Zu viel Wut über dem Schmerz

Strassenkinder in Iran Ihre Vergangenheit soll anonym bleiben, ihre Wünsche bleiben Illusion

Goli zwängt sich durch wartende Autoschlangen. Fordernd streckt sie die Hand durch das offenstehende Autofenster. Der Fahrer will ihren Kaugummi nicht. »30 Tuman«, wiederholt Goli. Sie hat kein Glück. Es ist heiß unter ihrem Kopftuch. Goli schleicht sich an. Sie klopft mit der Faust gegen die verdunkelte Scheibe einer Limousine. Der Herr im Innern will im Kühlen bleiben. Er schickt sie weg. Goli gibt nicht auf. Bis zum Abend wird sie die Kaugummis losgeworden sein.

Goli heißt Blümchen. »Scheißfamilie, hat sich nicht um mich gekümmert, ich war es, die ihnen helfen musste«, sagt sie mit einer Stimme, die sich noch nicht abgefunden hat. Zuviel Wut über dem Schmerz. Nein, sie will nicht zurück nach Kaschan. Auch nicht ins Kinderheim, »Polizeiheim«, nennt sie es. Vor der Polizei ist sie auf der Hut. Schon zweimal hat man sie eingefangen und in ein Heim gesteckt. Immer wieder ist sie durchgebrannt. Im Winter sei es besser, meint die knapp Elfjährige mit den bernsteingelben Mandelaugen, dann seien die Menschen spendabler. Schönheit ist von Vorteil, denn die Konkurrenz wächst beständig. »Ich esse gut, trinke gut, und ich war auch schon im Kino.« Goli mit dem Pünktchen neben der Nase liebt die Filme, in denen die Welt noch heil ist. Goli fühlt sich frei. Die Strasse gehört ihr.

Kein Platz zum Spielen

Die Straßenkinder von Teheran leben vom Betteln und von kleineren Diebstählen, oder halten sich, wie Goli, mit dem Verkauf von Süßigkeiten, Streichhölzern oder Blumen über Wasser. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Aus dem Ausland, aus Pakistan oder Afghanistan, stammten sie, lautet die Version, mit der die Behörden die Verantwortung über die Grenzen abschieben, um die mehr und mehr besorgte Bevölkerung zu beschwichtigen. Den Armen und Bettlern Almosen zu geben, verlangen Koran und Tradition. Bei den Straßenkindern sind die Einheimischen zurückhaltend. Sie wissen, dass diese oft nichts von ihrem Verdienten behalten können. Gut organisierte Banden nehmen den Kleinen das Geld über Nacht wieder ab. Ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen ist der Gegenwert.

Ein himmelblaues Schild unterbricht die Ladenzeile im Zentrum der nordiranischen Stadt Ramsar. Im ersten Stock des »Wohnheims zur Unterstützung Jugendlicher« hinter den vergitterten Fenstern ehemaliger Lagerräume hausen die von der Polizei in den Strassen der Hauptstadt Aufgegriffenen.

Die Schule ist aus. Eine Gruppe von Knaben lungert auf den Stufen vor der Apotheke. Die Nachbarn des Kinderheims sehen das nicht gerne. Die Vergangenheit der Kleinen und Größeren ist ihnen suspekt. »Wir wissen ja nicht, ob sie uns nicht den Laden ausräumen«, meint der Obsthändler. Es ist lange her, dass die Mieter sich am Unterhalt der vergessenen Kinder beteiligt haben. Als der ehemalige Besitzer die Liegenschaft den Waisenkindern hinterließ, stellte er eine Bedingung: Die Ladenmiete musste direkt in die Kasse des Heimes fließen.

Im von Backsteinmauern eingefassten Hinterhof, rostet ein Benzintank. Ein dunkler Ölfleck breitet sich auf dem von Schotter und Bauschutt bedeckten Boden aus. Kein Baum, kein Strauch, kein einziges Gras. Von den feuchten Wänden des Hinterhauses bröckelt der Putz. Eigentlich kein Platz zum Spielen, zwischen Straßenstaub und spitzen Steinen.

Goli schwitzt. Sie schreitet aufrecht durch den Abgasnebel und verkauft Kaugummis. »35 Tuman«.

