Zu subtil

linksbündig US-Politik sieht aus wie Retro-Mode

Die Eule der Minerva, so sagt ein Sprichwort, fliegt in der Dämmerung, was heißen soll: Erkenntnis kommt immer zu spät, jedes Ereignis ist schon passé, bevor wir es im Nachhinein begreifen, und das mag auch der Grund sein, warum die Feuilletons mitunter so sprachgewaltig sprachlos wirken angesichts der irdischen Ereignisse.

Derzeit allerdings mag manche Geistes-Eule verwirrt umherblicken und nicht ganz sicher sein, in welcher Dämmerung welchen Tages sie gelandet ist. »Zurück-« war das Präfix, mit dem die US-Politik versehen war, das US-Imperium wurde mit dem alten Rom verglichen, »in sie Steinzeit zurückgebombt« habe G.W. Bush den Irak und uns, wenn schon nicht ins alte Rom, so zumindest in die achtziger Jahre, denn irgendwie »eighties« fühlte sich das an, was als Weltgeschehen des neuen Jahrhunderts auftrat. Das Denken, dachten wir, war doch schon weiter.

Was jetzt geschieht, sieht aus wie eine handfeste Re-Imperialisierung und Re-Ideologisierung der Politik. Unter viel Mühen hatten Antonio Negri und Michael Hardt den Begriff des »Empire« eingeführt, um theoretisch zu fassen, wie in einer globalisierten, post-national eingerichteten Welt Macht funktioniert, den Begriff Imperialismus wiesen sie - mit gutem Grund - als veraltet zurück. Jetzt aber werden sie, so scheint es, von hinten durch Zurückliegendes überholt. Massenweise entstanden in den letzten Jahrzehnten Theorien, die auf ausgetüftelte Weise Diskurs- und Machttechniken analysieren, doch derzeit scheinen all die klugen Theoreme, die sich durch das Präfix »post-« auszeichnen, zu subtil für die grobschlächtige Wirklichkeit.

Das »Subjekt« kehrt wieder, klar in gut und böse einteilbar erscheinen Mächte und Personen als Agenten politischer Handlungen - Saddam, George, Tony - und als Siegesbeweis gelten geschleifte Hussein-Skulpturen. Kann das wahr sein? Al Quaida hatte am 11.9., in den Augen der meisten Betrachter, den Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem raffinierter hergestellt.

Spätestens mit dem Golfkrieg von 1991 galten Kriege als virtualisiert, bis hin zur These, es gebe sie nur medial und aus der Luft, vom Cockpit aus geführt, das auch nichts weiter sei als nur ein Bildschirm. Jetzt jedoch zeigten »richtige« Bilder, unterstützt von neorealistischer Computeranimation, eine Bodenoffensive, die fast archaisch anmuten wollte mit ihren Geschützen und Geschossen und einer ganz handwerklich traditionellen Gefechtsführung. Die Reporter vor Ort berichteten, was sie sahen, was sie hörten, Journalismus stand ganz unter dem Zeichen der reinen, unmittelbaren Körpererfahrung.

Auch Ideologie im old fashioned style kam zum Einsatz. Die Mär von Saddams Chemie- und Biowaffen war so plump, dass sie beleidigen musste. Ein Puppentheater, als spielte man mit der Weltöffentlichkeit wie mit einem Kind Versteck, schlecht kaschiert und eigentlich nicht ernst gemeint. Wir ließen uns drauf ein und Ideologiekritik - einst eine Sache der Avantgarden - kehrte in den Mainstream ein: »Blut für Öl« titelte der Spiegel (1991 hieß es noch »Krieg um Frieden«), und nicht nur die Frankfurter Rundschau hatte jetzt ihr kleines Kästchen mit dem Hinweis auf kriegsbedingte Zensur. Kritik war plötzlich die selbstverständlichste aller Gesten, jeder Fernsehbericht begann mit dem Hinweis, dass man im Krieg nicht wisse, was Lüge und was Wahrheit sei, die Reporter vor Ort sprachen ins Mikro, was das Bild nicht zeigte: »Im Raum verstreut liegen Leichenteile, die wir nicht filmen können.«

Wenn jetzt alle Avantgarde sind, wo bleibt die Avantgarde? Es ist ein eigentümliches Gefühl von Zeitverdrehung, als zeigte der Blick in die Zukunft nur vergangene Denkmuster. Doch so wenig wie der Seventies-Flair der gerade aktuellen Sommermode wirklich seventies ist, so wenig kann die Politik wirklich eighties sein: Sie sieht nur so aus.

»Das Denken ist nie auf der Höhe der Effekte, die neoliberale Politik produziert«, sagte einmal Pierre Bourdieu. Was also war das Neue an diesem Krieg, der so alt aussah? Ist das schon begriffen? Vielleicht ist unbemerkt etwas über unsere Köpfe hinweggezogen. Die Eulen fliegen hinterher. Doch in welcher Richtung liegt die Dämmerung?

00:00 25.04.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare