Zuckererbsen, Tod und Teufel

Rückkehr Das Historische wird wahrhaft historisch: Eine letzte Momentaufnahme der 68er aus Anlass der Beerdigung von Fritz Teufel

"Welcome to Weller Funeral Home” ist die makabre Empfangsparole eines jüdischen Bestattungsinstituts in New Haven im US-Staat Connecticut. Besonders nachdrücklich galt sie für ein Paket aus Österreich, das 1979 dort ankam, in einer Kammer abgestellt und vergessen wurde. Staub setzte sich auf ihm ab, während es draußen hoch her ging.

Der Sinn des Lebens wurde in Monty Pythons Film belacht, der Reaktor in Tschernobyl kollabierte, Prince veröffentlichte sein Album Purple Rain, der Eiserne Vorhang fiel, die BRD verleibte sich die DDR ein, in Südafrika ging die Apartheid zu Ende, in Ruanda fielen Bevölkerungsteile über einander her, die Jugoslawienkriege wurden entfesselt: das Paket verstaubte.

2001 wurde es schließlich entdeckt und ausgepackt. Es enthielt die Urne mit der Asche eines Mannes, der 1919 Mitglied des Reinickendorfer Soldatenrates gewesen war und später bei Heidegger studiert hatte; den 1969 der damalige kalifornische Gouverneur Ronald Reagan zum Staatsfeind Nr. 2 nach dem Drogen-Guru Timothy Leary ernannt hatte und auf dessen Schreibmaschine Bücher entstanden waren, die den Aufstand der Studenten in den USA und Europa nicht weniger befeuert hatten als die Riffs von Keith Richards oder von Jimi Hendrix. 2003 wurde die Urne nach Berlin geschickt und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. Die Kleidung der Versammelten war leger, die Stimmung eher leicht, und der Sohn des Toten sagte, es komme darauf an, dass der Kampf weitergehe.

Herbert Marcuse also, nicht weit von seinem Grab wurde dieser Tage die Urne mit der Asche von Fritz Teufel in die Erde gesenkt. Aus Marcuses Buch Eros and Civilisation, in den frühen fünfziger Jahren in den USA geschrieben, hätte an Teufels Grab vorgelesen werden können. Der schlagfertige Humorist war zwar nicht theoriebesessen, aber Marcuses Satanade auf das herrschende Realitäts- und Leistungsprinzip beschreibt genau das, was Teufel mit Witz bekämpft hatte und dem er mit seinem Tod endgültig entkam.

Der subversive Schritt vom Bürgersteig auf die Straße bedeutete Mitte der sechziger Jahre für uns Studenten nicht nur eine ziemlich dramatische Wendung in unserem bis dahin zweifelhaften, niederlagenreichen Verhältnis zu unserem kaum je wirklich angenommenen Leib, sondern er führte auch zu einem umfassenden Kehraus in den Köpfen. Katarakte von Kultur, Tabus, Verboten, Ängsten, Ritualen und Regeln stürzten in die Nichtigkeit und erzeugten in den Gehirnen eine als wohltätig empfundene Leere – ähnlich der der Wohnräume, aus denen, um atmen zu können, Tapeten, Bettgestelle samt Nachtschränkchen und Bettvorleger, Teppiche (außer Flokati), Deckenlampen und Häkeldeckchen verbannt wurden.

Tod und Zuckererbsen

Zu diesem als überflüssig erachteten Plunder, von dem, beiseite gesagt, im Laufe der Zeit sowohl in den Zimmern wie in den Köpfen manches Stück diskret zurückkehrte, gehörte auch die Bedeutung des Todes. Er geriet nicht einmal in die Schusslinie der Diskurse und Diskussionen, die ansonsten kaum etwas achtlos liegen ließen. Das Rätsel Tod existierte einfach nicht.

In welchen Figurationen hatte der Tod in den Gedanken und Gefühlen der Prä-68er herumgetanzt? Die christliche Mitteilung, dass der Tod der Sünde Sold sei, befriedigte uns nicht mehr so recht, aber wir lauschten dem Streichquartett Der Tod und das Mädchen von Schubert, wir starben mit dem geschminkten Aschenbach den Tod in Venedig und schmolzen hin mit Rilke:

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

Lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen

Wagt er zu weinen

Mitten in uns.


Und kurz vor dem großen Bruch dachten wir wie Kierkegaard und Heidegger, dass das Leben ein Vorlaufen zum Tode sei, schauderten mit Benn über das Wasserrattennest in der Leiche von Ophelia und von Celan erfuhren wir, dass der Tod ein Meister aus Deutschland ist, was sogar ein geflügeltes Wort wurde. So ungefähr sah es mit dem Tod Anfang der sechziger Jahre bei der intelligenten Mittelstandsjugend aus – insgesamt ein spätexistentialistisches Syndrom.

