Zum alten Eisen

Abgewrackt Jahrhunderte lang lebten fahrende Völker vom Schrottsammeln. Nun ist diese Tradition bedroht: von der Wirtschaftskrise – und dem deutschen Fikus

Markos schwarzer Siebentonner pfeift das Lied der Schrottsammler. Das Signal klingt so ähnlich wie eine Drehorgel. Jetzt die alten Sachen herausstellen, heißt das. Über dem Dortmunder Industriehafen mischt sich der Frühnebel mit schwachem Öldunst, die Straßen sind noch leer. Es ist halb sieben. Auf dem Fahrersitz beißt Marko in ein belegtes Brot und klopft auf sein Autoradio. Heute ist ein guter Tag – trotz Nebel. Marko hat drei Einkaufswagen in der Böschung entdeckt.

Die Wagen sind ineinander verkeilt, an den Seiten komplett verbogen. Vielleicht die Reste einer von Betrunkenen durchgefeierten Nacht. In jedem Fall: Schrott. Der 23-Jährige lenkt seinen Laster an den Straßenrand und zieht die Fundstücke den Abhang hoch. Mit Schwung wirft er sie auf die Ladefläche. Sein Beruf hat ihm breite Arme, eine sonnenverbrannte Haut und einen scharfen Blick eingebracht. Markos Geschäft ist es, das einzusammeln, was keiner mehr will. Den Abfall einer Gesellschaft, die immer Neues braucht.

Bei der nächsten Station sind für Marko vor allem Kontakte wichtig. Ein Elektrogeschäft in Hafennähe mistet aus. Sein Schwager hat ihm das heute Morgen erzählt. Marko wird unruhig. Die Reporterin muss jetzt in die Tiefen der Fahrerkabine abtauchen. „Schrott ist ein Handschlaggeschäft und eigentlich lässt sich dabei keiner über die Schulter schauen“, sagt Marko. Mit vollem Namen will er nicht in der Zeitung stehen. Schließlich ist die Konkurrenz hart, der Stahlmarkt ist in einer schweren Krise und wer weiß, ob das irgendwie Ärger geben könnte, dass er eine Journalistin mitgenommen hat.

Firmenkunden, die ihr Altmetall entsorgen, hat Marko nicht so oft. Er braucht sie aber dringend, um seine Familie über die Runden zu bringen. „Stahlschrott bringt kaum noch was, seit letztem Winter sind die Preise im Keller“, sagt er. „Aber hier springt was Besseres raus.“ Das Elektrogeschäft entsorgt Kabel, die Kupferdrähte enthalten. Und wahrscheinlich auch Aluminium-Abfälle. „V2“, sagt Marko. „Da kriegt man mindestens 500 Euro pro Tonne, nicht wie beim Mischschrott.“

Die zwei Männer vom Elektrohandel warten bereits. Das Geschäft ist schnell gemacht. Marko drückt ihnen zwei Hunderter in die Hand und darf in den Innenhof fahren. Dort gibt es tatsächlich das kostbare V2-Aluminium und dicke Kupferkabel. Marko braucht fast eine Stunde, um alles auf seinen Laster zu wuchten.

Der Hafen ist das Dortmunder Revier der Schrottfahrer. Oder der Zigeuner, wie viele Hafenarbeiter hier sagen. Marko stört das nicht. „Bei Oppa is das anders“, sagt er. „Den haben die Nazis als Zigeuner ins Arbeitslager gesteckt, der will das Wort nicht mehr hören.“ Markos Familie gehört zu den Sinti, wie viele in der Branche.

Ein Glücksmarkt

„Der Schrottmarkt ist eine Glücksökonomie. Er läuft informell und ist daher eine klassische Nische für eine Minderheit“, sagt Bernhard Streck, Ethnologe an der Universität Leipzig. Die Schrottsammler hängen am Pulsschlag der Globalisierung. Krisen wie die aktuelle treffen den Altmetallmarkt besonders hart. Die Automobilindustrie fährt Kurzarbeit, weltweit wird weniger gebaut, also sind die Stahlpreise seit Ende 2008 eingebrochen. Aber auch der Boom vor knapp zwei Jahren, bei dem sogar Bahngleise und Gullideckel geklaut und versilbert wurden, gehört zum Geschäft. Ein Glücksmarkt eben, mal so, mal so.

