Zungen und Ohren

Taxi von Damaskus nach Amman Irgendwo da vorn muss die Straße sein

Mohammad, den Arzt aus dem Irak, lernte ich auf dem Taxi-Bahnhof von Damaskus kennen. Hellhaarig und hellhäutig, getönte Brille, ein bisschen korpulent, nicht besonders schön und von arroganter Aura. Also mit dem da sollte ich ein Taxi nach Jordanien teilen. Ich hatte ohnehin schlechte Laune, und die wurde noch mieser, als ich sah, wie er ganz selbstverständlich den Beifahrersitz okkupierte und ich hinten mit zwei anderen Männern klemmte.

Eigentlich sind für derartige Touren nur drei Fahrgäste zugelassen, doch die geschäftstüchtigen Schlepper organisieren immer noch einen dazu. Und die Fahrer tun dann sehr erstaunt, dass immer diese bedauerlichen Irrtümer passieren. Also lächle ich tapfer meine Mitreisenden an und bin ihnen dankbar, weil sie höflich ihre Beine zusammenfalten. Ich lasse meinen Arm aus dem Fenster baumeln und schicke per Rückspiegel einen giftigen Blick zu Mohammad. Dann denke ich an meine erste Reise nach Jordanien vor einem Jahr.

Es dauert. Stunden schon. Auf dem Gleis steht ein Waggon vom Typ Wildwest, dahinter hängt ein Postwagen, nur die Lokomotive fehlt noch. Die ist irgendwo liegen geblieben in der Wüste zwischen Amman und De´ra an der syrischen Grenze. Es ist heiß, ein paar Reisende hieven ihre Kisten und Säcke in den Wagen, um danach sofort wieder in den Schatten unter der Bahnhofsuhr zu flüchten. Ein älterer Eisenbahner flitzt emsig hin und her und entschuldigt sich immer wieder, dass es noch nicht losgeht.

Ich stolpere ein bisschen auf den Gleisen herum, mache ein paar Fotos und setze mich dann in den Waggon. Eine Frau steigt zu, das große weiße Kopftuch umhüllt Gesicht und Schultern, unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Ihr Blick hat etwas Herausforderndes, in perfektem Englisch fragt sie mich aus nach Familie und Beruf, und ob ich schon einmal in Israel gewesen sei. Ich lüge, was sich als richtig herausstellt, gibt sie sich doch als Palästinenserin zu erkennen. Ihre Heimat kenne sie nur aus Erzählungen, in Jordanien geboren, habe sie ein Leben als jordanische Staatsbürgerin geführt.

Sie fragt, warum ich nur ein Kind hätte. "Keine Zeit", versuche ich mich heraus zu winden. Es sind nur Bruchteile von Sekunden, in denen ich alle Gefühlsregungen zwischen Verwunderung bis Hass zu sehen glaube. Als sie fortfährt, dass sie von Beruf Lehrerin sei und trotzdem sechs Kinder habe, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Doch gleich darauf wird ihr Blick wieder hart: "Das ist der einzige Weg, um Palästina zurückzubekommen." Es dauert einen Moment, bis mir klar ist, was sie meint, und mir wird schwarz vor Augen...

Mitten in der Wüste

Mit einem Ruck bin ich wieder in der Realität. Wahrscheinlich habe ich geschlafen, fast wäre ich mit dem Kopf auf der Schulter meines Nachbarn gelandet. Mein hochmütiger Mitreisender auf dem Vordersitz ist ungehalten, weil der Taxifahrer, kaum dass wir die Stadtgrenze von Damaskus hinter uns haben, schon zum ersten Mal hält. Wir parken vor einem dieser Verkaufsstände, von denen unzählige an der Strecke liegen. Der hier hat Unmengen von Hausrat im Angebot.

Unser Fahrer beteuert freundlich, es würde nicht lange dauern, und tauscht mit dem Besitzer ein paar große Plastiktüten. Wir bekommen Kaffee aus einer silbernen Kanne, nur Mohammad lehnt undankbar ab, er trommelt auf seinen Aktenkoffer. Ich bin schadenfroh, weil er sich ärgert, und beschließe, keine schlechte Laune mehr zu haben. Mir gefallen diese voll gestopften Läden; meinetwegen können wir an der nächsten Ecke wieder Halt machen und von diesem schwarzen Kaffee trinken, der einem fast die Sinne raubt. Die beiden Herren auf meiner Rückbank lächeln und falten sich wieder neben mir zusammen, ich lächle zurück, weil sie sich so viel Mühe geben, mich nicht einzuquetschen. Der Fahrer wirft einen Blick nach hinten, ob auch niemand fehlt, Mohammad stellt das Trommeln ein, weiter geht´s in Richtung Grenze.

