Zur Linken Gottes

Zusammengebundene Annäherung aus nächster Nähe oder: über das zukunftsweisende Und zwischen Christentum und Sozialismus

"Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel ... und lobten Gott und fanden Wohlgefallen beim ganzen Volk." So wie es die Apostelgeschichte in Vers 2,44ff beschreibt, lebte Kirche in ihren Anfangsgründen. Und so wirkte sie in die Gesellschaft hinein, auf kurze Zeit.

Dieses "urkommunistische Christentum"- eine gemeinsame Lebensform, in der nach dem schönen Wort von Johannes Bobrowski "keiner nichts hat" - lebt heute noch in Klöstern und Kommunitäten weiter. Und, wie landauf landab zu bemerken, mit wachsendem Interesse und Inanspruchnahme einer nach innerem Halt und alternativer Lebensform suchenden Gesellschaft. Die Spur vielfältiger Versuche, die Affinität von Christentum und Kommunismus in gesellschaftliche Lebensmodelle umzusetzen, zieht sich durch die Jahrhunderte von Thomas Morus über die Gemeinschaft der Jesuiten mit den Guaranies im Paraguay des 17. Jahrhundert zu den Ideen der Sozialisten des 18. und 19. Jahrhunderts in England, Frankreich, Russland und Deutschland.

Gerade die Tatsache, dass die Modelle des gemeinsamen Wirtschaftens und Lebens, der Teilhabe aller an allem Erarbeiteten mit dem Ziel, jedwede Ausbeutung unmöglich zu machen, immer wieder scheiterten, neu, verändert aufbrachen und bis zum heutigen Tage die Menschheit bewegen und nicht zur Ruhe kommen lassen, gerade diese Tatsache der gebrochenen Kontinuität spricht für die Hoffnung auf eine sozialistische Gesellschaft, der sich dann auch die "religiösen Sozialisten" angeschlossen haben, die Übereinstimmung von biblischen Weisungen und politischen Forderungen der Sozialisten erkennend.

Weil es um den Weg zu einer echten Menschengemeinschaft geht, hat das Christentum mit seiner jüdisch-christlichen Tradition gesellschaftspolitische Stellung zu beziehen.

In den DDR-Zeiten haben wir "Kirche im Sozialismus" gelebt im Miteinander und Gegeneinander zum sozialistischen Staat. Eine Kirche ohne materielle Privilegien und machtpolitische Möglichkeiten hatte einen Freiraum und eine Klarheit des Denkens und Handelns, die auch vielen Nichtchristen Rückhalt und Sprache gab. Während meiner Zeit als Schülerpfarrerin in Halle/Saale (1975-1982) haben wir die Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz genährt mit dem Blick in die Anfänge der Kibbuzbewegung in Israel und mit Briefkontakten zu den Mitgliedern der christlich-kommunistischen Gemeinschaft in Solentiname in Nikaragua und dessen Leiter Ernesto Cardenal. Und vor allem in der großen Hoffnung auf den Prager Frühling (der schon längst zerschlagen war). Es gab ihn eben doch, den Sozialismus, der nicht den Atheismus zur Voraussetzung hatte.

Die Befreiungstheologie Lateinamerikas hat August Bebels Diktum "Religion und Sozialismus verhalten sich wie Feuer und Wasser" widerlegt oder zumindest in Frage gestellt. Im Studium der Pflichtlektüre der Werke von Karl Marx hatte wohl jeder in seiner Ausgabe dick unterstrichen: "Religion ist Protestation gegen das wirkliche Elend". Wie klar war hier die Linie zurück zu verfolgen bis in die jahrhundertealte biblische Tradition der Propheten Israels: "Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!" (Jesaja 58,7) "Böse Zeit ist´s, da ein Mensch über den Anderen herrscht", weiß der Prediger Salomonis seinem späten jüdischen Bruder Karl Marx ins Handbuch der Ökonomie zu schreiben. So konnte auch in der DDR kirchliche (Jugend-) Arbeit eine Brücke zwischen Menschen unterschiedlicher Anschauungen sein. Sie hatte immer ein Fenster offen zu halten, um nicht in der verordneten Enge zu ersticken.

