Zukunft 1

Kehrseite Ich werde Roman heiraten. ...

Ich werde Roman heiraten.

Roman, ich könnte dich ja heiraten, sage ich beim Bier in der Kneipe. Ich werde mir einen Bombenjob suchen und reich werden, und du wirst mein Hausmann.

Mein Vater sagt ja immer bei deiner Begabung könntest du so viel Geld verdienen. Bei meiner Begabung. Ich bin total begabt, also her mit dem Geld. Was ich kann? Ich kann mir Zahlen merken: 6182602616248532900 4970293519706185783967146362432576872363, außerdem Gesichter und Namen.

Roman ist vollkommen begeistert von der Idee zu heiraten, und wir verloben uns an Ort und Stelle. Er ist einverstanden, mein Hausmann zu werden und bestellt sich einen doppelten Wodka. Wir stoßen mit meiner Freundin mit der roten Brille auf die Verlobung an. Prost. Prost. Prost. Auf euch. Auf uns. Ja. Roman bestellt sich einen zweiten doppelten Wodka. Ich könnte ihm den Wodka einfach wegtrinken, aber das ist auch keine Lösung.

Mein lieber Verlobter, frage ich meinen Verlobten, was ist denn eigentlich mit Maja?

Was soll denn mit Maja sein, meine liebe Verlobte?

Läuft da noch was?

Och ja, ab und zu schlafen wir miteinander, sagt mein Verlobter, aber Maja bedeutet mir nichts.

Ich würde aber nicht mit jemandem schlafen, der mir nichts bedeutet, behaupte ich und verlange, dass er diese Verbindung nun löst.

Ich sag´s ihr morgen, sagt er.

Wie, morgen?

Naja, morgen kommt sie noch mal.

Du hast dich gerade verlobt und wirst morgen mit einer anderen Frau schlafen?

Naja, ich hab schon zugesagt, ich bin verabredet.

Aha, und weil du verabredet bist, musst du morgen also noch mal ran?

Um abzusagen, ist es zu spät.

Ich verlobe mich mit dir, und morgen schläfst du mit einer anderen Frau?

Morgen werde ich es ihr sagen, dass ich verlobt bin.

Hinterher?

Was weiß ich, Maja bedeutet mir nichts.

Ich würde nicht mit jemandem schlafen, der mir nichts bedeutet.

Ich beende das mit Maja, morgen, sagt Roman und bestellt eine Lokalrunde Wodka.

Ich gehe jetzt, sage ich.

Warum?

Nur so. Roman leckt mir die ringlosen Finger ab, dann gehe ich wirklich. Dem Taxifahrer erzähle ich von meiner Verlobung. Glückwunsch. Und wo ist der Verlobte? Der betrinkt sich. Ach so. Ich lasse mich vom Taxifahrer schon an der Ecke absetzen um zehn Cent zu sparen, die aber beim Trinkgeld wieder draufgehen. Egal.

Am nächsten Morgen rufe ich meinen Verlobten an: Ich verlange nicht, dass du Schluss machst mit Maja, dafür kann ich die Verantwortung nicht übernehmen. Roman sagt: Ich werde es Maja sagen. Was? Er denkt nicht dran, die Verabredung abzusagen.

Den Tag verbringe ich spielend mit dem Kind, während jede Menge Kaninchen um uns herumspringen. Die Nacht ist anstrengend. Wilde Träume von einer Wohnung voller Stewardessen, aus der aber nur ich raus muss, weil Maja kommt. Ich schaue auf die Uhr. Null Uhr neunundfünfzig. Warum wache ich gerade jetzt auf? Wahrscheinlich hat er soeben abgespritzt. Intuition. Ich mache das Fenster auf, der Vollmond scheint auf mein Bett. Roman liegt jetzt in diesem Moment auf einer anderen Frau statt auf mir. Dann liege ich auf meinem Bett zwei Stunden wach, um danach noch mal von Maja zu träumen oder von umkippenden Häusern, in denen ich mich mit meinem Kind aufhalte, das beinahe von umherfliegenden Fernsehgeräten erschlagen wird.