Mittlerweile hat sich der Zug in Bewegung gesetzt. Der alte Eisenbahner hockt auf der Bank gegenüber und erzählt von seiner Arbeit. Seit über 30 Jahren ist er auf dieser Strecke unterwegs, zwei Tage in der Woche hin, zwei Tage wieder zurück, zwischen dem syrischen Grenzort De´ra und der jordanischen Hauptstadt Amman. Er kennt sich aus mit der Lokomotive, den Gleisen und Signalen.

Plötzlich steht der Zug mitten in der Wüste, und unser Eisenbahner sieht überhaupt nicht mehr stolz aus. Mit seinem Walky Talky, das eine Nummer zu groß für den schmächtigen Mann zu sein scheint, hetzt er in und her, kriecht unter die Lok, klopft die Räder mit einer Eisenstange ab, aber es hilft nichts. Die Reisenden nehmen es gelassen, ich auch. Der Eisenbahner schenkt mir einen dankbaren Blick. Die Grenzbeamten, die den Zug immer von einer Seite auf die andere begleiten und unsere Dokumente schützend bei sich tragen, entschuldigen sich höflich. Ausgerechnet heute muss das passieren... Ich versichere ihnen, dass es mir egal ist. Ich finde es sogar aufregend, mit diesem seltsamen Gefährt im Nirgendwo gelandet zu sein.

Wir steigen aus. Der alte Eisenbahner entfacht ein kleines Feuer, das bald nicht mehr wärmt. Am Horizont ist nur noch ein heller Streifen zu sehen, durch den ab und zu helle Pünktchen fliegen. Da vorn muss also die Straße sein.

Bald ist es dunkel und so kalt, dass wir es draußen nicht mehr aushalten. Drinnen im Zug ist es auch kalt und dunkel. Unser armer Eisenbahner versucht, eine Ersatzleuchte zu aktivieren. Irgendwann lässt er resigniert die Schultern hängen. Wir können gerade noch die Umrisse voneinander erkennen. Die junge Frau mir gegenüber, die zwei Kinder dabei hat, singt dem kleinen ein Wiegenlied, die Palästinenserin schaukelt das größere in den Schlaf.

Die beiden alten Leute - bisher haben sie ruhig und mit gefalteten Händen neben mir gesessen - verteilen jetzt Brotfladen aus den Säcken vor ihren Füßen. Ich reiche meine Wasserflasche herum. Die burschikose junge Frau, die neben der Tür sitzt, spendiert eine Runde Zigaretten und ist überzeugt: Ein Bus wird kommen und uns aus der Einöde retten, nur wann, das stehe in den Sternen über der Wüste. Wer ein Handy hat, telefoniert mit seinen Lieben. Auch die Palästinenserin. "Mein Mann wartet an der Grenze auf uns. Die ganze Familie freut sich schon auf dich" - so selbstverständlich hat sie mein Schicksal in die Hand genommen.

Das beste Bett im Zimmer

Unser Fahrer pfeift vor sich hin, und ich rede ein bisschen mit meinen Nachbarn, die ebenfalls Iraker sind. Ingenieure, die bei ihren Verwandten in Damaskus zu Besuch waren. Sie leben in Jordanien, schon sehr lange.

An der Grenze bietet mir Mohammad seine Hilfe an. Ich lasse ihn wissen, dass mir das Prozedere bekannt ist. Visum kaufen, Einreiseformular ausfüllen, Stempel abholen am Schalter, über dem Foreigners steht, total einfach, es geht alles schnell und reibungslos. Diesmal nicht. Weil ich einfach vergesse, mir die Einreise legitimieren zu lassen. Stattdessen sitze ich in der Sonne mit einem herrlich schwarzen Kaffee und warte, bis die anderen fertig sind. Mohammad erkundigt sich, ob mit mir alles in Ordnung sei. "Yes, I´m fine", behaupte ich.

Dann sitzen wir alle wieder im Auto und zeigen am Schlagbaum unsere Pässe vor. Meiner hat keinen Einreisestempel. Ein Fauxpas, wie ich ihn mir noch nie geleistet habe. Ich werde rot. Mohammad lächelt nachsichtig. Im Dauerlauf hole ich das Versäumnis nach. Aber die Herren nehmen mir die Verzögerung nicht übel. Und bevor wir Amman erreichen, hat mir Mohammad seine Telefonnummer und jedwede Unterstützung angetragen.

Ich sitze im Wohnzimmer meiner palästinensischen Reisegefährtin, wo mich Liebe und Fanatismus umgeben.

"Ja, wenn es sein müsste, würde ich meine Kinder in den Tod schicken - für Palästina", sagt die Frau, und ihr stiller Mann sieht in die Ferne. "Ja, wir wären bereit zu sterben, für Palästina", sagen auch die Töchter.

Ich sage, dass ich das nicht akzeptieren kann, nicht als Mutter und nicht als Mensch.

Sie sagen, dass ich es nie verstehen werde.

