Zu wenig der Gefühle

Volltönend, national, zwiespältig Kirsten Harms inszeniert Albert Franchettis "Germania" an der Deutschen Oper Berlin

Im Italienischen heißt "Germania" schlicht Deutschland. Wie Germany im Englischen. In Deutschland steht Germania entweder für eine allegorische Figur des Wilhelminismus - eine gepanzerte blonde Heroine mit Schwert und Schild - oder für das umgetaufte Berlin nach dem Endsieg unseres Führers und den Bauplänen Speers ... Was aber soll man von einer Oper mit diesem Titel halten, die soeben in Berlin ihre Premiere hatte? Wer hat je von ihr gehört - und wer von ihrem italienischen Komponisten Albert Franchetti? In den einschlägigen Opernlexika findet man so gut wie nichts über ihn. Neugier war angesagt - zumal die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, sich mit diesem Werk erstmals als Regisseurin in Berlin vorstellte und nach dem Idomeneo-Skandal die nervösen Erwartungen zusätzlich hochgespannt waren.

Man kann der Intendanz nicht vorwerfen, sie hätte ihr Publikum nicht gründlich genug auf das Novum vorbereitet: Eine gelungene Einführungsveranstaltung, ausführliche Informationen in der Hauszeitung, biografische und historiografische Aufsätze in einem neuen Halbjahresmagazin, Interviews mit dem neuen Generalmusikdirektor, und dem Direktor des Deutschen Historischen Museums zum Thema "Nation", eine kleine historische Ausstellung im Foyer, und nicht zuletzt ein vollgepacktes Programmbuch mit ausführlichen Originalbeiträgen zur Musik- und Operngeschichte des italienischen Verismo (Franchetti lebte von 1860 bis 1942) und zur deutschen Geschichte 1806-1813, das heißt den Befreiungskriegen zwischen den Schlachten von Jena und Leipzig, und Kurzbiographien einiger Großer jener Zeit, die in der Oper selbst auftreten oder erwähnt werden: Fichte und Körner, Turnvater Jahn und A.W.Schlegel, Wilhelm von Humboldt und Carl Maria von Weber als Komponist des leitmotivisch verwendeten populären Lützow´schen Jägerliedes, Königin Luise von Preußen und der Buchdrucker Palm aus Nürnberg, der als Verleger freiheitlicher Schriften von Napoleons Besatzungsmacht 1806 hingerichtet wurde - damit setzt die Handlung ein.

Kleine Zwischenbemerkung: Man sollte öfter Kunstausstellungen mit Werken von Meistern der zweiten Garnitur besuchen: Wer immer nur Picasso oder Rembrandt, Matisse oder Goya sieht, der verlernt mit der Zeit den Respekt vor dem Außergewöhnlichen, vor der Größe solcher Kunstwerke, der sich durch den gelegentlichen Vergleich mit dem Soliden, dem handwerklich gut Gemachten wieder herstellt. Eine ähnliche Erfahrung kann man mit dieser Oper machen: Gerade weil sie sich nicht wirklich messen kann mit ihren genialen Zeitgenossen - mit Verdi, Puccini oder mit dem Franchetti befreundeten Mascagni, mit Wagner und Strauß - lohnt es sich, sie zu hören und zu sehen: In der Inszenierung von Harms noch dazu auch mit dramaturgischem Gewinn - von der durchaus sinnvollen, um nicht zu sagen "aktuellen" Beschäftigung mit den Befreiungskriegen und der Frühgeschichte des so verhängnisvollen deutschen Nationalismus ganz zu schweigen. Der italienische Jude Franchetti, der in Deutschland zur Zeit des Wilhelminismus nicht nur Musik sondern auch Geschichte und Kultur studiert und sensibel hinterfragt hatte, spürte das Gefährliche und Ambivalente jenes nationalen Aufbruchs und versuchte es, in Musik und die Handlung einer Großen Oper umzusetzen: Sein Orchester konnte darum nicht groß und volltönend genug sein, die Bläser und das Blech insbesondere beherrschen die musikalische Handlung, kammermusikalische Töne sind da nicht gefragt, sondern das kaum je ins Piano oder gar Pianissimo zurückgenommene große symphonische Pathos beherrscht die akustische Szene - von Renato Palumbo adäquat ausgebreitet und von den ersten Takten ab das Publikum oft buchstäblich überwältigend. Man hört es gerne, kann sich im großen Klang baden, nicht zuletzt, weil diese Musik keine eigenen Höranstrengungen fordert.

Was ihr nämlich nicht so recht gelingt, ist eben die im Libretto angelegte Ambivalenz der ständigen "Germania-Germania" Appelle hörbar zu machen. Tatsächlich gibt sie sich, vor allem in den auch choreographisch kompakt und doch lebendig agierenden Chören (Ulrich Paetzholdt) immer wieder so appellativ-patriotisch wie die anfeuernde Musik des Risorgimento; so gehört hätte Germania das Zeug zu einer deutschen Nationaloper - aber sie wollte etwas mehr. Das Widersprüchliche und Beunruhigende dieses schwarz-rot-goldenen Nationalismus macht jedoch erst die Regie sichtbar: Die Gestalten der Freiheitskämpfer als Dunkelmänner im Untergrund, die Geburt Deutschlands und seiner Germania-Heroine aus dem blutigen Dampf der Leipziger Völkerschlacht, der selbstmörderische Fundamentalismus der Männer mit ihrem Schlachtruf "Sterben für Deutschland - Hurra, Hurra!" - vielleicht bisweilen etwas zu sichtbar, so dass die Szenerie für Momente in den Kitsch umkippt (vom Publikum zurecht mit unterdrücktem Lachen quittiert). Das führt - die Oper wurde 1902 uraufgeführt, tourte mit Caruso über die großen Opernbühen der Welt, nur in Deutschland verfiel sie nach einer kurzen Saison 1908 in Karlsruhe dem Verdikt des Bürgertums, das die kritischen Dimensionen offensichtlich gespürt hatte und sich empörte - nahezu bruchlos in den Ersten Weltkrieg.

Der Musik gelingt aber auch anderes nicht - vor allem, die handelnden Menschen zu charakterisieren und ihnen Leben einzuhauchen. Der geradezu klassische Opernstoff - zwei befreundete Männer lieben vor historisch-politischem Hintergrund dieselbe Frau, Eifersucht, Duell, Tod auf dem Schlachtfeld mit Versöhnung - zündet nicht, lässt keine Empathie aufkommen, rührt und berührt nicht, wie es vergleichbare Stoffe bei Verdi oder Puccini vermögen - eben weil die ihre Menschen mit musikalischem Leben differenziert erfüllen. Bei Franchetti klingt alles irgendwie gleich - obwohl er für den Tenor (Carlo Ventre), für den Bariton des Konkurrenten-Freundes (Bruno Caproni) und den Sopran (überragend Lise Lindstrom) schöne Passagen, wenn auch bewusst keine großen Arien geschrieben hat, aber wohl aus ideologischen Gründen seinen Figuren nicht einmal in Momenten großer Emotion die Duette gestattet. So lässt die auf große Oper angelegte Botschaft letztlich kalt - obwohl die Regie im Umgang mit der Bühne eindrucksvolle Szenen schafft. Ein gelungener Opernabend, der sein Publikum zwar gut, aber trotz aller programmatischer Anstrengungen wohl weitgehend konsequenzenlos bedient, weil er keine Gefühle, dieses nur in der Oper mögliche Medium der Erkenntnis, bedient.


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00:00 20.10.2006

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