Die Sache mit der Verlobung war ein Riesenfehler, sage ich zu Roman, als er mich um dreizehn Uhr endlich mit einem Telefonanruf erlöst.

Nein, war es nicht.

Hast du es ihr gesagt?

Nein, ich werde es ihr schreiben.

Du hast also kein Wort gesagt, sondern die Sache einfach durchgezogen.

Machst du mir jetzt Vorwürfe?

Nein, mache ich nicht, deshalb lege ich jetzt sofort auf, sage ich und lege sofort auf. Zum Glück ist das Kind vorhin in seine Fußballkleidung geschlüpft und mit dem Ball unterm Arm Richtung Sportplatz verschwunden. Mama, wie hat eigentlich Oliver Kahn als Kind geheißen, hat es mich gefragt. Oliver Kahn. Also Oliver Kahn hat als Kind auch schon Oliver Kahn geheißen. Darüber denkt es jetzt nach, während es von Tor zu Tor stürmt. Ich sitze zu Hause und denke, dass Roman gleich vor der Tür stehen wird, weil er sonst noch mal angerufen hätte.

Es klingelt. Mein Verlobter steht draußen. Wegen seiner roten Augen könnte man ihm unterstellen, er hätte unterwegs reumütig geweint, aber ich weiß, dass genau so ein Kater aussieht.

Habt ihr euch vorher betrinken müssen?

Maja hatte eine Flasche Whisky dabei.

Na toll.

Es tut mir leid.

Was tut dir leid?

Das war ein Fehler.

Was war ein Fehler?

Du verlobst dich und schläfst tags drauf mit einer anderen Frau.

Du verlobst dich und sagst diese Verabredung mit der anderen Frau nicht ab.

Die Verabredung kommt, und du sagst es ihr nicht.

Die Verabredung geht, und du hast es ihr nicht gesagt.

Das Gesetz der Serie, sagt Roman, um mich aufzuheitern. Das klappt aber nicht. Ständig reibt er sich die roten Augen.

Warum hast du es ihr nicht gesagt?

Weil ich feige bin.

Aha, aus Feigheit ficken.

Ich hab´s nicht gewusst, dass du mich auf einmal liebst. Ich dachte, das mit der Verlobung ist ein Scherz von dir. Wie hätte ich denn wissen können, dass du mich auf einmal liebst, sagt er ununterbrochen, du weißt doch genau, sagt er, dass ich nur dich liebe. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Maja bedeutet mir nichts. Maja bedeutet mir nichts.

Ja, ich weiß.

Dann setzt er sich an den Computer und schreibt die Abschiedsmail, und ich soll mir das durchlesen. Ich setze mich auch noch dazu und schreibe den Brief um, weil er voller Platituden steckt. Ich mag dich. Verzeih mir. Lass uns Freunde bleiben. Und so weiter. Als die Mail weggeschickt ist, legt er sich in die Badewanne. Das reinigt die Seele, sagt er, und als er aus dem Bad kommt, sind die roten Augen und das gedunsene Whiskygesicht verschwunden. Das Kind kriegt was zu essen und wird ins Bett geschickt.

Ich will mit Roman schlafen, aber es geht nicht, obwohl der Mond schon wieder aufs Bett scheint. Ich bin verletzt, sage ich zu Roman, schwer verletzt, da, schau dir den Mond an, der war gestern genauso, und du warst nicht hier, was hast du vor vierundzwanzig Stunden gemacht? Oh, Schatz, sagt er und will mich mundtot küssen, Schluss mit der Diskussion. Aber so kommt er mir nicht davon.

Das mit der Verlobung war ein Riesenfehler.

Nein, war es nicht.

Warum willst du mich heiraten?

Weil ich dich liebe.

Ob er denn wisse, was es bedeute, Hausmann zu sein. Dass das Kind morgens wegzubringen sei, die Wäsche gewaschen sein müsse, die Fenster geputzt, eingekauft, gekocht.

