Zu viele Hängepartien am Hindukusch

Afghanistan´s ewige Stunde Null Seit zwei Jahrzehnten heißt "nach dem Krieg" stets "vor dem Krieg"

Amerikanische Politiker, vor allem konservative, kriegen Magenbeschwerden, wenn über nation building gesprochen wird - das Konzept, nach dem Akteure von außen eine zersplitterte Nation vereinigen und auf Vordermann bringen. Nation building funktioniert selten, und die Baumeister riskieren einen endlosen Konflikt. Aber bei Afghanistan bleibt der vielbeschworenen internationalen Gemeinschaft gar nichts anderes übrig, als am nation building teilzunehmen, wenn die Bomben nicht mehr fallen.

Das geografisch und sozial zerklüftete Land mit einer traditionell schwachen Zentralregierung, ausgeblutet nach mehr als 20 Jahren ausländischer Intervention und Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten und mehrjähriger Terrorherrschaft der Taleban, braucht nach dem denkbaren Kollaps des jetzigen Kabuler Regimes wirtschaftliche, humanitäre und demokratisierende Hilfe noch nie dagewesenen Ausmaßes und eine neue Regierung. Denn mehr als ein Viertel der Afghanen ist auf der Flucht, es mangelt selbst an rudimentärer medizinischer Versorgung, und der Winter kommt. Bis zu sieben Millionen Menschen sind gefährdet.

In diesem Land werden seit Jahren historische Rechnungen beglichen und neue gestellt, Rechnungen für ein Stalin ähnliches Vorgehen afghanischer Kommunisten vor 20 Jahren, Rechnungen für eine verfehlte sowjetische Außen- und Militärpolitik, Rechnungen für reflexiven Antikommunismus und rigide Ölinteressen, Rechnungen für die versuchte Instrumentalisierung islamischer Fundamentalisten. Aber jetzt ist zu befürchten, dass die Anti-Terror-Koalition die tragischen geschichtlichen Ursachen in den Hintergrund drängt. So wird der pakistanischen Militärregierung - der Ziehmutter der Taleban - anscheinend das Vetorecht eingeräumt über die neue Regierung in Kabul.

Präsident Daoud liebt amerikanische Zigaretten und sowjetische Zündhölzer

Bis Ende der siebziger Jahre hat es kaum ein Land gegeben, an dem die USA und Europa weniger Interesse hatten als an Afghanistan. Das "neutrale" Afghanistan sei "effektiv von der Sowjetunion abhängig", hieß es 1976 realpolitisch im Jahresbericht des US-Außenministeriums, aber die USA sollten "keine Verantwortung" für Afghanistan übernehmen. Dabei brodelte es in Kabul. 1973 war der König von seinem Cousin Mohammed Daoud gestürzt worden. Daoud stellte weitreichende agrarische und soziale Reformen in Aussicht, bemühte sich um mehr sowjetische Hilfe, sympathisierte aber gleichzeitig mit dem Schah in Iran. Daoud, so 1973 ein CIA-Profil (*), "ist am glücklichsten, wenn er seine amerikanischen Zigaretten mit sowjetischen Zündhölzern anstecken kann". Doch Daouds Gratwanderung konnte nicht gelingen. Muslimische Fundamentalisten, darunter die späteren CIA-Schützlinge Burhanuddin Rabbani und Gulbuddin Hekmatyar, inspiriert von Kontakten zur Muslimischen Bruderschaft in Ägypten, attackierten Daouds "unislamische" Reformen und gingen schon damals nach Pakistan. Dessen Regierung war besorgt über Daouds gelegentliche rhetorische Eskapaden über ein "vereintes Paschtunistan" (das Gebiete in Afghanistan und Pakistan umschließen würde) und wollte ihn verunsichern, um die Hand für den Konflikt mit Indien frei zu haben.

Mit zunehmender Schärfe (und vermutlich mit Hilfe der iranischen Geheimpolizei) verfolgte Daoud seinerseits die Mitte der sechziger Jahre in Kabul gegründete Demokratische Volkspartei (DVA), ein Zusammenschluss vor allem der städtischen Elite und Gebildeten, der auf dem Land kaum Rückhalt fand.

Im April 1978 wird mit Mir Akbar Khaibar ein Parteimitglied und prominenter Kritiker Daouds ermordet. Zehntausende machen die Trauerfeier zu einer Kundgebung gegen die Regierung, Daoud lässt Hunderte Gegner verhaften. DVA-Mitglieder in der Armee entschließen sich zum Putsch und erschießen Daoud. Nur Mohammed Taraki, ein Dichter und langjähriger Parteiaktivist, wird Präsident und verkündet, Afghanistan werde von nun an dem "marxistisch-leninistischen Pfad" folgen.

