Zuhause

Kehrseite Kehrseite II

Es kommt selten Post. Um so überraschender, dass mir vor einer Stunde ein Telegramm zugestellt wurde, ich war noch im Pyjama, ein Mann in blauer Uniform wartete vor dem Spion, der Absender fehlt. Aufgeregt riss ich das Papier auf. Es trug ein Siegel. Das Telegramm besteht aus drei Sätzen, die mir schmucklos den Tod meines Großvaters mitteilen. Dass ich seine Nachfolge anzutreten habe. Und dass weitere Instruktionen folgen. Verstört sitze ich auf meinem Schreibtischstuhl und starre aus dem Fenster meiner im vierten Stock liegenden Wohnung auf die Straße hinunter, auf der sich nichts weiter tut. Ein paar schlafende Autos, ein bisschen Laub auf den Pflastersteinen. Eine geschmeidig über die Straße streunende Katze. Ein Greis mit einer Drehorgel, der um die Ecke biegt und anfängt, ein Lied zu kurbeln, leider ziemlich leiernd. Eine Weise aus dem vergangenen Jahrhundert. Ein Nachbar wirft mit Münzen. Der Greis duckt sich, die Münzen zischen an ihm vorbei, dann lässt er von der Orgel ab, rutscht auf den Knien und sammelt sie ein. Ich stehe auf, ziehe mich an und mache mir einen Kaffee.

Ich wohne schon seit einigen Jahren hier. Um genau zu sein, seit meiner Rückkehr in die Hauptstadt. Eines Tages hatte ich mich an der staatlichen Universität für Jura eingeschrieben, ohne Aufsehen, die Sekretärin schien weltfremd. Danach irrte ich durch die hohlen Gänge des altehrwürdigen, klassizistischen Gebäudes, in der sich die Fakultät befand, und sah junge Leute um hohe Aschentröge stehen. Später kaufte ich mir ein dickes Buch, in dem die Seminare angegeben waren, und fand in der Mensa einen Zettel, der von diesem Appartement erzählte. Obwohl ich keinen Namen nannte, teilte mir eine Stimme am Telefon mit, dass das Appartement sofort zur Verfügung stünde. Ich solle mir den Schlüssel in dem Bistro, das direkt um die Ecke liege, abholen, die Bedienungen wüssten Bescheid. Sollte mir das Appartement gefallen, solle ich den Schlüssel behalten, irgendwann würde ein Brief mit dem zu unterzeichnenden Mietvertrag und einer zuständigen Adresse kommen. Also holte ich den Schlüssel bei einer jungen Frau ab, die ein kariertes Hemd trug, und schaute mir die Wohnung an. Die Wohnung war kahl und klein, genügte aber meinen Ansprüchen, ich wusste sofort, dass ich sie nehmen würde. Sie hat mich nicht enttäuscht. Das Mobiliar kaufte ich noch am selben Tag in kleinen Geschäften in der Nähe zusammen und ließ es mir von fähigen Männern nach oben transportieren. Nur das Bett ließ auf sich warten, die erste Nacht schlief ich auf dem Boden. Der Brief mit dem Vertrag ist nie gekommen.

Auf der anderen Straßenseite steht eine mattgrüne Limousine. Getönte Scheiben. Der Motor wird abgestellt, erstirbt unmerklich, niemand steigt aus. Stillstand. Der Greis wartet neben seiner Orgel und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ich drehe mich weg, fixiere einen Punkt an der Wand oberhalb des Schreibtischs. Weiß gestrichene Tapeten, keine Bilder. Dann nehme ich das Telefon ins Visier, ein altes, selten klingelndes Modell, das auch jetzt schweigt, für einen profanen Anruf scheint die Angelegenheit zu heikel. Ich überlege, ob ich meine Mutter anrufen soll, um von dem Telegramm zu erzählen. Die Limousine ist kein Kastenwagen, Mutter hebt nicht ab, wahrscheinlich ist sie an den Strand gefahren oder zu einem ihrer Kurse, die sie seit ihrer Scheidung häufiger frequentiert. Die Ansage ihres Anrufbeantworters klingt milde. Eine warme Stimme, die zwei Sprachen spricht, ein Pfeifton, der mich schweigen macht. Was habe ich zu sagen? Von der Botschaft des Telegramms wird sie erfahren haben, alles Weitere lässt sich vor Ort besprechen, ich habe in dieser Sekunde beschlossen, die Stadt zu verlassen und zu ihr zu fahren.

Die Weise des Orgelspielers tönt von der Straße herauf, vielleicht hat sie es noch auf das Band der Mutter geschafft, sofort auflegen ging nicht. Die Limousine steht noch an derselben Stelle, der Greis peilt seine nächste Runde an und eiert an ihr vorbei. Ich quäle mich aus dem Schreibtischstuhl und fische einen rollbaren Koffer unter dem Bett hervor. Packe nur die notwendigsten Dinge ein, Unterwäsche, ein paar Hosen, zwei, drei Hemden, ein Buch. Das Telegramm stecke ich ins Jackett. Im Haus gegenüber öffnet sich ein Fenster, in dem ein Rentnerkopf erscheint, dazu eine herumschwingende Faust, während er in Richtung der Limousine krakeelt, die sich tatsächlich davon beeindrucken lässt. Jedenfalls startet die Zündung, der Rentner schließt mit entschlossener Miene sein Fenster, die Limousine rauscht ab.

René Hamann wurde 1971 in Solingen geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen zwei Gedichtbände und ein Band mit Kurzgeschichten.


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00:00 01.09.2006

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