht stark einschränkt. Im Juni hatten die Mitglieder in einer Urabstimmung zu 99,3 Prozent für den Arbeitskampf votiert. „Die Leute haben einfach genug“, sagt Brooks Bitterman von Unite Here. Doch nach dem auch für die Luftfahrt geltenden „Railway Labor Act“ darf die Gewerkschaft erst nach Abschluss eines langwierigen Mediationsverfahrens zu Streiks aufrufen. Dieses Verfahren dauert zurzeit noch an.

Zuletzt machten Lufthansa-Beschäftigte in den USA Schlagzeilen, als im August 58 von ihnen bei einer Kundgebung vor der Zentrale von American Airlines in Fort Worth, Texas, von der Polizei festgenommen wurden. Die Lokalpresse berichtete, die Festgenommenen seien mit einem Bußgeld von 274 Dollar belegt worden – wegen „Behinderung des Straßenverkehrs“.

American Airlines ist in den USA der Hauptkunde von LSG Sky Chefs und als solcher ebenfalls im Visier der Gewerkschaft. Mit der Kampagne wolle man die Lufthansa zwingen, „Verantwortung zu übernehmen“, aber auch Druck auf die Airlines als Auftraggeber ausüben, den Preiskampf nicht weiter auf Kosten der Beschäftigten bei externen Dienstleistern zu führen, sagt Bitterman.

Unterstützung erhalten die protestierenden LSG-Beschäftigten auch vom demokratischen Senator Bernie Sanders aus Vermont: „In den letzten Jahren hat American Airlines Milliardengewinne erzielt“, schrieb Sanders auf Twitter. „Es ist unverschämt, dass sich ihre Mitarbeiter keine gute Gesundheitsversorgung leisten können oder keine solide Lohnerhöhung erhalten.“

Die jetzt vorgelegte Fallstudie zur Lufthansa ist Teil eines umfangreicheren, noch unveröffentlichten Berichts zu den „doppelten Standards“, die europäische transnationale Konzerne bei ihren Tochtergesellschaften in den USA anlegen. Die Untersuchung wurde von der US-amerikanischen Gewerkschaftszentrale AFL-CIO und dem Europäischen Gewerkschaftsbund EGB in Auftrag gegeben. In der Vergangenheit waren auch anderen deutschen Großkonzernen wie Volkswagen oder Telekom immer wieder gravierende Verstöße gegen die Rechte von Beschäftigten in den USA vorgeworfen worden.

Wer wird das Rennen um die LSG machen? Derzeit sind noch zwei Bieter dabei – der Weltmarktführer Gategroup und der österreichische Caterer Do&Co. Wer immer zum Zug kommt, der Verkauf wird auch die 7.000 deutschen LSG-Beschäftigten betreffen: Deren Situation ist zwar weit besser als die ihrer Kolleginnen und Kollegen in den USA. Doch auch ihre tariflichen Standards sind bedroht. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert eine Garantie für Tariftreue und Arbeitsplatzerhalt, die die Lufthansa bislang nicht abgeben will. Stattdessen schlägt der Konzern vor, die Gewerkschaft solle mit dem neuen Eigentümer darüber reden. Allenfalls würde man bis zu 1.000 Beschäftigte, die älter als 55 sind, im Konzern behalten, um sie nach dem Verkauf als Leasingkräfte an den neuen Eigentümer zu verleihen und in ein paar Jahren in Frührente zu schicken. Für die übrigen 6.000 LSG-Beschäftigten in Deutschland hat die Lufthansa bislang dem Vernehmen nach wenig Ideen – abgesehen vom Angebot, ein paar Jahre lang vergünstigt mit der Lufthansa zu fliegen.

06:00 30.10.2019
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