Allem Anschein nach war man in Washington und in Moskau überrascht von der "April-Revolution". Inzwischen bekannt gewordene sowjetische Regierungsdokumente warnten schon damals vor Problemen in der Volkspartei; Spannungen zwischen den beiden Parteiflügeln (Parcham und Khalq) hätten "negative Auswirkungen", berichtete der sowjetische Botschafter im Mai 1978 aus Kabul.

Afghanistan: 1979 bis 1992


1979, Dezember Einmarsch sowjetischer Truppen. Der frühere Premier Babrak Karmal von der Demokratischen Volkspartei (DVA) wird als Staatschef eingesetzt, dessen Vorgänger Hafizullah Amin standrechtlich erschossen.
1980, Januar Die UNO verurteilt die Invasion und fordert einen "sofortigen und vollständigen Truppenabzug". Sieben afghanische Widerstandsgruppen schließen sich zur Islamischen Allianz zusammen und bilden eigene Militärverbände, Sitz ist Peschawar in Pakistan.
1982, April Erste Großoffensive des afghanischen Widerstandes bei Chost/Provinz Paktia.
1986, Mai Mohammad Nadschibullah löst Karmal als Staatschef ab. Die USA beginnen, der Islamischen Allianz regelmäßig tragbare Flugabwehrraketen vom Typ Stinger zu liefern, die den Sowjets erhebliche Verluste zufügen.
1986, Oktober Der neue KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow lässt erstmals Einheiten aus Afghanistan abziehen.
1987, Dezember Verlustreiche Schlacht um Chost, bei der beiden Seiten fast 80.000 Soldaten einsetzen.
1988, Februar Die Sieben-Parteien-Koalition des afghanischen Widerstandes bildet eine "Übergangsregierung". Gestärkt durch neue Waffen aus den USA werden Teile der Nordprovinz Parwan sowie Gebiete bei Kandahar und Pandschwai im Süden durch islamische Verbände eingenommen.
1988, April Nach UN-Vermittlung Unterzeichnung der "Genfer Verträge" zwischen Afghanistan und Pakistan sowie den USA und der UdSSR über einen stufenweisen Abzug der sowjetischen Armee zwischen dem 15. Mai 1988 und dem 15. Februar 1989. Die Widerstandsallianz boykottiert die Abkommen und setzt ihre Kampfhandlungen fort.
1989, 6. Februar Der letzte sowjetische Soldat verlässt Afghanistan.
1992, April Präsident Nadschibullah tritt zurück, um einer Übergangsregierung Platz zu machen, und stellt sich unter den Schutz der UN-Vertretung in Kabul.

Die dominierende Khalq-Fraktion um Taraki verordnete eine lebensgefährliche Rosskur und ließ Parchamis festnehmen, die schrittweise vorgehen wollten. Rapides Durchsetzen der Landreform, Alphabethisierung auch für Frauen, zwangsweise Senkung des Brautpreises, Entmachtung von Großgrundbesitzern, vor allem aber der traditionellen Ältesten und Mullahs. Das Desaster in Form weitverbreiteten Widerstands ließ nicht lange auf sich warten. Moskau war beunruhigt und ratlos. Er werde der von Taraki angeforderten Entsendung von Kampfeinheiten nicht nachkommen, betonte Leonid Breschnew noch auf einer Politbürositzung im März 1979, denn das "würde nicht nur uns schaden, sondern ganz besonders der afghanischen Regierung". Außenminister Gromyko sekundierte folgenschwer: "Unter keinen Umständen dürfen wir Afghanistan verlieren ..., das würde unsere Außenpolitik stark zurückwerfen".

In Washington ist um diese Zeit Jimmy Carter Präsident, Zbigniew Brzezinski sein Sicherheitsberater. Man sieht Chancen, der Sowjetunion zu schaden und eine aggressivere Sicherheitspolitik in Nahost zu rechtfertigen. In Iran hat die islamische Revolution gesiegt, plötzlich scheinen die Ölquellen bedroht. Bereits im Sommer 1979 - ein halbes Jahr vor dem dann doch stattfindenden Einmarsch der Sowjets - beginnt nach Angaben von Ex-CIA-Direktor Robert Gates der US-Geheimdienst, afghanische Widerstandgruppen zu unterstützen. Carter unterzeichnet im Juli eine entsprechende Sicherheitsdirektive.

Drei Milliarden Dollar für die größte Operation seit Bestehen der CIA

Damit habe die US-Regierung seinerzeit "wissentlich die Wahrscheinlichkeit erhöht", dass die Russen intervenieren, erklärte Brzezinski gerade in einem Interview mit dem Le Nouvel Observateur. Das betrachte er noch heute als "exzellente Idee".