Ja, ich weiß.

Bist du schon mal auf die Idee gekommen morgens aufzustehen, um das Kind wegzubringen?

Nein.

Dann mach dich mal mit dem Gedanken vertraut.

Ja, du wirst dich wundern, ich werde alles machen.

Dann heirate ich dich.

Ja, wir heiraten, und ich werde mit meinem Trauzeugen an der Hochzeit keinen Schnaps trinken.

Glaub ich dir nicht, du wirst trinken, weil du ihm das Trinken nicht abschlagen kannst. Aus Feigheit saufen. Das ist dein Charakter. Die Verlobung war ein Riesenfehler.

Nein, war sie nicht.

Doch, ich habe eine Zusage gemacht, und jetzt kommt alles wieder zu mir zurück. Vor zehn Jahren hätte ich schon heiraten können. Ich will nicht zu Hause warten, bis der Mann endlich heimkommt. Ich will nicht wissen, wann er sich die Fußnägel schneidet und ob er ein Antischuppenshampoo benutzt. Ich will auch keine kuscheligen Fernsehabende verleben, will nicht an seiner Hand ins Lokal geführt werden. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht. Und ich will ihn nicht an meinem starken Arm spazieren führen, wenn er in vierzig Jahren endlich impotent und zahm geworden ist.

Aber heute ist alles anders, sagt Roman.

Jetzt ist schon wieder null Uhr neunundfünfzig. An Schlaf ist nicht zu denken. Er riecht an meiner Haut, er atmet meinen Atem, er küsst mich, er liebt mich.

Ich heirate dich nur, wenn ich viel Geld verdiene und du mein Hausmann wirst.

Und wenn ich viel Geld verdiene?

Mit was könntest du viel Geld verdienen?

Darüber denken wir lange nach. Mir fällt dazu gar nichts ein. Ich bin dafür, dass er Hausmann wird.

Dann stellen wir uns das Haus am See vor. Roman bekommt ein Herrenzimmer, getrennte Schlafzimmer müssen sein. Wenn ich verheiratet bin, trinke ich automatisch weniger, sagt er. Trinke heimlich, sage ich. Und nie wieder werde er mit einer anderen Frau schlafen. Hör auf, sage ich, mach´s heimlich, auf keinen Fall zu Hause. Okay. Okay.

Wir heiraten. Ich mache den Bombenjob, du bist der Hausmann. Und wir beziehen zu dritt eine Villa am Müggelsee. Warum nicht am Wannsee? Meinetwegen auch am Wannsee.

Das Familienleben in der Villa am See nimmt plötzlich Formen an. Der eigene Strand, das Boot, die Sonnenblumen, die Wiese, das Freigehege für die Kaninchen, die Veranda, der Teepavillon, der Frühling, der Sommer, die Pubertät meines Sohnes. Werden wir noch ein Kind zeugen? Auf keinen Fall. Herbstspaziergänge auf nassem Laub. Riesige Schneemänner im Winter.

Partys, Empfänge, gedeckte Tafeln mit von Roman zubereiteten Delikatessen, weil sich am Wochenende die geistige Elite Deutschlands bei uns trifft. Gemeinsam diskutieren wir die Adelskonflikte in der Weimarer Republik oder die Deutsch-Polnischen Beziehungen vom Mittelalter bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs oder die Dekonstruktion der Geschlechterrollen in Militärdiktaturen der Dritten Welt. Eben all die Dinge, über die Jungakademiker ihre Doktorarbeiten schreiben. Irgendwann sind wir eingeschlafen.

Um sechs Uhr schlüpft das Kind zu mir unter die Decke und will, dass ich aufstehe. Natürlich stehe ich auf. Der Verlobte schnarcht weiter. Natürlich.

Marion Pfaus alias Rigoletti ist Autorin und Filmemacherin. Am 22. September erscheint ihr Roman Aus den Memoiren einer Verblühenden bei Voland Quist. www.rigoletti.de


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00:00 15.09.2006

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