Jürgen Busche
Ausgabe 1617 | 21.04.2017 | 06:00 8

Zu selbstverständlich

Türkei Erdoğan verdankt seinen knappen Sieg den Dörfern Anatoliens und den Großstädten Westeuropas. Warum?

Zu selbstverständlich

Rund 63 Prozent der in Deutschland Wahlberechtigten stimmten beim Referendum mit "Ja"

Foto: Sascha Schuermann/AFP/Getty Images

D er türkische Präsident Erdoğan verdankt seinen knappen Sieg den Dörfern Anatoliens und den Großstädten Westeuropas. In Istanbul, einer Metropole, in die man Berlin drei- oder viermal hineinpacken kann, gab es für sein Referendum keine Mehrheit. Den Teil der Bevölkerung, der für die Zukunft der Türkei am wichtigsten ist, hat er nicht für sich gewonnen – trotz des riesigen Aufwands, den er im Wahlkampf getrieben hat. Das zeigt, wie sehr man dort auf dem Weg nach Europa schon vorangekommen ist.

Umso unbehaglicher wird dem Betrachter bei der Frage, weshalb sich in den Ländern der Europäischen Union, gerade auch in Deutschland, so viele Befürworter des Referendums fanden. Haben wir uns Falsches eingeredet, wenn wir leichthin befanden, die Türken lebten bei uns nicht in einer Parallelgesellschaft? Haben wir uns allzu selbstgefällig, aber schwer irrend der Überzeugung hingegeben, die Eltern der Kinder, die mit unseren Kindern dieselben Schulen besuchen und in denselben Fußballvereinen kicken, seien wie diese bestens integriert? Viele Türken, die längst als Mitbürger akzeptiert sind, empfinden das offensichtlich anders. Viele – aber wohl nicht alle. Doch auch da könnte man sich täuschen. Nicht alle von denen, die in Berlin, Frankfurt oder München das Referendum ablehnen, werden sagen, dass sie von ihren deutschen Nachbarn akzeptiert werden wie französische oder schwedische Nachbarn. Bei der Wohnungssuche, bei der Stellenbewerbung, überall, wo der türkische Name genannt wird, sind Unterschiede in der Akzeptanz erfahrbar und werden als Zurücksetzung erfahren. Es ist in Deutschland viel erreicht worden bei der Integration. Aber das Thema hat sich noch lange nicht erledigt. Und man kommt bei diesem Thema auch nicht besser voran, wenn Streit über türkische Innenpolitik in deutschen Städten hitzig ausgetragen wird. Das Problem bleibt.

Dennoch: Warum entscheiden sich Türken, die seit Jahren und Jahrzehnten in Westeuropa die Vorzüge einer freien Gesellschaft, einer demokratisch gewählten Regierung, einer rechtsstaatlich funktionierenden Verwaltung erleben und genießen, für ein autoritäres Präsidialsystem, dessen Erfinder und erster Profiteur soeben zeigt, wie er seine Macht zu gebrauchen weiß? Die Antwort darauf ist leider älter als das Problem: Wer Freiheit und Demokratie genießt, macht sich keine Gedanken darüber, was sie bedeuten. In den anatolischen Dörfern mag man mit solchen Begriffen noch nichts anfangen können. In westeuropäischen Großstädten sind sie fast allen vertraut – und vielleicht zu selbstverständlich.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.

Kommentare (8)

denkzone8 21.04.2017 | 06:28

wenn herr busche glaubt, en passant,

das problem: wer freiheit und demokratie genießt,macht sich keine gedanken..

das rätsel auslands-türkischen wahl-verhaltens

gelöst zu haben, irrt er.

ein blick auf wikis-->auslands-schweizer belehrt,

daß das votum im ausland lebender kritischer und

progressiver ausfallen kann, als der des herkunfts-landes.

andere erklärungen müssen geprüft werden.

MotzKnochen 21.04.2017 | 15:22

Ein ähnliches Argument, dass ich gehört habe (leider weiß ich nicht mehr zu sagen von wem), ging in etwa so:
> die erste Generation kam in den 60er-70er Jahre aus den Dörfern
> ihre Vorstellung von der Türkei hat sich nicht geändert über all die Jahre, und es war diese Vorstellung von der Türkei die sie an ihre (zweite und dritte) Nachfolgegeneration weitergegeben haben
> diese Vorstellung hat aber nichts mehr mit dem Jetzt-Zustand zu tun (da sich die Türkei selber ja auch weiterentwickelt hat) ...
... so klafft das außeinander

... für mich eine schlüßige Argumentationskette, besonders wenn ich an meine persönlichen Erfahrungen denke, an meine Erziehung unter den Erinnerungen meiner Flüchtlingseltern aus Schlesien (dort war ja bakanntlich auch alles eitel-Sonnenschein)

Gugel 21.04.2017 | 18:19

Sancta Simplicitas..welche Simplizität steckt denn in dem Artikel. Die problematik des Einhausens ist doch offensichtlich bei den Anatolen und bei den Auslandstürken in den Parallelgesellschafter westeuropas. Geht der Autor nicht durch die Großstädte ?