Gute Taten auf Kredit

Den Kindern ein Gefühl von Familie zu geben, ist das oberste Gebot von Hadji Mazlumi. Hinter dem mächtigen Schreibtisch seines Büros mit dem Fähnchen der Islamischen Republik Iran scheint der Heimleiter fast zu verschwinden. Sie nennen ihn Hadji. Mazlumi hat seine religiöse Pflicht wahrgenommen, ist nach Mekka gepilgert und als »Hadji« zurückgekehrt. Einem, der die Hadj unternommen hat, begegnet man mit Respekt. Dabei gibt sich der Leiter bewusst kooperativ mit seiner Crew von acht Mitarbeitern, sechs Frauen und zwei Männern. Die Hälfte von ihnen ist ehrenamtlich tätig. Auch Mazlumi, selbst Vater von vier Kindern, arbeitet für Gottes Lohn. Ganz uneigennützig ist seine Motivation indes nicht. Als gläubiger Moslem rechnet er mit dem Jenseits und hofft, dass sich sein hiesiges Engagement dort bezahlt machen wird. Das gibt der Direktor einer Privatschule auch offen zu und blinzelt durch die schwarzumrandeten dicken Brillengläser. Das Heim untersteht heute der islamischen Wohltätigkeitsbehörde, Edareje behzisti. Da der staatliche Zuschuss für den Wohnkomplex nicht ausreicht, ist der Betrieb auf die Hilfe von Privaten angewiesen. Manch einer kommt persönlich vorbei, um seinen Anteil am Zakat - ein Fünftel des Vermögens, das jeder Moslem für die Bedürftigen abzugeben hat - einzulösen. Mit offiziellen Rundschreiben hilft die Heimleitung nach, zusätzliche Gelder locker zu machen. Dass auf diese Art Druck ausgeübt werde, bestreitet Mazlumi: »Wir haben keine Macht, jemanden zu bedrohen«.

Von hoch oben an der Wand blickt das allgegenwärtige Triumvirat der geistlichen Führung: der verstorbene Ayatollah Chomeini, sein Nachfolger Chamene´i und Chatami, der im Juni dieses Jahres für eine zweite Amtszeit wiedergewählte Staatspräsident. Die Wahlen hätten es gezeigt, heißt es, die Jugend sei auf seiner Seite.

Eigentlich ist der 13jährige Hossein schon ein Jahr zu alt für das Heim. Als Hilfsarbeiter arbeitet er in einem naheliegenden Lebensmittelladen. Später, erklärt Hossein, möchte er wieder die Schule besuchen, jetzt, wo er Arbeit gefunden hat, kann er das nicht. Berufliche Förderung kann man sich nicht leisten. Wenn die Familie zerbricht, müssen die Kinder möglichst schnell für sich selbst aufkommen.

Das Kinderheim von Ramsar beherbergt neun Mädchen und 21 Jungen. Ihre Väter sind entweder im Gefängnis oder drogenabhängig, die Mütter in einer psychiatrischen Klinik oder arbeiten als Prostituierte. Mit etwas weniger deutlichen Worten umreißt Sanam Ghali den Background der Zukurzgekommenen. Noch ist Prostitution ein Tabuthema, über das man nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Die Zunahme der Drogenabhängigen wird auf jährlich 40.000 geschätzt. Sie kann nicht mehr verschwiegen werden.

»Wenn der Mann, der die finanzielle Verantwortung für die Familie in unserer Gesellschaft trägt, als Stütze wegfällt, ist die Frau gezwungen, arbeiten zu gehen. Was kann sie da tun? Sie hat keine Ausbildung, und als Putzfrau reicht das Geld nirgendwo hin.« Sobald in der Familie, die sich auf zwei Personen mit klar umrissenen Funktionen stützt, ein Teil wegfällt, gerät alles aus den Fugen. Ghali ist selbst Mutter und arbeitet zusätzlich jeden dritten Tag im Heim. Im staatlich verwalteten Betrieb hat sie sich der Kleidungsvorschrift anzupassen. Immer noch gilt dort für Frauen die Farbe schwarz oder blau. Die Konturen ihres Körpers verschwinden ganz unter dem bis zum Boden reichenden Mantel. Nur Gesicht und Hände sind unverhüllt.

Die Tür zwischen dem Mädchen- und Jungentrakt ist normalerweise geschlossen. Selbst wenn sie, wie jetzt, offen steht, gilt diesseits und jenseits der Schwelle ein anderes Gesetz. In den Schlafzimmern der Jungen sind die Decken und Kissen über den halb aus dem Bettgestell ragenden Matratzen weggerissen worden. Socken, Hefte und Papierflieger liegen verstreut in sämtlichen Ecken. Bei den Mädchen ist alles auf seinem Platz. Die Kopftücher auf dem Kopf und die Leinentücher auf dem Bett sind ordentlich zurechtgezogen. Wo Spielsachen fehlen, brauchen sie nicht aufgeräumt zu werden.

Ein unverstellbarer Code beherrscht die kleinen Körper bereits in der Jugend und bestimmt das unterschiedliche Verhalten. Während sich die Knaben laut und sichtbar ausbreiten können und den Raum in Beschlag nehmen, scheinen sich die Mädchen mehr und mehr zusammenzuziehen, bis sie mit der Schwangerschaft das Recht erhalten, sich ausdehnen zu dürfen. Danach gehören ihnen die Innenräume.

