Zufluchtsort für Atemlose

Protokoll Ein 24-Stunden-Dienst im Psychiatrischen Krankenhaus

"Irgendwas zwischen eins und fünfzehn", bietet Herr Lang auf meine Frage nach dem heutigen Datum. In einem Psychiatrischen Krankenhaus in Deutschlands Süden sitze ich ihm auf einer Station für Suchtkranke gegenüber und entnehme aus seiner Armvene ein wenig Blut. Er ist 60 Jahre alt und auf dieser Station, weil sein Hausarzt der Ansicht ist, dass er mehr Alkohol und Schlafmittel zu sich nimmt als ihm gut tut. Herr Lang teilt diese Ansicht nicht; aber er ist gutmütig und mag seinen Hausarzt, so dass er seinem Rat, eine Entzugsbehandlung zu machen, irgendwann zugestimmt hat.

8.00 Uhr

Wir haben den 14. Oktober 2005, und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird dies einer meiner letzten Dienste sein, die 24 Stunden dauern. Bereits zum 1. Januar 2004 hat der deutsche Gesetzgeber das Arbeitszeitgesetz an die EU-Arbeitszeitrichtlinie angepasst. Demnach sind Bereitschaftsdienste in vollem Umfang als Arbeitszeit einzustufen. Und nicht mehr 24 Stunden, sondern maximal 13 Stunden am Stück darf gearbeitet werden. Doch die meisten Klinikärzte haben davon bislang wenig gespürt. Denn ein Passus, der im Dezember 2003 in letzter Sekunde vom Vermittlungsausschuss in den Gesetzentwurf eingefügt wurde, räumt den Krankenhausträgern eine zweijährige Übergangszeit ein, um neue Arbeitszeitmodelle zu entwickeln. Diese Frist endet am 31.12. dieses Jahres. Noch gilt es also, die eben angebrochenen 24 Stunden durchzustehen. Die Ambulanz ist tagsüber besetzt, so dass ich mich wie an einem normalen Arbeitstag bis halb fünf der Stationstätigkeit widmen kann.

16.30 Uhr

Kurz nach halb fünf klopft es an die Tür des Ambulanzzimmers. Frau Kraft, von der Kollegin in der nahe gelegenen Universitätsklinik zur Aufnahme angemeldet, steht in Begleitung ihres Mannes vor der Tür. Ich beschreibe ihr den Weg zur Station. Der Pförtner ruft an: Neben ihm steht eine Frau und möchte ihren Sohn abgeben. Sie wisse sich nicht mehr zu helfen, er spreche den ganzen Tag mit sich selbst. Seit Tagen gehe es schon so, heute sei er endlich bereit, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Ich veranlasse die Aufnahme. Dann mache ich mich auf den Weg, um mit Frau Kraft zu sprechen. Sie hat ihre Geschichte schon ein paarmal erzählt: Als ihr Mann heute nach einem heftigen Streit die Trennung angekündigt hat, sei sie "durchgedreht" und habe ihm die Autoreifen aufgeschlitzt. Sie hat Angst, sich selbst oder ihm etwas anzutun, kann nicht mehr für sich garantieren. Auf mich wirkt sie gefasst, das Brodeln unter der Oberfläche ist kaum spürbar. Allein durch die Aufnahme ist sie deutlich entlastet. Als ich sie nach dem Datum frage, wird sie unsicher: "Ich bin doch nicht verrückt."

Der Pförtner teilt mit, dass Frau Los und Herr Toll gerade an seinem Häuschen vorbei gefahren seien. Die Sanitäter bringen sie direkt auf die zuständige Station. Station drei fragt, wo ich bleibe - Herr Kant, der junge Mann von der Pforte, ist mit seiner Mutter inzwischen dort eingetroffen. Ich verspreche, bald zu kommen und sage, dass die Mutter nicht auf mich zu warten brauche. Station elf fragt, was sie machen sollen: Herr Zank ist im Isolierzimmer auf die Idee gekommen, sein Bett als Rammbock zu benutzen und damit die Zimmertür aufzubrechen. Durchs Telefon höre ich das Getöse, es fällt schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Keinesfalls könne man ihn da ´raus lassen, fällt der Pfleger mir ins Wort, er habe heute versucht, das Stationsklavier anzuzünden. Ich empfehle, begütigend auf ihn einzuwirken, ihm wenn möglich eine beruhigende Arznei anzubieten.

