Zum Twix ein Dath

Untergrund SuKuLTuR – Ist das nicht dieser Verlag, der gelbe Heftchen im Automaten verkauft? Ja, und er hat die 100 voll. Zeit also für ein Porträt

Mit diesem Verlag ist manches anders als erwartet. Die signalgelben Heftchen sehen zwar nach Reclams Universalbibliothek aus, enthalten aber nicht etwa Klassiker der abendländischen Literatur- und Geistesgeschichte, sondern so ungefähr den Rest: In erster Linie Pop- und Sci-Fi-Prosa, aber auch autobiografische Erzählungen, Gonzo-Journalismus, Lautpoesie und hermetische Lyrik. Das Ganze in S-Bahn-tauglichen Häppchen, was kein Zufall ist, denn die Schöner Lesen-Hefte des SuKuLTuR-Verlags werden dort gelesen, wo sie gekauft werden: An Berliner S- und U-Bahnhöfen, für einen Euro das Stück, und zwar am Automaten. Reiselektüre für den täglichen Berufsverkehr, zwischen gerösteten Erdnüssen und zuckerfreiem Kaugummi. Und das nun seit sieben Jahren.

Was anfangs bestenfalls als Kunstaktion verstanden wurde, ist heute ein einflussreiches Phänomen im Unterholz des Berliner Literaturdschungels. Seit Dezember 2003 drehten sich die Literatur-Spiralen an Berliner Gleisen allein über fünfzigtausend Mal. Das sind etwa 20 Hefte, Tag für Tag. Vor kurzem ist nun Schöner Lesen Nummer 100 erschienen und zu diesem Anlass eine Box mit der kompletten Reihe, also rund zweitausend Seiten Automatenliteratur. Grund genug, sich das mal genauer anzusehen.

Underground zur Untermiete

Einen Verlag wie SuKuLTuR, der – neben Schöner Lesen – dafür bekannt wurde, den Techno- und Drogenroman Strobo des Bloggers Airen veröffentlicht zu haben, noch bevor daraus abgeschrieben wurde – so einen Verlag würde man am ehesten im Ostberliner Brachland vermuten, in einem lauten, ehemaligen Fabrikgebäude, irgendwo zwischen Bahntrasse und Szene- Viertel. Doch der Weg führt weit in den bürgerlichen Nordwesten. Im Souterrain einer herrschaftlichen Villa sitzt man schließlich zwei Dritteln von SuKuLTuR gegenüber: Programmleiter Marc Degens, der zugleich auch als Schriftsteller einen Namen hat, und Geschäftsführer Frank Maleu.

Es fehlt nur Gestalter Torsten Franz. Ein Underground-Verlag zur Untermiete, mit Bier und Sekt auf dem Glastisch in der Sofa­ecke. Eben alles ein bisschen anders als erwartet. „Dass das wirklich klappt war für uns auch überraschend“, sagt Maleu so, dass man ihm unmittelbar glaubt. „Wir wurden ja zunächst am umsatzstärksten Automaten getestet. Der steht in Wedding, S- und U-Bahnhof Gesundbrunnen. Ausgerechnet da. Aber die Leute kaufen das dort, bis heute.“ – „Die Automatenaufsteller würden das sonst auch gar nicht machen“, sagt Degens, „das sind ja keine Kunstförderer.“ – „Ja, das ist denen völlig wurscht. Ob da jetzt ein Kondom, ein Schokoriegel oder Literatur drinnen ist: Die Spirale muss sich drehen, mehr interessiert die nicht.“ Marc Degens und Frank Maleu kennen sich schon lange, sind in den Achtzigern gemeinsam im Ruhrgebiet zur Schule gegangen. Auch Torsten Franz kennt Degens seit Jahrzehnten.

Die Frage, warum die Büchlein den Heften des berühmten Ditzinger Reclam-Verlages so ähnlich sehen, stellt sich praktisch von selbst. „Das erste Heft war eigentlich als Hommage gedacht. Das war noch gar nicht auf Fortsetzung angelegt“, meint Degens. Als sich dann daraus eine Reihe entwickelte, bekamen sie tatsächlich einen Brief aus Ditzingen, und es wurden einige Veränderungen vorgenommen. „Wir waren froh, die Farbe behalten zu können“, sagt Degens und man merkt ihm die Erleichterung an. „Aber wir sind ja auch keine Konkurrenz für die.“


