Zugreifen, solange der Vorrat reicht

Tipp In Zeiten der Not sparen viele Leute immer wieder zuerst am Geld, selbst wenn es sich, wie beim Euro, lediglich um Notgeld handelt. Während der ...

In Zeiten der Not sparen viele Leute immer wieder zuerst am Geld, selbst wenn es sich, wie beim Euro, lediglich um Notgeld handelt. Während der weitsichtigere, aber wahrscheinlich kleinere Teil der Bevölkerung zur Begeisterung des Handels die jetzigen Sonderangebote freudig aufgreift, sitzen die anderen auf ihren Euros, als ob die irgendwelchen Wert hätten.
Verbraucherforscher, wenn sie sich mehr Mühe geben würden, fänden vielleicht heraus, dass immerhin rund 80 Prozent der Bundesbürger einen, in aktuellen Postwurfsendungen wärmstens angepriesenen, neuen, hochwertigen Salatseiher bräuchten, 64 Prozent eine praktische Polster-Rundecke, 38,4 Prozent einen Katzenkratzbaum "Mohrle" und immerhin noch circa zwölf Prozent eine Keramikente mit Strohhut zum Ausfüllen leerer Stellen in der Schrankwand.
Was aber tut die potentielle Kundschaft, anstatt zu investieren, Arbeitsplätze in der Keramikenten- und Strohhut herstellenden Industrie zu schaffen, beziehungsweise zu erhalten, damit weitere Unternehmensgründungen zu forcieren und ausländische Investoren ins Land zu locken? Sie mästet ihre Sparschweine und wartet auf die nächste Inflation. Ihre Geduld wird bald belohnt werden!
Besser wäre, sich endlich für die großzügigen Angebote der Händler zu öffnen. Da hätten wir zunächst die so genannte Kunden-Karte. Sie verspricht Rabatte bis zu zehn Prozent, was sie, ohne Licht besehen, zum Teil auch hält. Weitere Vorteile für den Kunden: Er braucht nicht mehr zu feilschen oder langwierige Preisvergleiche anzustellen, weil er weiß, dass alles sowieso schon ganz billig ist.
Ein bekanntes Möbelhaus hat unlängst derartige Karten verschickt, per Post und zusammen mit drei sensationellen Gratis-Gutscheinen über erstens: einen Kaffeepott aus Steingut "zum Mitnehmen", zweitens: ein Erfrischungsgetränk oder wahlweise eine Tasse Kaffee und drittens: ein Stück leckeren Quarkkuchen. Dazu gab es gratis farbige Abbildungen von Kaffeepott, Getränken und dem leckeren Stück Quarkkuchen. Da heißt es zugreifen, solange der Vorrat reicht und man nicht alle Kaffeepötte im Schrank hat.
Im sehr persönlichen, in warmherzigen Worten abgefassten Anschreiben versichert der Möbelriese, auf die Tatsache, dass vieles teurer geworden sei, gebe es nur eine Antwort: Preise runter. Auch das stimmt, obwohl natürlich niemand nach höheren Preisen gefragt hat. Nichtsdestotrotz sollten die Händler nicht eher ruhen, als bis der letzte Kunde ausreichend mit Kundenkarten versorgt ist, bis die letzte Kundenkarte den letzten Geldschein aus den Brieftaschen der Käufer verdrängt hat.
Mehr Konsum ist für alle, besonders für alle Händler. Deshalb räumen sie gerade jetzt den Kaufwilligen massenweise Sonderkonditionen ein. Sie schreiben irgendeinen Preis hin, streichen den durch und schreiben irgendeinen anderen Preis darunter. Macht jede Menge Arbeit, wirkt aber (manchmal noch). Kreditfinanzierung ist die Fortsetzung des Preiskrieges um Kunden ohne Mittel. Die Konditionen sind "super", "einmalig" oder betragen unglaubliche 0,2 Prozent effektiven Jahreszins, was immer das auch bedeuten mag.
Über die Rückzahlung braucht sich der Käufer keinerlei Gedanken zu machen, das Geld wird automatisch von seinem Konto abgebucht. Weiterer Vorteil: Die Hausbank nimmt auch Immobilien, Gold, Edelsteine, Wertpapiere (außer vielleicht Staatsanleihen).
Es ist die über Jahrtausende gewachsene Bestimmung des Kunden zu kaufen. Marketing-Experten tun alles und mehr, damit dies nicht in Vergessenheit gerät. Slogans wie "Kaufen und Sparen" sind freilich ungeeignet. Nicht grundlos fragt man sich, wozu es dann noch Banken und Sparkassen gibt. Der Handel sollte neue Wege beschreiten, noch kreativer werden. Schon längst gibt es Sprays, Tabletten, Pülverchen und Wässerchen gegen Haarausfall, trockene Haut, Schweißfüße, Blattläuse und vieles andere. Warum gibt es noch kein Mittel gegen Kaufmüdigkeit?

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00:00 24.05.2002

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