19.00 Uhr

Station fünf fragt, was sie machen sollen: Frau Mund möchte sofort mit einem Arzt sprechen und entlassen werden. Aufgrund eines Gerichtsbeschlusses ist sie zur Behandlung untergebracht - eine Entlassung scheidet daher aus. Ich verspreche, so rasch wie möglich zu kommen, und spurte auf Station drei. Herr Kant, der junge Mann, läuft mit halb heruntergelassener Hose erregt im Stationszimmer auf und ab und schaut mich verängstigt an. Er hat LSD und Cannabis zu sich genommen. Ohne Punkt und Komma redet er von der Matrix und dem Abgrund, den er endlich entdeckt habe. Auf die linke Brust hat er sich eine Zielscheibe tätowieren lassen, "damals, von Hans Lackfluss, in Unna. Ich habe dem ein Gutachten geschrieben, damit er als Künstler in eine andere Steuerklasse kommt, wissen Sie. Weil ich diese Zielscheibe über dem Herzen trage, bin ich noch nie getroffen worden. Und auf mich ist schon oft geschossen worden." Er ist schon mehrmals in Behandlung gewesen, die Pfleger kennen ihn. Schließlich nimmt er ein Angst lösendes Medikament und beruhigt sich etwas. Der Pförtner meldet einen Anruf: Die Polizei hat Frau Nott an den Bahngleisen aufgegriffen. Sie hat angekündigt, sich umzubringen, der zuständige Polizeiarzt hält sie für nicht gewahrsamsfähig. Ich mache ein paar Notizen und wende mich dann Frau Los zu. Sie habe ihr Leben nicht mehr im Griff, sei am Arbeitsplatz belästigt worden, und nun habe man ihr auch noch gekündigt. Auch die junge Frau ist froh, erst mal im Krankenhaus zu sein. Auf Station zwei wartet Herr Toll. Passanten haben ihn alkoholisiert, verwirrt und barfuß in der Stadt aufgegriffen und in eine Arztpraxis gebracht. Auch er war schon oft in stationärer Behandlung und gilt in den ersten Tagen als unberechenbar. Im Isolierzimmer hat er sich neben der Matratze auf den Boden gelegt. Er riecht deutlich nach Alkohol, weiß, wo er ist, kann sich aber überhaupt nicht erklären, wie und warum er ins Krankenhaus gekommen ist. Schließlich legt er sich, meiner Empfehlung folgend, auf die Matratze.

21.15 Uhr

In der gerontopsychiatrischen Abteilung (Alterspsychiatrie) hat eine Patientin nach dem Abendessen viermal erbrochen. Bei der Untersuchung kann ich nichts Beunruhigendes feststellen. Inzwischen ist Frau Nott eingetroffen. Mehrmals pro Woche kündigt sie an, sich umzubringen und erzwingt so die Aufnahme im Krankenhaus. Obwohl ich keine akute Gefährdung sehe, nehme ich sie für eine Nacht auf. Als ich mich verabschiede, fragt sie ohne eine Regung: "Wie war noch gleich Ihr Name?"

Die Nachtschwester der Psychotherapiestation teilt mit, dass Herr Lenk nicht aus dem Ausgang zurückgekehrt ist. Wir rekonstruieren den Grund seines Aufenthaltes und stimmen überein, dass er für sich selbst und andere keine Gefahr darstellt - eine Fahndung wäre demnach nicht angemessen. Der Pförtner meldet erneut zwei Anrufe: Eine junge Frau weiß nicht mehr weiter, sie hat Angst zu sterben. Bereits viermal war sie in der vergangenen Woche beim Notarzt. Ich versuche, mit ihr herauszufinden, wie sie mit ihren Ängsten so umgehen kann, dass sie die Nacht übersteht, und biete einen Ambulanztermin am nächsten Tag an. In der zweiten Leitung wartet die Kollegin aus der Uniklinik: Herr Rand ist heute nach einem halben Jahr aus dem Gefängnis entlassen worden und hat sich unverzüglich Bier und Schnaps in großer Menge einverleibt. Die Heilsarmee hat ihn in die Uniklinik gebracht - Herr Rand ist kräftig gebaut, und unter Einfluss alkoholhaltiger Getränke kann er sehr unangenehm werden. Im Krankenhaus angelangt, ist er jedoch friedlich wie ein Lamm; und wie es scheint, beinahe froh, "daheim" zu sein - ist doch im Lauf der Jahre die Klinik so etwas wie eine Heimat für ihn geworden.

