Züge nach Goregaon

Viertes Weltsozialforum in Mumbai Stadt der Kontraste und Geburtsort militanter Bewegungen

Etwa 6,5 Millionen Pendlerinnen und Pendler fahren täglich mit den Vorortzügen in das Zentrum der Finanzhauptstadt Indiens und zurück. Für diese Leistung ist das Nahverkehrssystem von Mumbai (früher Bombay) berühmt geworden. Seit drei Wochen nun gibt es noch etwas Anderes zu bestaunen. Zwei bunt und fantasievoll bemalte Züge sind zum Blickfang in den Bahnhöfen und entlang der Bahnstrecken geworden. Sie tragen die Botschaft des Weltsozialforums (WSF): "Another World Is Possible". Gestaltet wurde "die längste Kunstgalerie der Welt" von bekannten Künstlern und vielen Kunststudenten. "Kultur und Kunst sind essentielle Kommunikationsformen für politische und soziale Ideen", heißt es in einer Pressemitteilung des WSF, das vom 16. bis 21. Januar in der indischen 15-Millionen-Metropole stattfinden wird. Wer den unmittelbaren Veranstaltungsort erkunden will, lässt sich in diesen Tagen mit den WSF-Zügen bis nach Goregaon bringen, einem im Nordwesten von Mumbai gelegenen, mittelständisch geprägten Stadtteil. Dass an diesem Ort die Gewalt zwischen den Religions- und Sprachgruppen zum einem der wichtigsten Themen des WSF werden dürfte, hat seinen Grund. Vor elf Jahren, im Januar 1993, war ein angrenzender Slum der Ausgangspunkt für eine Serie von Gewalttaten gegen die moslemische Bevölkerung. Initiiert durch die hindufundamentalistische "Shiv Shena"-Bewegung wurden damals weit mehr als tausend Moslems ermordet und über 200.000 aus der Stadt vertrieben. "Eine Stadt der Kontraste", wie es auf der WSF-Homepage heißt, ist Mumbai in der Tat. Sie ist einerseits der wichtigste Knotenpunkt des nationalen und internationalen Wirtschaftslebens des Landes. Auf der anderen Seite arbeiten etwa 70 Prozent der Berufstätigen im informellen Sektor, und nur die Hälfte der Haushalte verfügt über einen direkten Zugang zu Trinkwasser. Nicht zuletzt aufgrund dieser deutlich sichtbaren, schroffen Gegensätze sind in Mumbai viele militante Bewegungen entstanden. Die Stadt ist auch heute noch das politische Zentrum der "Shiv Shena". Die Spannungen in der Stadt und die Militanz mancher Gruppen werden auch das WSF nicht unberührt lassen. Das Bündnis "Mumbai Resistance-2004" hat zu einer Gegenveranstaltung aufgerufen. Dieser Zusammenschluss von 250 Organisationen, darunter große indische Bauernorganisationen, aber auch die philippinische kommunistische Partei Bayan, sieht sich selbst in der militanten Tradition, die in den Antiglobalisierungs- und Antikriegsdemonstrationen nach Seattle 1999 begründet worden sei. Vorgeworfen wird dem WSF inzwischen, bei "reflexivem Denken und Debattieren" stehen zu bleiben. Es dürfe nicht darum gehen, dem Imperialismus ein menschliches Gesicht zu geben. Für Minar Pimple vom indischen Vorbereitungskomitee sind solche Vorwürfe die bekannte Polemik von Gruppen, die sich im Besitz der "Wahrheit" wähnen. "Das hat eine lange Tradition in Indien. Aber auch in Porto Alegre ist es im Vorfeld zu solchen Diskussionen gekommen. Schließlich haben diese Gruppen dann das Forum genutzt, um ihre Netzwerke zu stärken. Ähnliches ist in Mumbai zu erwarten." Jenseits dieser Auseinandersetzung zwischen militanten Gruppen und "offiziellen" Komitees wird es auf jeden Fall auch anderen Streit geben müssen: über die weitere Strategie und die Zukunft des WSF.

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00:00 16.01.2004

Ausgabe 38/2020

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