Zugabe für den Spion

Literatur John le Carré schreibt einen Roman nach seinem allerletzten Roman. Der Brexit hat ihn nicht ruhen lassen
Zugabe für den Spion
Der deutsche Titel des neuen Carrés ist nicht sonderlich glücklich übersetzt

Foto: plainpicture/Ralf Grossek

Zwei Jahre ist es her, dass John le Carré, einstmals Erneuerer und inzwischen Altmeister des Spionageromans, das Erscheinen seines 24. und definitiv „letzten“ Romans angekündigt und mit einer wahren Abschiedssymphonie von Interviews und repräsentativen Lesungen orchestriert hat, von der Royal Albert Hall in London bis hin zur Elbphilharmonie. Der Schlussakkord von Das Vermächtnis der Spione, eine Art Lebensbilanz von le Carrés über Jahrzehnte dauerlaufendem Helden George Smiley, klang schon damals mehr als elegisch: eine bittere Klage über den politischen, vor allem aber moralischen Niedergang Großbritanniens und die Trauer um ein schon längst verlorenes „besseres England“. Da war an manchen Stellen sehr deutlich der politische und kulturkritische O-Ton des Zeitgenossen David Cornwell zu vernehmen, der sich seit fast 50 Jahren hinter dem wohlklingenden Pseudonym verbirgt und der sich jetzt zum leidenschaftlichen „Europäer“ erklärt.

Nun aber, wir schreiben Mitte Oktober 2019 und der sogenannte Brexit steht kurz bevor oder auch nicht, ist eben doch noch ein (nicht allzu umfangreicher) Roman, also le Carrés 25. erschienen. Freuen wir uns darüber? Oder sind wir enttäuscht? Hat der alte Spion uns in die Irre geführt?

Musikalisch gesprochen ist dies Büchlein eine Art von „Coda“ – oder besser noch: eine Zugabe nach der sehr langen und sichtlich erschöpfenden Performance des Künstlers. Und der Ton hat sich nochmals verschärft, ist manchmal fast schrill. Etwa wenn gleich zu Anfang Nat, der Erzähler und traurige Held der Story, über das „zehntklassige Kabinett der Tories“ herzieht, besonders den „schauderhaften Außenminister, dem ich zu dienen habe“ –also Boris Johnson höchstselbst, aber: „Labour ist auch nicht besser“ –, und über den „blanken verfluchten Irrsinn des Brexit“.

Wir liegen also sicher nicht falsch, wenn wir den Impuls für dieses kleine Werk nicht auf der literarischen, sondern auf der tagespolitischen Ebene vermuten. Und natürlich lässt sich die aktuelle Situation als Fortsetzung und trauriger Tiefpunkt des politischen und moralischen Niedergangs verstehen, den der Chronist le Carré seit den frühen sechziger Jahren begleitet hat.

Die guten alten Fronten

Doch nun zur Story, die Nat uns erzählt, ein altgedienter, nun abgehalfterter und in einer nutzlosen Abteilung des Geheimdiensts abgestellter Agentenführer. Seine reichliche Freizeit widmet er dem Badminton-Spiel, ist Vorsitzender und immer noch Champion seines Londoner Klubs. (Der nicht besonders glückliche deutsche Titel Federball bezieht sich darauf; sehr viel prägnanter ist allerdings der Originaltitel Agent Running in the Field, der wie ein Echo an le Carrés Welterfolg von 1963 erinnert, den Spion, der aus der Kälte kam und einsam sterben musste.)

Die Handlung ist zunächst recht simpel: Nat trifft in seiner Abteilung die junge Mitarbeiterin Florence, genannt „Flo“, die mit Eifer und aus tiefer Überzeugung einer Korruptionsaffäre auf der Spur ist, in die britische Prominente und ein russischer Oligarch verstrickt sind. Der „Zugriff“, von Nat und Florence vorbereitet, wird von der Chefetage in letzter Minute gestoppt: Auch da sind persönliche Interessen und politische Beziehungen im Spiel. Florence packt ihren Pappkarton und quittiert verbittert den Dienst.

Im Badminton-Klub wird Nat von einem jungen Mann herausgefordert und beim Bier in Diskussionen verwickelt, in denen Peter aus seiner tiefen Enttäuschung über die britische Politik kein Geheimnis macht. Beruflich hat er etwas mit „Recherchen“ zu tun. Nach einem Badminton-Doppel geschieht, was wir längst erwarten: Florence und Peter werden hopplahopp ein Paar.

Das wäre kein Problem, hätte Peter, Bürokraft im Außenministerium, im Dienstkopierer nicht zufällig etwas höchst Brisantes entdeckt: ein Strategie-Papier über geheime Pläne von MI6 und CIA, also Großbritannien und den USA, zur gezielten Destabilisierung von Resteuropa nach einem Brexit. Als Nat dahinterkommt, ist Peter mit Flos tätiger Mithilfe, schon dabei, dies an den russischen Geheimdienst durchzustechen. Ja, es gibt sie noch, die guten alten Fronten! Die Top-Agentin, die aus Moskau angereist ist, kennt Nat noch aus den alten Zeiten.

Nun muss er Peter überwachen, gleichzeitig aber bereitet er, mithilfe seiner patenten Frau Prue und ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für sich selbst, seinen letzten Coup vor, die Rettung des idealistisch-naiven Pärchens. Durch alle Kontrollen hindurch schaffen es die beiden bis nach Wien und von dort aus in ein verstecktes Refugium in den Alpen. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

Ein wahrer Märchenschluss für eine Geschichte, die ansonsten mit der Routine des Meisters vertraute Motive recycelt, auch viele satirische Züge hat, aber dem Gesamtwerk des Autors sicher nichts Wesentliches hinzufügt. Und die für einen derart aktuellen Text einfach auch zu lang und streckenweise unnötig kompliziert geraten ist. Vermutlich wäre eine Art Novelle oder eine ausgedehnte Short Story das effektivere Format gewesen. Immerhin hat das Buch schon jetzt zu einer öffentlichen Kontroverse geführt, nachdem ein früherer britischer Geheimdienstchef mit dem hübschen Namen Dearlove den Schriftsteller öffentlich des „Vaterlandsverrats“ beschuldigt hat.

Agent Running in the Field ist vor Kurzem in Großbritannien erschienen, die deutsche Fassung kommt diese Woche in die Buchläden.

Aber auch treue Leser und Bewunderer des Meisters müssen wohl zugeben: Die never-ending-Brexit-Show im Westminster-Thater war und ist bis zuletzt deutlich spannender und amüsanter. Und womöglich, so ist zu hören, wandert Mr. David Cornwell am Ende doch noch nach Irland aus.

Info

Federball John le Carré Peter Torberg (Übers.), Ullstein Hardcover 2019, 352 S., 24 €

06:00 29.10.2019
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