Gerade habe ich mich ins Bereitschaftszimmer zurückgezogen, da klingelt erneut das Telefon: Ein Mann klagt über Angst, weiß nicht, was er machen soll. Beim niedergelassenen Psychiater war er schon lange nicht mehr. Ich frage ihn, ob er Freunde oder eine Freundin habe, und er antwortet: Ja, eine Freundin habe er schon, aber die sei jetzt bei sich daheim; und um diese Zeit rufe er sie nicht so gern an, weil sie ja morgen wieder arbeiten müsse. Meiner Empfehlung, morgen seinen Psychiater aufzusuchen, folgt er erleichtert, beinahe gut gelaunt. Es ist Mitternacht. Ich lege mich aufs Bett und stelle den Fernseher an. Harry meint es gut mit dir läuft im Zweiten. Immerhin, denke ich matt. Doch der angebliche Wohltäter entpuppt sich bald als psychotische Zeitbombe. Ich gehe vor die Tür. Im Park ist es still, man hört bloß ein paar Zweige rascheln. Eine Nachtschwester aus der Gerontopsychiatrie bittet mich zu kommen: Eine Patientin ist auf dem Weg zur Toilette gestürzt und hat Schmerzen im rechten Bein. Als ich mich der alten Dame als Dienstarzt vorstelle, sagt sie: "Also Sie sind jetzt mein Dienstarzt, hahaha." Bei der Untersuchung spricht nichts dafür, dass sie sich etwas gebrochen hat. Ihre Schmerzen sind erträglich. Sicherheitshalber veranlasse ich eine Röntgenaufnahme für den nächsten Tag.

1.30 Uhr

Eine Flasche Wasser leere ich in wenigen Schlucken. Die junge Frau, mit der ich vor drei Stunden telefoniert habe, hat ihre Todesängste nicht mehr ausgehalten und muss aufgenommen werden. Als ich ihr gegenüber sitze, wirkt sie weniger verängstigt als ich erwartet habe. Klar und bestimmt äußert sie, wie sie sich ihre weitere Behandlung vorstellt. Gegen drei bin ich entschlossen, mich durch nichts mehr vom Schlafen abhalten zu lassen. Doch ich habe die Rechnung ohne Frau Hart gemacht. Sie ist daheim durchgedreht, wie sie es selbst nennt, und hat ein Messer nach ihrem Freund geworfen. Aus Angst, dass sie jemanden umbringen könnte, hat sie die Polizei gerufen und sich einweisen lassen. Im Aufnahmegespräch bestätigt sie unaufgefordert und mit vor Zorn blitzenden Augen, dass sie jederzeit wieder durchdrehen werde. "Jetzt bloß kein falsches Wort", denke ich, da klingelt erneut das Telefon: Frau Luft wurde von der Polizei barfuß in der Stadt aufgegriffen. Auch sie ist schon oft stationär behandelt worden. Sie ist nicht bereit, mit mir zu sprechen, setzt sich auf einen Stuhl mitten im Stationszimmer und wendet mir den Rücken zu. Auf meine Fragen antwortet sie kurz und schnippisch: In Stockdorf habe sie die Bäume gezählt, das sei doch nicht verboten. Im Dunkeln sei das viel leichter, und im Übrigen müsse sie bis acht damit fertig sein. Mitte 50 und von zierlicher Gestalt, strahlt sie eine Kraft und Energie aus, über die ich seit Stunden nicht mehr verfüge.

5.30 Uhr

Um halb sechs falle ich in einen komaähnlichen Schlaf, aus dem mich kurz vor acht das Klingeln des Weckers reißt. Als ich in der Ambulanz die Daten der aufgenommenen Patienten in den Computer eintippe, klopft es an der Tür. Zwei Patienten, mit denen ich für heute einen Aufnahmetermin vereinbart habe, sind eingetroffen. Die Sekretärin leitet sie an die Stationen weiter.

8.45 Uhr

Nach dem Übergabebericht warte ich am Bahnhof auf den Zug. Ein junger Mensch stellt sich mir als "Obmann der polymorph-perversen Klinik" vor. Er trägt an jedem Handgelenk eine Armbanduhr, die Unterhose über der Überhose und auf dem Glatzkopf einen Hut aus sieben großen, bunten Kämmen. Mit trunkener Geste weist er auf das Bahnhofshaus: "Also, ich finde, dieses Gebäude ist ein Statement." - Oder habe ich mir das vor lauter Übermüdung bloß eingebildet?

Der Autor ist Arzt für Neurologie und Psychiatrie in einem Psychiatrischen Krankenhaus.


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00:00 28.10.2005

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