In welchem Gewässer ging die Bedeutung des Todes unter? Das Private, das das Licht der Öffentlichkeit scheute, stand unter Verdacht – und mit ihm die Rätsel, die der private Tod der Menschheit aufgibt. Im Bedeutungsspektrum des Todes wurde bei diesem Segeltörn in das Land, in dem das Private öffentlich zu sein hat, alles metaphysische Brimborium über Bord geworfen – übrig blieb allein die öffentliche, die politische Bedeutung eines Todes. Die christliche Auseinandersetzung mit dem Tod geriet bei den meisten – Dutschke ist auch hier eine Ausnahme – nicht wieder in den Blick. Zu schmerzlich war den Abkömmlingen von Pfarrhäusern und anderen christlichen Mittelstandsfamilien die Erinnerung an eine himmlische Offerte, deren Anspruch mit Zugeständnissen und Kompromissen der ekelhaftesten Art heruntergedimmt wurde.

Was nach dem Tod wäre oder sein könne – es gab keinen Anlass, darüber nachzudenken. Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten! Und das Himmelreich, das sich auftut durch die Hereinnahme der Zeitfreiheit des Totseins in das Leben, wie es die Mystiker gepredigt hatten, auch diese – vielleicht zeitgemäßere – Variante interessierte nicht, sondern, ja,

Zuckererbsen für jedermann,

sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

den Engeln und den Spatzen.

Heine, Büchner und Brecht waren die poetischen Rat- und Zitatgeber, nicht Angelus Silesius, Hölderlin oder Rilke. Heines Zuckererbsen (Pisum sativum) wurden eingetauscht gegen die getrockneten, harzhaltigen, weiblichen Blütenstände und Blätter der Hanfpflanze (cannabis indica – einschläfernd – oder cannabis sativa – anregend), und das Himmelreich wurde statt mit den Engeln und Spatzen mit dem Vögeln ganz allgemein in Verbindung gebracht und in dieser profanen und ekstatischen Form durchaus geschätzt.

Die Toten der Kriege und Revolutionen in den Subkontinenten brachten das Sterben in verwandelter Form zurück in das Bewusstsein derer, die gegen den westlichen Imperialismus auf die Strasse gingen. Den Anfang machte die legendäre Anti-Tschombé-Demonstration 1964, die größte Ausweitung besorgte der Protest gegen den mit unvorstellbarer Grausamkeit geführten Krieg der USA in Vietnam. Das Blutvergießen wurde seit August 1967 in Deutschland in Farbe übertragen.

Eine Wende in dem politischen Verhältnis zum Tod wurde durch Ernesto Guevara eingeleitet: Hieß noch 1967 die Parole Friede für Vietnam, zielte der Kampf auf ein Ende des Krieges, so forderte der Titel eines kleinen grünen Heftes mit einem Aufruf von Guevara, der von Salvatore und Dutschke übersetzt worden war: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam! Mir ist der Schock unvergesslich, den diese Aufforderung in mir auslöste. Es war die Zeit, in der man Erschrecktheiten dieser Art tunlichst verbarg, jeder trug den Habitué vor sich her. Der Schock lockerte aber auch das Denken, und der Tod erschien nun als eine Möglichkeit, mit der der Revolutionär zu leben hatte.

Rationalisierung des Todes

Die Ermordung des Studenten Ohnesorg durch einen Beamten während einer Demonstration brachte Anfang Juni 1967 erstmals den öffentlich erlittenen Tod im eigenen konkreten Erfahrungsbereich auf die Agenda der Antiautoritären. Das Entsetzen, dass so etwas möglich sei, im Schatten eines Opernhauses, in dem ein Massenmörder gerade Mozarts Zauberflöte lauschte – dieses Grauen zeigte die Kluft, die das Bewusstsein des möglichen Sterbens im Straßenkampf von der Unerträglichkeit seiner Aktualisierung trennte.

Die nächste Erfahrung stifteten die Drogentoten. Gegen Ende des Jahrzehnts geriet Maria Juana in den Schatten ihrer fulminanteren Schwester Lucy in the Skies with Diamonds. Während Haschisch die Sinne schärfte, knipste LSD das Licht des Verstandes aus, um in den Kellergewölben der Wahrnehmung ein bengalisches Feuer zu entfachen, 2.000 Lichtjahre von den Querelen des Tages entfernt. Man brauchte zwei Stunden, um dort hin zu kommen, zwei Tage, um wieder zurückzukehren, und mancher verfehlte retour die Erde und ging in der Kälte des unwirtlichen Weltalls verloren.

