Zündstoff von der Bühne

ESC Unerwartet wurde der Eurovision Vision Song Contest dieses Jahr doch zu einem politischen Ereignis: einem Schauplatz des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine
Zündstoff von der Bühne
Der russische Sänger Sergey Lazarev musste sich – trotz internationalem Fachteam – mit Platz zwei begnügen

Foto: Michael Campanella/AFP/Getty Images

Der Eurovision Song Contest ist unpolitisch. So schreiben es die Statuten des ESC-Veranstalters Eurovision Broadcasting Union vor. Was für jeden entweder naiv oder verlogen klingen muss, der das ESC-Geschehen mit allen Geschichten, die sich um ihn ranken, schon einmal verfolgt hat. Man denke etwa daran, wie Conchita Wursts Sieg vor zwei Jahren Europa gespalten hat: Einerseits wurde die bärtige Dragqueen aus Österreich als Ikone eines liberalen Europas gefeiert, andererseits zur Symbolfigur des Untergangs des Abendlands erklärt.

Der ESC ist immer politisch. Gleichzeitig ist das Insistieren auf seinem unpolitischen Charakter absolut notwendig, damit der Wettbewerb überhaupt stattfinden kann. Kein Land darf mit direkten Anklagen beim ESC auf die Bühne. Stellen wir uns vor, die Griechen würden ihrem Protest gegen die Sparpolitik der EU freien Lauf lassen, Großbritannien würde seine Brexit-Fantasien schon mal einen Monat vor der Abstimmung gesangsmäßig ausleben, oder Westeuropa sein Unverständnis gegenüber der osteuropäischen Haltung in der Flüchtlingsfrage zum Ausdruck bringen und umgekehrt – die Samstagabendunterhaltung wäre ruiniert, der ESC am Ende.

Die EBU muss also auf dem unpolitischen Charakter des ESC bestehen, wohlwissend, dass es sich dabei um einen Trick handelt. Der funktioniert in diesem Fall über die klare Unterscheidung von Text und Kontext. Denn was bei Einreichung der Songs bewertet wird, ist die Frage, wie explizit politisch oder nicht der Songtext selber ist. Letztes Jahr musste Armenien seinen Songtitel ändern. Don’t deny (Leugnet es nicht) erschien der EBU als ein zu deutlicher Verweis auf den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren. Als Face the Shadow durfte der Song dann antreten. Solange die Liedzeilen auch als generelle Liebes- oder Friedensbotschaft verstanden werden können, geht die Sache in Ordnung. Für den Kontext, in dem ein Lied dann sehr wohl politische Bedeutung bekommt, fühlt sich die EBU nicht weiter zuständig.

Der diesjährige Siegertitel des ESC, Jamalas 1944 – die damit für die Ukraine antrat – ist ein interessanter Fall. Während der Songtitel mit der Jahreszahl auf ein historisches Ereignis verweist, ist der Text so allgemein gehalten, dass der genaue Inhalt unklar bleibt. Vor allem, wenn man mit den Details der ukrainischen-sowjetischen Geschichte nicht vertraut ist. Jamala – ausgebildete Opernsängerin und in der Ukraine ein Star – wurde seit Veröffentlichung des Songs im Februar aber nicht müde zu erklären, worum es in diesem Lied gehen soll, so dass bis zum ESC-Finale am vergangenen Wochenende in Stockholm die Botschaft auch bei jedem europäischen TV-Kommentator angekommen war.

Jamala singt von der Deportation der Krim-Tataren durch die sowjetische Armee – und damit von der Geschichte ihrer eigenen Urgroßmutter. Dass dabei nicht nur das historische Ereignis von 1944 angesprochen wird, sondern auch die Annexion der Krim durch Russland vor zwei Jahren, die zu einer erneuten Diskriminierung der Krim-Tataren geführt hat, ist dabei nicht zu überhören. Russland verstand auch sofort und legte prompt Beschwerde bei der EBU ein – die aber abgewiesen wurde. Jamala fuhr mit 1944 zum Contest und gewann auch noch am Samstagabend.

Für die Russen war dieser Sieg um so schmerzhafter, als sie doch alles daran gesetzt hatten mit Sergej Lazarevs You are the only one selber den Wettbewerb zu gewinnen. Schwedische Produzenten und griechische Choreographen und Bühnenbildner, ein Team, das schon mehrere ESC-Siege für sich verbuchen konnte, wurden engagiert, um Russland zum Triumph zu verhelfen. Und tatsächlich wurde Sergej Lazarev bei den Buchmachern als Favorit gehandelt.

Ohne Hemmung inszenierte das schwedische Fernsehen die Abstimmung am Samstagabend dann am Ende als spannendes Duell zwischen Russland und der Ukraine. Dass der Sieg schließlich an die Ukraine ging (Russland landete noch hinter Australien auf Platz drei), ist nicht der mangelnden Publikumsgunst geschuldet. Beim Televoting lag Russland vorne – auch in Deutschland. Aber 50 Prozent des Endergebnisses hängen vom Votum der nationalen Juries ab. Und hier fiel Russland bei der Hälfte durch. 20 von 41 Juries gaben dem russischen Beitrag null Punkte. Hatten die Juries nach ästhetischen Gesichtspunkten entschieden – Lazarevs Pop-Stampfer war zwar im Paket irgendwie effektiv aber nicht unbedingt innovativ – oder tatsächlich politisch? Unmöglich das zu wissen. Dass Jury-Meinung und Televoting deutlich von einander abweichen, ist zumindest keine Seltenheit. Schon letztes Jahr hatten die Juries den Italienern den Sieg vermasselt.

Aber die russische ESC-Delegation zeigte sich als schlechter Verlierer und witterte sofort eine Verschwörung. Prompt forderte sie eine Änderung der Regeln, eine Begrenzung des Gewichts der Jury-Stimmen auf 25 Prozenz – sonst gäbe es Konsequenzen. Schon letzte Woche hatte die ukrainische Delegation ihrerseits bekannt gegeben, dass sie im Fall eines russischen Sieges nicht am ESC 2017 – der dann in Russland stattgefunden hätte – teilgenommen hätte.

Weit davon entfernt unpolitisch zu sein, sieht es also ganz so aus, als wäre der diesjährige ESC nicht nur zum Schauplatz des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine geworden, sondern als hätte er ihm sogar neuen Zündstoff beschert. Doch vielleicht ist auch das Gegenteil der Fall. Während die ESC-Delegationen Wortgefechte ausgetrugen, saßen die Zuschauer vor den TV-Geräten und stimmten darüber ab, welches Lied ihnen am besten gefiel. Könnte es sein, dass sich hier die friedensliebende Botschaft des ESC doch verwirklicht hat? Denn beim Televoting bekam Russland die Höchstpunktzahl aus der Ukraine und umgekehrt war der ukrainische Siegertitel am Wochenende auf Platz zwei der russischen iTunes-Charts geklettert – gleich hinter dem russischen Beitrag.

10:54 18.05.2016

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