Sozialismus ist als Verwirklichung zu allen Zeiten möglich, wenn eine genügende Zahl Menschen ihn will. Diese Zahl wächst weltweit, ohne Frage. Auch in Deutschland? Unabdingbare Voraussetzung aller ernstzunehmenden Sozialisten heute ist es, die furchtbaren Erfahrungen eines durch Totalitarismus entstellten Sozialismus als Warnung und Grund zur Um- und Abkehr von dieser Verzerrung vor Augen zu halten. Auch hier ist Reformation im Gange als Rückbesinnung um der Zukunft willen, denn den Gedanken des Sozialismus auf Stalin-Lager und Stasi-Zellen zu beschränken, entspräche der Gleichsetzung von Christentum mit der Conquista und den Deutschen Christen in SA-Uniform und ohne. Nein, dafür sind der Gedanke des Sozialismus, für eine Welt der Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit zu kämpfen, und das Geschenk des jüdisch - christlichen Glaubens in den Weisungen Gottes zum Leben zu groß und zu verwandt. Menschen beider Lebens- und Glaubensformen sind zusammengebunden; und zwar von höchster Stelle, in Gottes Autorität selbst. Wenn Martin Buber das biblische Zentralgebot Gottes an die Menschen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" mit den Worten übersetzt: "Halte lieb deinen Genossen, dir gleich! Er ist wie du", dann meint er eben damit die Menschheitsgenossen, die als Chawerim (hebräisch, deutsch: die Zusammengebundenen) in Freiheit entlassen sind, der Erde ein menschenwürdiges Gesicht zu geben. Das gilt partei-, kirchen- und religionsübergreifend.

Es ist an der Zeit, den Sozialismusgedanken als etwas Gewachsenes wiederzuentdecken, ihn aus der Tabuzone zu befreien, ihm neue Aktualität zu geben. 15 Jahre sind eine lange Zeit des Schweigens und Verdrängens. Es ist die Zeit, aufeinander zu zugehen, die Defizite zu sehen und die Verwerfungen auf beiden Seiten einzugestehen. Nicht neue Fronten sind festzuklopfen. Nicht alte, auch begründete, Vorurteile sind zu zementieren, wie dieses, dass Sozialismus und Demokratie nie zusammengehen. "Das Eintreten für einen demokratischen Sozialismus ist an keine bestimmte Weltanschauung, Ideologie oder Religion gebunden", so steht es im Parteiprogramm der Linkspartei.PDS. Da hat sich ein Wandel vollzogen. Den ernst zu nehmen und zu überprüfen, ist Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft und ihrer Bürger und Bürgerinnen.

Nicht Fronten, sondern Brücken brauchen wir zueinander angesichts des Elends, das die globalisierte Marktwirtschaft auch vor Ort verursacht, ein neues, ganz anderes Wirtschaften für das Leben, das Mensch und Natur als Geschenk zur Verantwortung begreift, ein Wirtschaften, das den vorhandenen Reichtum endlich so verteilt, dass nicht mehr alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger auf dieser reichen Erde stirbt, eine endgültige Absage an Gewalt und Rüstung, dass nie mehr eine Mutter ihren Sohn beweint, eine viel größere Wachsamkeit gegen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit, eine neue Asylpolitik mit einem Bleiberecht für die Verfolgten dieser Erde. Es geht nicht mehr nur um Reparaturen des derzeitigen politisch-wirtschaftlichen Systems. Das ganze Programm der Kapitalvermehrung und Wachstumsideologie hat keine Zukunft. Dem real existierenden Kapitalismus mit seinem sich immer weiter drehenden Rad der Leistungsforderung und des Erfolgsprofites ist dringend und schnellstens in die Speichen zu greifen.