„Unser Produkt ist gar nicht für den Buchhandel geeignet“, sagt Maleu. „Die wissen nicht, wo sie das aufstellen sollen und haben Angst, dass man die Hefte einfach klaut. Außerdem können die dann nicht mehr rechtfertigen, dass die Postkarten das Doppelte kosten.“ – „Wobei wir keinen Gegenpart zum Buchhandel darstellen wollen“, wirft Marc Degens ein, „höchstens eine Ergänzung: Über die Automaten erreichen wir größtenteils Leute, die eher keine Bücher kaufen“, meint er und gießt sich Sekt nach. „Das hat auch etwas Subversives: Man kann den Leuten Dinge unterjubeln. Es macht einfach Spaß sich vorzustellen, dass jemand, der sonst eigentlich nicht liest, am U-Bahnschacht plötzlich hermetische Lyrik in der Hand hält.“ Und trotzdem kauft dieser Jemand das nächste Mal wieder ein Heft? „Scheinbar.“ Sicher ist für Degens jedenfalls, dass so gut wie niemand ein Heft kauft, weil er die Autoren kennt. Dafür sind sie seiner Meinung nach einfach zu unbekannt. In den vergangenen Jahren kamen zwar Namen wie David Wagner, Thomas von Steinaecker, Monika Rinck, Ron Winkler, Ann Cotten oder Thomas Meinecke hinzu, aber „das sind doch eher Feuilleton- Berühmtheiten, die spielen auf dem Bahnsteig keine Rolle.“

Eine Art Privatbibliothek


Wenn man sich so durch die Box liest, fällt auf, dass großen Wert auf Abwechslung gelegt wurde. Das einzige, was viele Hefte gemeinsam haben, ist Berlin. Die meisten Autoren wohnen dort, die Stadt ist vielfach implizit oder explizit Gegenstand der Texte und häufig trifft man auf etwas, was man als zeitgenössischen Berlin-Sound bezeichnen könnte: Laut, diesseitig und mit einem spürbaren Willen zur erzählerischen Anarchie. Ansonsten ist jedes Heft individuell gestaltet, es gibt qualitativ große Unterschiede und insgesamt eine bunte Zusammenstellung literarischer Gattungen. Auf einen Zyklus autobiografischer Berlin-Miniaturen von David Wagner folgt beispielsweise ein hinreißender Essay über Singvögel von Wolfgang Müller. „Das Grenzüberschreitende ist uns immer wichtig gewesen“, erklärt Degens die Auswahl, „Gerade in den Neunzigern war dieses schematische Denken noch weit verbreitet: Hier die Suhrkamp-Literatur, dort der Underground, das wollten wir aufbrechen. Wir wollten nicht unterscheiden zwischen Punk, Trash und Klassik.“

Und wie kommt er an die Manuskripte? „Mein eigentlicher Beruf ist ja Schriftsteller“, meint Degens, „da gibt es viele Synergie-Effekte. Die meisten Autoren kenne ich persönlich.“ Er sieht die Gefahr, Schöner Lesen könne eine Art Privatbibliothek von Marc Degens werden: „Man benutzt schon immer seinen Autorenstamm und macht einfach die Art Text, die einem selbst gefällt.“ Aber allein die ungefragt eingesandten Manuskripte würden da helfen. Und die Tatsache, dass einem dieses Problem bewusst sei. „Andererseits“, fügt er nach einer Pause hinzu „es gibt auch Schlimmeres als die Privatbibliothek von Marc Degens zu lesen. Finde ich.“

Das Heft, das auf den Singvögel-Essay folgt, enthält übrigens eine sehr feinsinnige Erzählung von Degens selbst, der zusammen mit David Wagner die meisten Schöner Lesen-Hefte geschrieben hat. Was für ihn aber nicht problematisch ist: „Gerade am Anfang habe ich halt einiges veröffentlicht, da war das Ganze ja noch nicht als Gegenwartsanthologie gedacht. Später habe ich dann schon Wert darauf gelegt, weniger Hefte zu machen.“

In einer Frage allerdings ist es überraschend schwer, von Degens und Maleu Auskunft zu erhalten: Wie kommt es zu dem Namen SuKuLTuR? Maleu: „Der war schon da, als ich kam.“ Degens: „Ja, da müsste man jetzt mal den Gestalter fragen.“ Maleu: „Die merkwürdigste Vermutung war, dass es was mit der Sowjetunion zu tun hat: SU-Kultur. Ich denke, das ist offen für Spekulationen.“ Degens: „Es hat schon diese Anlehnung an Subkultur, die anfangs noch gewünscht war und mittlerweile eher nervt.“ Aber es ist doch wirklich ein auffälliger Name. Degens: „Ja.“ Maleu: „Wie gesagt: Als ich kam, war der schon da.“ Degens: „Ich bin ja irgendwie auch erst dazu gestoßen.“ Mittlerweile ist es spät geworden und auf dem Weg zur S-Bahn spürt man den Berliner Winter herannahen. Am Gesundbrunnen muss man umsteigen, mit genügend Zeit für einen Gang zum Automaten: Uwe von Johnny Haeusler, Schöner Lesen Nummer 95. Da ist es fast schade, am Ziel anzukommen.

Die Box SuKuLTuR 2010, 2000 S., 111

Jörn Dege porträtierte für den Freitag zuletzt fünf junge Lyriker aus Leipzig

11:15 18.11.2010

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