„Auf der ganzen Welt arbeiten Zigeuner als Schrottsammler“, sagt Streck. Eine Jahrhunderte alte Tradition. Das Prinzip bleibe immer gleich: Die Minderheit lebe in Symbiose mit der Mehrheit, profitiere vom Müll der Mehrheitsgesellschaft – ohne ihre Identität dabei aufzugeben. „Und das ist für alle Zigeunervölker wichtig“. Streck benutzt das Wort Zigeuner, obwohl es die Verbände der anerkannten deutschen Minderheiten Sinti und Roma diskriminierend finden. Sein Argument: Er erforsche nicht nur Sinti und Roma, sondern alle Volksgruppen, die übers Land ziehen oder zogen. „Das Wort ist nur in Deutschland ein Problem“, sagt er. „Die 200.000 Jenischen in Deutschland etwa sind keine Sinti oder Roma. Aber häufig Schrottsammler.“

Streck hat gerade ein Forschungsprojekt zu diesem Thema in Indien abgeschlossen. „Es ist ein mobiler Beruf“, betont der Ethnologe. Das passe zur Lebensweise. „Und die Arbeit ist keiner starken staatlichen Kontrolle unterworfen. Die ist hierzulande nicht erst seit der Nazizeit abschreckend für Zigeuner.“

Fehlender staatlicher Druck – davon kann der Schrottsammler Mario Müller zurzeit nicht gerade sprechen. Müller, 37, kommt aus einer Schrottsammler-Familie im niedersächsischen Celle. Mit 16 verließ er die Schule und begann, seinen Vater bei der Fahrt über Land zu begleiten. Eine Lebensform, die bald der Vergangenheit angehören könnte.

Nicht nur die Krise hat in Celle zugeschlagen, sondern auch das Finanzamt. Müller steht auf einem Schrottplatz in Celle und rechnet vor. Für eine Tonne Auto- oder Fahrradreste bekommt er zwischen 40 und 100 Euro. Anfang 2008, als China noch wie verrückt deutschen Stahl kaufte, waren es noch mindestens 200. Auch die Abwrackprämie und die inflationäre Verschrottung hat den Sammlern geschadet. Als Stahlschrott ist ein altes Auto derzeit höchstens 40 Euro wert.

Für V2 oder Kupfer kriegt er zwar mehr. „Davon sehe ich aber fast nichts“, sagt er. Denn er zahlt für den Schrott. „Umsonst gibt es seit dem Boom fast nichts mehr. Jeder weiß mittlerweile, wie viel Metall wert ist.“ Wenn er 500 Euro kriegt, hat er für das Material zuvor 250 Euro ausgegeben. Dazu kommen täglich 80 Euro für Benzin, denn er fährt weite Strecken, klappert die Dörfer zwischen Celle, Hamburg und Lübeck ab.

Bislang hat er seine Ausgaben in ein Straßensteuerheft eingetragen und sie vom Finanzamt erstattet bekommen. Bei seiner nächsten Steuererklärung wird das anders sein. Das Finanzamt Celle will Belege sehen – sonst werden die Betriebsausgaben geschätzt. Und laut Schätzung soll Müller nur 20 Prozent der Einnahmen für Einkäufe ausgegeben haben. Der Metallsammler soll dem Fiskus nun für die letzten sechs Jahre 100.000 Euro zurückzahlen.