In einer Kirche als "Kirche für andere" (Dietrich Bonhoeffer) gibt es keine politische Neutralität. "Die Parteilichkeit Gottes stellt den Christen nach links", schrieb der Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt in dem Buch über seinen Lehrer Karl Barth als Sozialisten. Somit ist die aktuelle Streitfrage in den Linksparteien, wo und was links sei, eindeutig zu beantworten: Links ist in der Parteilichkeit Gottes der Ort bei den Schwachen, Ausgegrenzten, Armen und Vergessenen dieser Erde. Christen können den Sozialisten Spiritualität für ihr Handeln geben. Können ihre Programme ankern in dem Eintreten Gottes für den Menschen. Die Bibel weiß zu Asylsuchenden und Verlorenen, zu Friedfertigen und zu den Lieblingen Gottes, den Armen und Geringen, Geschichten zu erzählen, die Geschichte gemacht haben. Auch die wollen wir niemandem vorenthalten.

Gottes Geschichte mit den Menschen zeigt, wie dringend es ist, dass Christentum und Sozialismus wieder zusammenfinden, denn die "Brotfrage ist eine Gottesfrage. Die Religion hat keinen Wert, wenn sie nicht die Gesellschaft ändert", vermerkte der religiöse Sozialist Christoph Blumhardt 1899.

"Wir haben Marx mit Markt getauscht und das Anrecht auf Kindergartenplätze mit dem Anrecht auf Parkplätze." (Friedrich Schorlemmer) Gerechtigkeit ist pervertiert zu endlosen Rechtsstreitigkeiten. Wir wissen, was Leistungsempfänger sind, dass Nullwachstum auch Wachstum ist und Besitzstandswahrung zum Vokabular des Grundschülers gehört. Das ist nicht das, was wir brauchen. Der rechte Gewinn ist die Freiheit des Denkens und Redens und Handelns, die Suche nach alternativen Möglichkeiten für eine globale Gerechtigkeit, die den Bruder in Osteuropa und die Schwester im Sudan vor Augen hat. Dazu müssen die Kräfte im Land gebündelt werden. In Lateinamerika pflegt man zu sagen: "Hier reicht es nicht, links zu sein, man muß auch noch Christ sein." Dieser Satz lässt sich auch umdrehen. Das Wort des religiösen Sozialisten Adolf Grimme, Pädagoge und SPD-Politiker, 1942-45 in Haft, nach dem Krieg Kulturminister in Niedersachsen und Direktor des NDR, "Sozialisten können Christen sein, Christen müssen Sozialisten sein", bleibt im Kern wahr, denn es geht nicht um einen Parteisozialismus, sondern um einen Sozialismus, der im Handeln und Denken mit dem Mühen des Christentums übereinstimmt: dem Menschen in Würde leben zu helfen, das lebensnotwendige Eigentum zu bewahren und es verpflichtend für die Gemeinschaft bereit zuhalten und den reichen Besitz Weiniger zu verteilen den Vielen.

"Gemeinsames Wirtschaften für die Zukunft ist nur möglich als ein sozialistisches." (Martin Buber) Das aber braucht Zeit, Raum und Gespräch. Die Grundidee des Sozialismus, wie eine Gesellschaft zur Gemeinschaft wächst, kehrt in diesen Tagen gerade in Lateinamerika wieder ein und wartet darauf, genährt und gestärkt zu werden von einer neuen Annäherung zwischen Sozialismus und Christentum - auch in unserem Land. Christentum und Sozialismus sind durch ein ergänzendes und korrigierendes und ein zukunftweisendes Und verbunden. Diesem haben wir uns um der Erde und des Himmels willen in diesem neuen Jahrtausend neu zuzuwenden.

Elfriede Begrich ist Pröpstin des Sprengels Erfurt-Nordhausen der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen.


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00:00 07.04.2006

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