Ahmed, der zweitälteste Sohn, hat im Irak studiert. Er verehrt Saddam Hussein, weil der immer die Sache der Palästinenser unterstützt hat. "Wir sind enttäuscht von euch Europäern, ihr habt uns im Stich gelassen", wirft mir ein Onkel von Ahmed vor. Ich verfüge nicht über viel diplomatisches Geschick und balanciere zwischen den Argumenten.

Während die Töchter ständig Essen aus der Küche bringen, geben sich Nachbarn und Freunde die Klinke in die Hand, um die Fremde zu besichtigen. Die Männer verwickeln mich ohne Umschweife in schwierige Debatten. Vor Anstrengung kann ich kaum noch etwas sehen. Ich will niemanden beleidigen, aber auch deutlich machen, was ich von Kriegen und Selbstmordattentaten halte.

Sie legen mir einen Schal in den Farben Palästinas um den Hals und geben mir das beste Bett im Zimmer der Mädchen.

Am nächsten Morgen wollen sie mich nicht gehen lassen. Ich solle bleiben, wenigstens eine Woche, ich soll sie verstehen lernen.

Erst als ich im Bus Richtung Amman sitze, wird mir klar, dass ich diese Nacht in Zarqa verbracht habe, wo Abu Musah al-Zarqawi geboren wurde, der im Irak als "Terrorist Nr. 1" gilt.

Erinnerst du dich?

Ein Jahr später nehme ich Mohammad mit nach Zarqa. Ich locke ihn mit den hübschen heiratsfähigen Töchtern der Familie und der Tatsache, dass Ahmed im Irak studiert hat. Der junge Mann holt uns am Busbahnhof ab. "Erinnerst du dich?", fragt er, als wir vor seinem Haus stehen. Ja, ich erinnere mich. wie ich noch vor meiner Abreise die Großmutter im Erdgeschoss besuchen musste, die wieder eine ganze Nacht beim Kartenspiel gesessen hatte. Danach stellten wir uns alle zu einem Foto auf, das leider nichts geworden ist.

Ahmeds Mutter nimmt mich in die Arme. Die Schatten unter ihren Augen sind noch dunkler geworden. Die Mädchen fliegen mir an den Hals und schielen dabei heimlich nach Mohammad. Sie haben gekocht - "ich überlasse ihnen jetzt das Feld", lächelt die Mutter. Sie ist müde, denke ich.

Die Mädchen tragen die ganze arabische Küche auf. Dabei ist die älteste überhaupt nicht scharf darauf, Haushalt und Familie zusammenzuhalten. Sie träumt vom schönen Leben an der Seite eines reichen Mannes, will weder arbeiten noch putzen. Die jüngere widerspricht empört. Sie möchte studieren und auf keinen Fall einen Mann haben, der so faul ist wie ihre Brüder.

Ich habe den jüngsten davon besonders ins Herz geschlossen, charmant sieht er aus mit seiner randlosen Brille und den zarten Händen. Er ist pausenlos neugierig und würde gern die Welt sehen. Und Palästina? - Der Blick der Mutter verrät, am Ende wird sie entscheiden, wohin ihn das Leben führt.

Mohammad unterhält sich gerade mit Ahmed über Mossul, seine Heimatstadt im Irak. Und dann entdecken die beiden Männer auch noch, dass Ahmed während seines Studiums ganz in der Nähe von Mohammads Elternhaus wohnte. Wie einfach doch Menschen zusammenkommen können.

Später, wir haben uns von den Palästinensern verabschiedet, besorgt Mohammad von irgendwoher noch eine Flasche Whisky. Er schweigt, weil er wissen will, was ich zu sagen habe. Ich falle drauf rein und fange an, unseren Besuch bei der Familie in Zarqa zu analysieren. Ich verstehe einfach ihre Radikalität nicht. Sicher, Palästina ist ihre Heimat, aber sie haben nicht das Elend der Flüchtlingslager kennen gelernt, auch nicht den Krieg, sie haben ein Haus und eine gute Ausbildung, genau wie ihre Kinder. Sie sollten nach einem anderen Weg suchen.

"Wir Araber haben eine besondere Beziehung zu unserer Erde. Ihr werdet das nie verstehen." Mohammad sieht mich lange an, wohl wissend, dass ich darauf nichts erwidern kann. Dann endlich redet er von sich. Langsam, zögernd. Von dem Tag, als diese Männer in sein Krankenhaus in Mossul gebracht wurden. Straftäter, denen Zungen und Ohren abgeschnitten werden sollten. Er weigerte sich, genau wie sein Chefarzt. Der bezahlte es mit dem Leben. Mohammad mit qualvoller Haft. Heute lebt er vorwiegend in England, im Exil quasi, und ist beunruhigt, was in seinem Lande vor sich geht.

Manchmal fährt er zurück, nach Mossul, um seine alte Mutter zu überzeugen, ihm nach England zu folgen. Sie will nicht. "Manchmal schreiben wir uns, um uns zu erzählen, wo wir gerade sind ..."


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00:00 20.10.2006

Ausgabe 42/2021

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