Während die durch Feuer und Bomben Getöteten der Dritten Welt für uns kein Gesicht hatten und Ohnesorg für die Meisten ein Unbekannter war, erzeugte die Ermordung von Ernesto Guevara (1967), der Unfalltod von Hans-Jürgen Krahl (1970) und der Erstickungstod von Jimi Hendrix (1970) einen Schmerz, der nicht mehr auf das Politische fokussierbar war. Es war in jedem Fall die betäubende Beraubung eines Stücks der eigenen Identität, und das war mehr, als in die Kiste politischer Verbuchung hineinpasste. Die Chance eines erweiterten Horizonts schien auf, das zusätzliche Licht bereicherte jedoch nicht die Reflexion, schlug sich allenfalls in einigen späteren Erzählungen und Romanen nieder.

Die Toten des militanten Kampfes der siebziger Jahre deckten dieses Lichtloch wieder zu, das waren wieder politische Tode und nichts anderes. Daran änderten auch die vielfältigen Freundschaftsverhältnisse zwischen Toten und Überlebenden und Lebenden nichts – zumindest nicht in den Verlautbarungen. Eine Wende brachte erst die immer konkretere Aussicht auf den herannahenden je eigenen Tod. Was würde an die Stelle der politischen Rationalisierung treten?

Tod und Teufel

Heiterkeit als der heimlicher Vorgenuß des Todes.

(Nietzsche, Die nachgelassenen Fragmente)

Die Trauerfeier für Fritz Teufel Mitte Juli 2010 eröffnete die Möglichkeit, nach einer Antwort auf diese Frage zu suchen. Das Ereignis war zugleich die Chance einer letzten Momentaufnahme der Überlebenden der Revolte der sechziger Jahre.

Was berechtigt dazu, hier von einem letzten Moment zu sprechen? Einige der Straßenkämpfer von einst werden steinalt werden, und Beerdigungen wird es noch einige geben! Schon, aber schwerlich eine, die so viele zusammenbringen wird wie die von Everybody‘s Darling Fritz. Es ist durchaus Teufels Genialität zuzurechnen, dass durch ihn noch einmal die Synthese aller Richtungen zustande kam. Nach Dutschkes Tod ist niemand mehr sichtbar gewesen, dem das sonst noch würde gelingen können.

Nicht nur die Medien scheinen das gespürt zu haben, deren junge Ausgesandte beinahe übereinander stolperten, sondern auch die Weißhaarigen selbst (unter ihnen viel weibliches Rot und Lila). Gefeiert wurde das Glück, noch einmal zusammen zu sein. Keine großen Hallos, sondern stille Umarmungen, die aus einer langen Sehnsucht kamen – nicht Wenige hatten sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

Die alte Maxime Live fast, die young bekam den Zusatz aber so spät wie möglich: in den Mienen und Körpern viel durch Erfahrung geprüfte Unverbrauchtheit, Frische, die zerfurchten Gesichter aufmerksam und offen. Aber auch Varianten: der nach wie vor rasiermesserhafte Blick des fränkischen Hohepriesters Kunzelmann, das Clownsgesicht des Gerichtsscheißers Pawla unter rundem Hütchen. Zeichen von Krankheit und Schmerz waren überall sichtbar, die versammelten Gefängnisjahre mögen die 100 übertroffen haben – woher dann diese Heiterkeit?

Sie begegnete schon in dem Gruß, den die Traueranzeige der Weggenossen Fritz mit auf den Weg gegeben hatte: „Gute Weiterreise!“ So abseitig es auch wäre, daraus eine Wendung der 68er zum Jenseitsglauben zu machen, die Parole zeigt eher spielerisch, dass die Rebellen von einst bei vielen politischen Wandlungen und intellektuellen Häutungen sich einen utopischen Realismus bewahrt haben, der sich mit dem Gegebenen nicht identifiziert. Diese Denk- und Seinsweise stiftet eine Lebenskontinuität durch alle Brüche hindurch und führt in eine Gelassenheit hinein, die schließlich auch dem Tod neugierig und offen zu begegnen weiß, wie schmerzensreich auch immer der individuelle Sterbeprozess schließlich sein mag.

Die letzte Momentaufnahme zeigt den Nukleus der antiautoritären Bewegung ohne Exaltiertheit, ohne Kälte, ohne Greisentum und gekünstelte Jugendlichkeit, ohne Jämmerlichkeit oder Verhärmtheit: Der innerste Kreis der 68er-Zwiebel verabschiedet sich mit Leichtigkeit und Gelöstheit von der Bühne der Geschichte.

Eckhard Siepmann zog 1966 bei den ersten Nachrichten von Studentendemonstrationen von Rom nach Berlin um, wo er bis heute lebt und Boule spielt. Er veröffentlichte mehrere Bücher über die Revolte, etwa Nilpferd des höllischen Urwalds

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12:15 21.07.2010

Ausgabe 41/2021

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