Präsident Taraki war im September 1979 von Hafizullah Amin gestürzt worden, unter dem die Repressalien gegen Angehörige des Parcham-Flügels "untragbare Ausmaße" erreichten, beklagten sowjetische Regierungsberichte. Im Gespräch mit Erich Honecker hatte Breschnew im Oktober 1979 geschimpft: "Wir sind nicht zufrieden mit Amins Vorgehensweise. Er ist sehr machthungrig und hat mehrfach unverhältnismäßige Härte zur Schau gestellt". Juri Andropow, 1982 Breschnews Nachfolger, war Anfang Dezember 1979 von einer "Gruppe afghanischer Kommunisten im Ausland" kontaktiert worden, um Pläne "für eine neue Partei und neue Staatsorgane" auszuarbeiten. Amin habe sich anscheinend auf die Seite der "Konterrevolution" schlagen wollen, begründeten Andropow und Gromyko wenig später die Intervention. Amin wurde während des Einmarsches ermordet, der Parcham-Führer Babrak Karmal neuer Präsident Afghanistans.

Brzezinski deutete das sowjetische Vorgehen sofort als "expansionistisches Projekt", und der im Wahlkampf von rechts bedrohte Carter nahm die Invasion als Anstoß für seine "Doktrin", die besagte: Jeglicher Versuch einer "außenstehenden Macht", in der Region am Persischen Golf Fuß zu fassen, werde "als Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der USA betrachtet". Carters Nachfolger Ronald Reagan verkündete bald eine weitere "Doktrin", nämlich die "Kosten" der Sowjetunion für die Unterstützung linker Regierungen in die Höhe zu treiben. Etwa drei Milliarden Dollar würde die CIA für die zu "Freiheitskämpfern" gekürten islamischen Rebellen in Afghanistan ausgeben - die größte Operation seit Bestehen der CIA. Koordiniert wurde die Verteilung der Gelder vom pakistanischen Geheimdienst ISI, der diese vor allem Hekmatyar und anderen Radikalfundamentalisten zukommen ließ. Der CIA war das recht: Von den religiösen Fundamentalisten erwartete man sich besonderen Kampfgeist; die würden auch Muslime aus anderen Nationen zum Kampf gegen die sowjetischen Besatzer gewinnen können.

Sommer 1983 in Kabul. Rege Geschäfte auf den Märkten. Viele Bettler; Bauern bringen Gemüse auf Eseln und in Karren in die Stadt, modisch gekleidete junge Frauen neben Frauen in den Burquas. Glattrasierte Männer mit Anzug und Krawatte neben Bärten und Turbanen. Afghanische Soldaten mit Maschinengewehren. Kinder verkaufen stückweise Zigaretten. Nachts Ausgangssperre. Aus der Ferne gelegentlich Kriegslärm. Aber die Regierung gibt sich optimistisch: Um Tarakis und Amins "Fehler" wieder gut zumachen, baut man eine "Vaterlandsfront" mit traditionellen Führern und Geistlichen auf. Gleichzeitig bemühen sich die Vereinten Nationen mit dem 1982 ernannten Sondervermittler Diego Cordovez um ein Friedenabkommen. Die US-Regierung macht gute Miene zum Spiel, blockiert Cordovez aber auf Schritt und Tritt. Um Druck auf die Rebellen auszuüben, forcieren sowjetische Einheiten in Afghanistan ihre Angriffe, oft ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Millionen fliehen nach Pakistan.

Ende der achtziger Jahre schließlich entscheidet die Regierung in Moskau, die eigenen Streitkräfte abzuziehen; man hat genug von dem Experiment, den Sozialismus nach Afghanistan zu bringen. Die afghanische Regierung - inzwischen geführt von Mohammad Nadschibullah - überlebte noch bis April 1992.

Auch danach dauern die Kämpfe unter den jetzt gut bewaffneten Rebellenverbänden an. Mitte 1995 gewinnen die von Pakistan logistisch und militärisch unterstützten Taleban die Kontrolle über einen Großteil des kriegsmüden Afghanistan. Die Folgen sind bekannt. Seither köchelt der Bürgerkrieg, von gelegentlichen Eruptionen abgesehen. Nach Berichten von Human Rights Watch haben dabei Einheiten der Nord-Allianz Gräueltaten verübt, die denen der Taleban um nicht viel nachstehen.

Vor mehreren Tagen meldete sich Gulbuddin Hekmatyar zurück (s. auch Seite 6), der 1996 nach der Niederlage seiner Einheiten gegen die Taleban in den Iran geflohen war. Sollten die USA Bodentruppen einsetzen, meinte er gegenüber CNN, werde er gegen diese Einheiten kämpfen. Bin Laden umzulegen, das habe keinen Sinn. Es gebe genug andere Osama bin Ladens.

(*) Die zitierten Geheimdokumente wurden größtenteils vom National Security Archive in Washington veröffentlicht.

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00:00 26.10.2001

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