Der Türke hier kam aus Anatolien und hat Anatolien nie überwunden. Einaml, weil er sich nicht zureffend gebauchpinselt fühlte und zum anderen, weil er dem, was hier verlangt wird, nicht annehmen wollte/konnte.

Langsam kriegen wir das auf die Reihe, obwohl uns doch dies schon vor längerer zeit einige nach rehcts verbellte Kenner der Materie kundtaten. Wenn einer schon oberster Verwaltungschef von einem Stadtteil mit anatolischer nordafrikanischer parallelgesllschfat ist, dann ist man kundiger als alle die grünen , gutmeinden Dummschwafler wie der Autor u.ä.

Robert1111 22.04.2017 | 14:43

Das ist schon ziemliche Ahnungslosigkeit über die Situation und die Verhältnisse in der Türkei vor allem beim Referendum, die mir aus diesem Text zu sprechen scheint.

In 2645 Stimmbezirken gab es laut der Opposition sogar mehr Stimmen als registrierte Wähler, in 960 Wahlurnen gab es nur "Ja" Stimmen. 1,5 bis 2,5 Millionen neue Stimmzettel ohne Prüfstempel wurden bei dem Referendum auf einmal einfach aus dem Hut gezaubert, reihenweise mit dem "Ja" abgestempelt, sogar vor der laufenden Kamera!

Auch Personen, die 5 oder 6 Stimmzettel zugleich in die Urne warfen, wurden gefilmt. Syrer mussten sich als Türken ausgeben und dann mit "Ja" stimmen. Uabgenehme Wahlbeobachter wurden von Erdogan-Fans verdroschen. Ohne Hemmungen und vor der laufenden Kamera. Eine Dreistigkeit.

Aber die Prüfung unterliegt nur der Hohen Wahlkommission. Und sie war vor den Wahlen nahezu komplett von Erdogan ausgetauscht worden. Alle Richter waren ausgetauscht, 221 Mitarbeiter wurden entlassen und ausgetauscht. Und daher wurden alle Einsprüche gegen das Referendum von der Wahlkommission schon zurückgewiesen, als die Leute noch in Schlangen vor dem einzigen offenen Schalter für Beschwerden mit ihrem Einspruch warteten!

Das sind die Fakten, die alle dokumentiert sind. Das Narrativ, Erdogan hätte die Wahlen knapp gewonnen, ist falsch. Er hat sie sogar auf eine dreiste Art gefälscht, im sicheren Wissen, dass ihm dadurch weder durch die EU, noch durch Deutschland irgend ein Nachteil erwächst. Nicht der geringste Nachteil!

Schon morgen wird man die Implemetierung der Todesstrafe in der Türkei sehen, im sicheren Wissen, dass dann noch nicht einmal die deutschen Schusswaffenlieferungen in die Türkei in Frage stehen! Man wird sie für die Erschiessungen brauchen.

Balim 27.04.2017 | 15:16

Unter Erdogan hat sich die Türkei sehr stark entwickelt. Der größte Flughafen der Welt wird gebaut, es wird viel in die Wirtschaft investiert.

Es stimmt, dass die Türkei ein - im Gegensatz zu Europa - unterentwickeltes Land war. Das hat sich unter dem "Diktator" geändert. Es gibt nun Krankenhäuser, in welchen auch die einfacheren Leute den europäischen Standards entsprechend behandelt werden und welche sauber und steril sind. Dies war keine Selbstverständlichkeit.

Der Grund, warum viele Türken im europäischen Ausland für Erdogan gestimmt haben, liegt meines Erachtens klar auf der Hand. Schon immer wurde auf die Türkei herabgeschaut. Es war immer das Land, dessen Wirtschaft zu schlecht war um seine Männer zu beschäftigen. Es war das Land, aus welchem die ungeliebten Gastarbeiter kamen, welche nicht mehr zu gehen wussten. Erdogan bewirkt, dass die Türkei nun ernstgenommen wird. Wann hat sich vor Erdogan die europäische Presse für die türkische Innenpolitik interessiert ? Erdogan gibt den Türken hier ein Gefühl der Sicherheit. Es gibt nun jemanden, der sich um sie und um das Land kümmert und gegen das Dritte-Welt-Image ankämpft.

Er ist ein selbstbewusster Präsident, dem die Heuchelei der übrigen Politiker nicht steht und der seine Meinung klar äußert.

Glauben Sie wirklich, dass das Ergebnis so knapp ausfallen würde, wenn so viele Evet-Stimmen gefälscht worden wären ?

Erdogan steht für eine starke Türkei, die sich nicht nur innerhalb seiner eigenen Grenzen bemüht, sondern auch internationalen Fortschritt v.a. in der humanitären Hilfe begründet.

Demokratie heißt, die Mehrheit des Volkes entscheidet. Dass nun einige mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind, ist eine unvermeidbare Folge der demokratischen Wahl. Das ist in Deutschland und in Europa nicht anders.

Nicht zu vergessen, dass die deutsche Bevölkerung eine um einiges kleinere politische Macht besitzt als die türkische in der Türkei.