Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie die Patientenbeauftragte

Gesundheitsmodernisierungsgesetz Es hatte eine große Strukturreform werden sollen - geblieben ist ein unübersichtlicher und finanziell aufwändiger Bearbeitungsapparat

Eine wahre Flut von mehr oder minder verständlichen Informationen und Veröffentlichungen von Gesundheitsministerium, Kassen, Verbänden und Medien hat offenbar wenig bewirkt: Versicherte und Patienten sind auch wenige Tage vor Inkrafttreten des Gesundheitsreformgesetzes - GMG - noch weitgehend verunsichert. Die Neuerungen und Veränderungen, die mit dem 1. Januar 2004 über uns hereinbrechen, sind relativ wenig bekannt.

Eine Forsa-Umfrage erbrachte noch Anfang Dezember, dass die Deutschen große Wissenslücken aufweisen: Während Ärzte und Kassen darum streiten, wer die Praxisgebühr wie einzieht, wissen fast 40 Prozent der Betroffenen noch gar nicht, dass sie sie überhaupt zahlen müssen. Auch der erste Apothekenbesuch 2004 dürfte für manch einen eine herbe Überraschung bringen: Es muss mehr zugezahlt werden, zu jeder Packung Pillen und zwar von ausnahmslos jedem. 73 Prozent hatten das laut Umfrage nicht verinnerlicht. Verunsichert sind auch privat Versicherte, obwohl die Private Krankenversicherung (PKV) von den Veränderungen gar nicht betroffen ist.

Ob die Einsparmaßnahmen, und um solche handelt es sich in erster Linie, wirklich die angestrebten Milliardenbeträge in die Kassen der GKV bringen, darf bezweifelt werden. Schon jetzt sagen Kritiker einen hohen finanziellen Aufwand voraus, zum Beispiel durch die Bearbeitung der Praxisgebühr oder auch der unterschiedlichen Bonussysteme der Kassen. Diese seien, so Experten, ohnehin nur Marketinginstrumente, die eigentlich nichts bringen und irgendwann wieder klammheimlich abgeschafft werden.

Die vielbeschworenen und dringend erforderlichen Strukturveränderungen im Gesundheitssystem, die mehr Qualität und Effizienz möglich machen sollten, sind ausgeblieben. In erster Linie deshalb, weil keiner der "Player" im System von seinen Pfründen lassen will. Das trifft auf Ärzte- und Apothekerschaft, Kassen und Pharmaindustrie gleichermaßen zu. Wer genauer hinschaut, stellt fest, dass etliche daraus sogar Vorteile ziehen können.

Die Apotheker beispielsweise, die von einem dreiprozentigen Aufschlag und zusätzlich von einem jetzt einheitlichen Festaufschlag von 8,10 Euro auf den Apothekeneinkaufspreis aller von ihnen ausgegebenen Arzneimittel profitieren. Auch dass nicht rezeptpflichtige Arzneimittel jetzt vom Patienten bezahlt werden müssen und es keine Preisbindung für freiverkäufliche Arzneimittel mehr gibt, könnte sich für sie positiv auswirken.

Im Gesetz wird Wert darauf gelegt, dass zukünftig integrierte Versorgungsstrukturen eine bessere medizinische Betreuung und Qualität schaffen. Aber auch hieran zweifeln Kenner des Systems. Bis jetzt gibt es solche Strukturen nur marginal, und wo Ansätze dafür vorhanden waren, scheiterten sie an der Realisierung. Warum - und das ist Inhalt der gewünschten neuen Strukturen - ambulante und stationäre Versorger nicht wirkungsvoll miteinander arbeiten können, versteht ein Patient sowieso nicht. Am besten ließe es sich damit erklären, dass der Streitpunkt im wesentlichen immer das Geld war - und noch ist. Wohin fließt es, wer bestimmt den Therapieverlauf?

Ob Disease Management Programme (DMP, das sind strukturierte Behandlungsprogramme für Chroniker) von denen erst eines - das zur Therapie von Diabetes - bereits im Anwenderstadium ist und immer noch höchst umstritten, hier Verbesserungen schaffen, wird sich zeigen. Auch die geforderte Einrichtung von ambulanten Behandlungszentren - einem Teil der deutschen Bevölkerung gut bekannt als Polikliniken - wird ganz sicher auf handfeste Widerstände der niedergelassenen Ärzteschaft und ihrer Verbädne treffen.

Zurück zum Patienten: Für ihn soll nach Gesetzeslage künftig ein Patientenbeauftragter sprechen und mitentscheiden. Dieses Amt wird ab 1. Januar 2004 die SPD-Bundestagsabgeordnete Helga Kühn-Mengel antreten. Eine verdienstvolle Politikerin, der man einen netten Posten zugeschoben hat. Von solchen Ämtern haben wir hierzulande schon genug. Fraglich ist überhaupt, ob eine Person die Belange einer nach Millionen zählenden und an höchst unterschiedlichen Krankheiten leidenden Gruppe vertreten kann. Fragt sich auch, wo die Interessen der Versicherten, der Nicht-Patienten, der noch nicht oder niemals kranken Bevölkerung bleiben, die aber mit ihrem Beitrag das Gesundheitssystem allmonatlich finanziert. Sie durch einen "Patientenbeauftragten" vertreten zu lassen, ist zumindest merkwürdig.

So lässt das Gesetz, das ab 1. Januar vordergründig unsere Geldbörsen belastet, vieles offen. Risiken und Nebenwirkungen werden nicht lang auf sich warten lassen.


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00:00 26.12.2003

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