Zu schön, um wahr zu sein

Pessimismus Ob Merkel oder Sommermärchen: Warum die Deutschen immer rummäkeln
Zu schön, um wahr zu sein
Zwei Gründe zu meckern: Franz Beckenbauer und Angela Merkel

Foto: Metodi Popow/Imago

Was tun die da oben? Antwort: Alles, wenn es falsch läuft. Nichts, wenn es gut geht. Zum Beispiel Angela Merkel. Ihr Gesicht nehmen viele in der Welt für ein Deutschland, das mit seiner freundlichen Haltung gegenüber Flüchtlingen in scharfem Kontrast zur alten, gewohnten, hässlichen steht. Sollte die Welt lieber nicht tun, meint man dagegen in Deutschland. In Wahrheit, so kann man lesen, habe das wenig mit der Kanzlerin zu tun, würden ehrenamtliche Männer und Frauen diese Arbeit leisten und den Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes helfen. Das musste einmal klargestellt werden.

Merkel hätte, um das Maß ihrer Güte voll zu machen, ihren Schreibtisch im Kanzleramt verlassen und sich etwa in eine Flüchtlingsunterkunft auf dem Lande begeben müssen. Hätte sie dort Suppe ausgeteilt, wäre ihr die Anerkennung auch der vielen in Deutschland sicher gewesen. Denn wie ließ schon Bert Brecht seinen lesenden Arbeiter fragen: „Wer baute das siebentorige Theben?“ Haben jemals Könige Steinbrocken herbeigeschleppt? Davon berichten die Bücher nichts. Über Angela Merkel wird eines Tages berichtet werden, dass sie genau das auch nicht getan hat.

Es lebe das Volk. Oder auch wiederum nicht. Die Welt hatte schon einmal – vor gar nicht so langer Zeit – ein überraschend günstiges Bild von Deutschland. Das war bei der Fußballweltmeisterschaft 2006. Zuvor war in Medien vor „No-go-Areas“ zum Beispiel in Brandenburg gewarnt worden, wo eine fremdenfeindliche Grundstimmung es für ausländische Besucher gefährlich machen würde, sich frei zu bewegen. Fremdenfeindliche Regungen in der Bevölkerung blieben aber in diesen Wochen gänzlich aus. Auch als feststand, dass die deutsche Nationalmannschaft nur um den dritten Platz spielen konnte. Die Stimmung in den Stadien, auf den Straßen, in den überfüllten Kneipen war prächtig. Die Begeisterung der Gäste über die fröhlichen Deutschen war mindestens so groß und ehrlich wie die über den Verlauf des Turniers. Man sprach allenthalben von dem deutschen Sommermärchen.

Das tut man heute nicht mehr. Heute spricht man von dem „angeblichen deutschen Sommermärchen“. Warum das? Hat sich inzwischen herausgestellt, dass die Fröhlichkeit der Deutschen nur gespielt war? Dass sich hinter den lachenden Gesichtern die üblen Fratzen des alten Deutschland aus Kriegsfilmen verbargen? Wurde die Welt getäuscht? Haben Hunderttausende Deutsche bei diesem Täuschungsmanöver mitgemacht? Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen? Ihre Erinnerungen müssen korrigiert werden.

Sind die Hunderttausende von Deutschen schuld? Nein, das gerade nicht. Schuld ist Franz Beckenbauer, der in den Verdacht geriet, das Weltturnier für einiges Geld gekauft und so nach Deutschland geholt zu haben. Bestechung der zuständigen Fußballfunktionäre oder wenigstens einiger von ihnen. War es so oder doch so ähnlich? War es Beckenbauer allein, der mit dem Geld unterwegs war? Vielleicht nicht ganz allein, aber viele waren wohl nicht beteiligt. Die Hunderttausende, die auf Straßen und Plätzen zusammen mit den ausländischen Gästen ihre Feste feierten, waren es bestimmt nicht.

Aber die zählen jetzt plötzlich nicht. Die waren offenbar am deutschen Sommermärchen so wenig beteiligt wie die Arbeiter am Bau des siebentorigen Theben. Wo es gilt, einen Einzelnen, der bisher in seiner Prominenz beinahe schon verehrt wurde, drastisch niederzumachen, wird das Erleben der Bevölkerung zu einem angeblichen. Wo es gilt, die politische Leistung einer Einzelnen, die weltweit Anerkennung findet, niedriger zu hängen, wird die Bevölkerung wieder herbeizitiert. Ein Schelm, wer Gutes dabei denkt.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 17.01.2016
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