Goli steckt den 200 Tumanschein in den Sack. »Gib mir das Restgeld«, sagt die Frau am Steuer. »Nein«, sagt Goli und hält ihr hartnäckig noch einen Kaugummi hin. »Nimm!«

Traum und Wirklichkeit

Die Wünsche der Kinder machen sich nicht an ihren Möglichkeiten fest. Madjid, der die Nähe einer jungen Betreuerin sucht, möchte Englisch lernen und Pilot werden. »Hello, what´s your name, thank you«, mechanisch spult er sein ganzes Repertoire ab. »Er ist ein besonders begabter Schüler«, meint Ghali, doch schulische Förderung kann man sich nicht leisten. Mit geröteten Wangen drängt sich ein kurzgeschorenes Mädchen vor. Ingenieur heißt ihr Traum. »Arzt«, ruft ein anderer dazwischen. Der Zehnjährige mit den tiefen Augen hat nur ein Ziel: Karatemeister, schwarzer Gürtel, und er dreht sich auf einem Bein, während das andere blitzartig nach hinten schnellt. Die Fäuste schießen in die Luft. Wie von einem Magneten angezogen, formieren sich die Knaben um ihn zu einer Traube und beginnen ein Imponierritual mit weit ausgreifenden Kraft- und Drohgebärden. Es gibt genügend Filme im Fernsehen, die es ihnen vorgeführt haben. Der Energiepegel steigt.

Nur eine hat ihre Wünsche verschluckt, sie schweigt hartnäckig. Bahar ist Analphabetin, doch sie hat das Kommando. Sie schließt die Türen. Unter ihrem Regiment verirrt sich kein Junge im Mädchentrakt. Wie eine Königin in ihrer Sänfte tragen sie die Mädchen in einem Tuch durchs Zimmer. Ist sie das Scheidungskind, das der Mutter weggenommen und vom wiederverheirateten Vater misshandelt worden ist? Oder ist sie das Mädchen aus dem anderen Heim, das die Grenzen missachtete, sich unter die Jungen mischte und Sex wollte? Wer von ihnen ist der Junge, der ausgerissen war und nach seiner Verhaftung zuerst einmal von den anderen fern gehalten werden musste?

Die Gesichter und Gesten erzählen ihre eigene Geschichte. Die behinderte Dunkelhäutige stammt aus dem Süden. Sie klammert sich an mich, ergreift meine Hand und zerrt mich, das linke Bein nach sich ziehend, ins Schlafzimmer der Großen. »Wasser«, stammelt sie immer wieder, »Wasser« und streckt mir das hohle Händchen entgegen. »Sie versteht nichts«, entschuldigt sich der Heimleiter für das Schicksal des Mädchens. Aber zu betteln hat sie gelernt. Schon schnappen die Finger nach dem 200-Tuman Schein in der Jackentasche.

Erschöpft rennt Goli von einem Auto zum anderen. »Wieviel?« »40 Tuman«.

Integration heißt, nicht aufzufallen

Über die Vergangenheit des jeweiligen Kindes spricht niemand gerne, sie soll anonym bleiben. Dabei dürften sich Misstrauen gegenüber der Ausländerin und Respekt vor der Würde des Kindes die Waage halten. Zudem hat man sich dem Ziel der Integration der Jugendlichen in die Gesellschaft verschrieben. Integration bedeutet hier, nicht aufzufallen. »Höflichkeit und Respekt können nicht durch Druck, Härte und strenge Disziplin vermittelt werden. Wir wollen Vorbilder sein und mit Liebe ganz auf den Charakter des einzelnen Kindes eingehen«, erläutert die Kindergärtnerin ihre Erziehungsgrundsätze und greift sich eine von den Süßigkeiten, die wir für die Kinder mitgebracht haben. Sie türmen sich im Büro des Hadji, wo die Angestellten versammelt sind.

Der Psychologe, Mahmud Ibrahimi, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ihm ist der ganze Betrieb zu unprofessionell. »Wir haben keine Organisation und Struktur. Hier fehlen vor allem Konzept und Kontrolle. Jeder tut, was er will.« Oder sollte es heißen, jede tut, was sie will? Die persische Sprache macht hier keinen Unterschied, obschon sich sonst die männliche Form klar von der weiblichen unterscheidet.

Im Hinterhof des Kinderheims verfängt sich das Mondlicht. Durch die vergitterten Fensterscheiben fallen dunkle Streifen auf die Bettdecken. Die Kinder träumen.

Goli ist auf der Schwelle eines nie fertig gestellten Neubaus eingeschlafen. »Goli, Blümchen«, flüstert die Mädchenstimme »steh auf, komm, hol mich hier raus«.

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00:00 31.08.2001

Ausgabe 41/2021

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