Belege für seine Ausgaben kann Müller nicht fordern. „Das Geschäft läuft nicht so“, sagt er. „Meine Kunden stecken das Geld in ihre Kaffeekasse. Fordere ich eine Rechnung, verkaufen sie ihren Schrott eben an andere, die keinen Beleg wollen.“ Und von denen gibt es trotz Krise noch genug: „Die kommen aus Holland oder Polen und versteuern überhaupt nichts.“

Deshalb haben die Celler Schrotthändler im Juni vor dem Finanzamt demonstriert. Angemeldet hatte die Demonstration der Niedersächsische Landesverband der Sinti und Roma. Denn von den Berufsorganisationen fühlt sich niemand zuständig: Für die Metallverbände ist das kleinste Glied in der Kette des Metallrecyclings praktisch unsichtbar.

Demo für eine Lebensweise

„Hier wird eine traditionelle Lebensweise zerstört“, sagt Douglas Laubinger, der die 400 Schrottsammler in Celle auf die Straße gebracht hat. Er selbst ist Sinto. Es geht ihm vor allem um eins: „Wir wollen unser Gewerbe so ausüben, wie wir es schon von unseren Vorfahren gelernt haben.“ Das Finanzamt will dagegen Firmen auf die Schliche kommen, die ohne Rechnung Altmetall verkaufen. „Vielen Sammlern bleibt dann aber nur Hartz IV“, sagt Laubinger. Ein fahrender Händler hat bereits vor Gericht gegen die neue Steuerpraxis geklagt – und verloren. Die Sammler fürchten nun, dass das Vorgehen des Celler Finanzamts landesweit Schule machen könnte.

Der bisher sehr laxe Ausgabennachweis für Schrotthändler wurde nach 1945 eingeführt, weil viele Sinti und Roma damals nicht schreiben konnten. Sie wären mit einer richtigen Steuererklärung überfordert gewesen. Etwa 60.000 fahrende Schrotthändler gibt es heute in Deutschland, schätzt Timo Adam Wagner vom Jenischen Bund. Und auch er betont: „Die Branche ist Teil unser Kultur.“ Er hat inzwischen einen Schrottplatz und fährt nicht mehr selbst. „Wegen der Kinder“, sagt er.

In der informellen Branche nutzt die jenische Sprache oder das Romanes der Sinti und jenes der Roma, sagt Wagner. „Es beruht alles auf Absprache und Tipps, da ist es nützlich, wenn Außenstehende die Sprache nicht verstehen.“ Diese Sprachen sollen nicht nach außen weitergegeben werden. „Bestraft wird heute niemand mehr, der das tut“, sagt Wagner. „Es ist aber trotzdem eine Regel.“

Es wird Nachmittag. Auf dem Schrottplatz in Celle trudeln immer mehr Sammler ein. Sie entladen alte Heizkörper, Fahrräder, Heckklappen von Autos, Küchenherde. Früher, sagt der Schrottplatzbetreiber Gérard Struck, sei ab nachmittags kein Stück Asphalt mehr auf dem Platz zu sehen gewesen. Aber so richtig vom Boom profitiert hätten sie nicht, sagen die Sammler. Mit der Nachfrage sei die Konkurrenz gewachsen. Jeder Privatmann hätte sich auf dem Glücksmarkt versucht, sein altes Fahrrad selbst zum Schrottplatz gebracht.

Das Fahrrad behält er

Reich ist auch Marko nicht geworden. „Ich kenne aber Leute, die haben richtig abgesahnt mit geklauten Sachen.“ Zur Polizei wäre er damit aber niemals gegangen. „Wenn man jemanden anschwärzt, ist es vorbei mit dem Geschäftemachen.“ Er fährt seinen Laster auf die Waage eines Dortmunder Schrottplatzes. Sie zeigt 950 Kilogramm Ladung. Fast 800 davon sind Aluminium. Marko entlädt. Der grauhaarige Schrotthändler gibt ihm 600 Euro in bar. Ein guter Tag. Heute hat Marko so viel verdient, dass er es sich leisten kann, das alte Kinderfahrrad doch wieder einzupacken. „Für meinen Sohn.“Abgewrackt Seit Jahrhunderten leben fahrende Völker vom Schrottsammeln. Nun ist diese Tradition bedroht: von der Wirtschaftskrise – und dem deutschen FiskusZum alten Eisen

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12:30 07.10.2009

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