Zur Sonne, zu Aldi

Dokumentartheater „Rot oder Tot“ collagiert die 89er-Wende und den Frust, der ihr folgte
Alexander Jürgs | Ausgabe 50/2019

Nur ein paar Augenblicke dauerte es, da war aus dem weiten Möglichkeitsraum des Umbruchs, der „friedlichen Revolution“, der Weg in den Beitritt geworden. „Blühende Landschaften“ hatte der Wendekanzler versprochen, alles Weitere scheint hinlänglich bekannt. Von diesem Zwischenraum, der Zeit zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990 und von den wilden und deprimierenden Aufbruchs-Neunzigern erzählt dieses Dokumentartheater.

Wendestress – too much past inside my present vom freien Kollektiv Eleganz aus Reflex aus Frankfurt (wohlgemerkt: am Main), inszeniert von Carolin Millner, Jahrgang 1984 (geboren in Halle an der Saale) ist der fünfte und letzte Teil einer Reihe des Kollektivs unter dem Titel Rot oder Tot, die eine Rückschau auf 40 Jahre Deutsche Demokratische Republik versucht, die der gemeingültigen Geschichtsschreibung zuwiderläuft und ein „immersives Schauspiel zu politischer Partizipation und der (Re)konstruktion von Geschichtsverlauf und Erinnerung“ sein will.

Scheußliches Glitzern

Zwei Schauspielerinnen, Johanna Miller und Sarah Gailer, stehen auf einer mit einem durchsichtigen Stoff zweigeteilten und mit einer Handvoll ausrangierter Theaterstuhlreihen bestückten Bühne. Sie sprechen die Schnipsel, die aus Romanen, Reden, Runder-Tisch-Protokollen, Filmen und Hörspielen zusammengeklaubt und zu einer Textfläche collagiert sind. Die Quellen, die das Theaterkollektiv für seine Stückentwicklung verwendet hat, werden im Programmheft en détail aufgelistet: Volker Braun, Stefan Heym, Christa Wolf, Manja Präkels, Journalist Peter Richter oder Filmregisseur Andreas Dresen waren Stichwortgeber. Die Darstellerinnen sprechen nüchtern, ruhig, in manchen Momenten regelrecht teilnahmslos. Aufbrausend oder pathetisch wird es an diesem Theaterabend nie. Dabei leihen Gailer und Miller ihre Stimmen ganz unterschiedlichen Charakteren: dem Stasi-Mitarbeiter, der sich daran klammert, auf der richtigen Seite gestanden zu haben, den Bürgerbewegten, die der Beschleunigung der Ereignisse nichts entgegensetzen können und zu Randfiguren werden, dem Skinhead, der Halt in den nun selbstbewusst auftretenden rechten Netzwerken sucht, der Frau, die mit der Bahn in den Westen aufbricht, die daneben sitzt, während ein Mann mit schwäbischem Dialekt sich über „die aus dem Osten“ das Maul zerreißt. „Ob man mir den Ossi noch ansieht?“, fragt sie sich.

Die DDR wird in dieser Inszenierung zu einem windumtosten Kahn, der dem „Wendemanöver“ nicht mehr entkommen kann. Pantomimisch vollführen die Schauspielerinnen die Handgriffe der Segelnden, die Theaterstühle werden zu ihrer Nussschale – es ist ein einfaches, aber eindringliches Bild. Und mehr und mehr wird klar, dass der Lauf der Geschichte nicht zu bremsen ist. Die Kostüme aus weißem Tuch werden durch glitzernde Scheußlichkeiten aus Kunstseide ersetzt, Arbeitsplätze gehen verloren, Bewerbungs-Coachings absolviert, die Angst vor den neuen Nazis macht sich breit.

Die Bilanz fällt nach knappen eineinhalb Stunden bitter aus: Aufgestanden und erhoben haben sich die Menschen, gelandet sind sie bei Aldi. So bleibt zum Schluss nur Lamento. Man hätte sich mehr Utopie gewünscht. Mehr Trotz.

Info

Rot oder Tot – Wendestress – too much past inside my present (5) Carolin Millner (Regie), Studio Naxos Frankfurt, 13.12. und 14.12.2019

06:00 14.12.2019

Ausgabe 14/2020

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